Interview

Regina Halmich im AZ-Interview: "Dieser Sexismus ist unsäglich"

Regina Halmich hat sich in der Männerdomäne Boxen durchgesetzt. In der AZ spricht sie über die Sexismus-Debatte bei Olympia: "Unglaublich, dass Frauen immer noch zu Objekten degradiert werden."
| Matthias Kerber
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Outfits, die mehr offenbaren als bekleiden, sorgen aktuell bei Olympia für hitzige Diskussionen. Vor allem die Anzüge der Turnerinnen stehen dabei im Fokus der Debatte.
Outfits, die mehr offenbaren als bekleiden, sorgen aktuell bei Olympia für hitzige Diskussionen. Vor allem die Anzüge der Turnerinnen stehen dabei im Fokus der Debatte. © Georgios Kefalas/dpa/KEYSTONE

AZ-Interview mit Regina Halmich: Die frühere Weltmeisterin (44) musste sich in der Männerdomäne Boxen gegen Vorurteile durchsetzen.

AZ: Frau Halmich, Sie haben im Boxsport so ziemlich alles erreicht, waren über ein Jahrzehnt Weltmeisterin, nur das eine große Ziele blieb Ihnen immer verwehrt, Sie konnten nie bei Olympischen Spielen antreten.
REGINA HALMICH: Ja, das ist auch wirklich der eine Wermutstropfen in meiner Karriere. Immer, wenn ich Olympia anschaue, spüre ich, dass ich dieses Erlebnis vermisse, das wäre sicher das Größte gewesen. Aber ich bin mit meiner Karriere im Reinen. Lange war Frauenboxen nicht olympisch, dann durften keine Profis antreten. Ich war zwar nie bei Olympia, aber ich habe als Profi alles erreicht und gutes Geld verdient. Es ist gut, wie alles gelaufen ist. Ich habe mich auch sehr für Nadine Apetz gefreut, die es als allererste deutsche Boxerin überhaupt zu den Olympischen Spielen geschafft hat. Sie hat damit Geschichte geschrieben. Schade, dass sie früh gescheitert ist. Aber sie wird für alle Zeiten in den Geschichtsbüchern stehen: als erste deutsche Boxerin, die es zu Olympia geschafft hat. Sie kann stolz sein. Auf sich - und ihre Karriere. Nebenbei ist sie auch noch ein toller Mensch, den ich sehr mag.

"Unglaublich, dass Frauen zu Objekten degradiert werden"

Eine der großen Diskussionen dieser Spiele geht um Sexismus, dass von den Athletinnen im Kunstturnen oder Beachvolleyball vorgeschrieben oder zumindest erwartet wird, dass sie in mehr als offenbarenden Outfits antreten. Sie haben in Ihrer Karriere in der Männerdomäne Boxen ja auch einiges an Sexismus erleben müssen.
Oh ja! (lacht) Wenn es um das Thema geht, könnte ich tief Luft holen und erst eine halbe Stunde später den nächsten Atemzug nehmen. Sexismus ist sowas von unsäglich. Es ist unglaublich, dass Frauen immer noch zu Objekten degradiert werden. Dass es bei den Outfits nicht darum geht, dass jemand den Sport besser ausüben kann, darüber müssen wir ja nicht diskutieren. Da gibt es ganz andere Gründe und die sind sexistisch. Es ist so ein Eingriff in deine Persönlichkeit, ja, wirklich in deine Intimsphären, wenn man dich zwingt, solche Outfits zu tragen, bei denen man sich unwohl fühlt. Man ja weiß, wo die Blicke hingehen. Frauen sollten im Sport Frauen sein dürfen, ohne sexy sein zu müssen. Es kommt nicht darauf an, dass Frauen sexy sind, sondern, dass sie gut sind! Bei den Männern wird auch nicht diskutiert, was sie tragen müssen. Das ist ein Thema, das mich erzürnt. Wir führen Diskussionen über die Gendersprache, die ich persönlich vollkommen unnötig finde, vergessen aber, dass der Sexismus im Kopf anfängt, nicht in der Sprache. Wir müssen die Einstellungen verändern, dazu gehört auch, dass solche Outfits eben nicht vorgeschrieben sind, sondern jede Sportlerin das trägt, in dem sie sich wohlfühlt, solange sie sich dadurch keinen Vorteil verschafft.

Die ehemalige Boxerin Regina Halmich.
Die ehemalige Boxerin Regina Halmich. © BrauerPhotos/J.Reetz

Sie haben außerhalb des Boxrings gerne mit Ihren Reizen gespielt, sich etwa für den Playboy ausgezogen.
Das stimmt. Aber der entscheidende Punkt ist: Ich wollte das, ich wollte in dem Moment sexy und verführerisch sein. Das war meine ureigene Entscheidung. Ich wurde nicht dazu gezwungen oder musste mich halb entblättern, nur um meinen Sport ausüben zu können. Sexy zu sein, muss immer eine freie Willensentscheidung sein - und darf dir nicht von außen aufgezwungen werden. Denn dann ist es nicht sexy, sondern sexistisch. Ich finde es übrigens grandios, dass die Sängerin Pink die Strafe zahlt, die den norwegischen Beachhandballerinen auferlegt wurde, weil sie eben nicht in knappen Höschen spielen wollten. Pink ist dafür meine Heldin, das ist die Einstellung und Solidarität, die wir brauchen.

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"Wir alle haben mal Probleme"

Ein anderes sehr brisantes Thema wurde durch Tennis-Ass Naomi Osaka und Turn-Queen Simone Biles öffentlich, die beide offenbart haben, an Depressionen zu leiden und dem Druck, der - auch im Sport - oft aufgebaut wird, nicht immer standhalten zu können.
Ich finde es stark, dass die beiden damit an die Öffentlichkeit gehen. Es ist mutig und wichtig zu sagen: Ich fühle mich auch mal nicht gut, ich fühle mich etwas nicht gewachsen. Das ist keine Schwäche - ganz im Gegenteil. Wir alle haben mal Probleme, der Druck kann immens sein. Wir sind alle Menschen und keine Maschinen. Es gab diese Probleme schon immer, ich kannte in meiner aktiven Zeit einige Sportler, die mit dem Druck nicht fertig geworden sind, die daran zerbrochen sind. Gerade hat erst der Boxer Leon Bauer ein Video von sich gepostet, in dem er erklärt, dass er an Depressionen leidet, dass er sich jetzt Hilfe suchen wird. Gerade zu Corona-Zeiten merkt man, dass immer mehr Leute an Depressionen leiden. Wenn dann die Leute sehen, dass ein Star sagt, dass er die gleichen Probleme hat, ist das eine wichtige Botschaft. Man muss nicht immer stark sein, man kann nicht immer stark sein. Das Wichtigste ist, dass wir endlich wieder verstehen, dass wir mehr Mitgefühl, Sensibilität und Anstand dem anderen gegenüber an den Tag legen müssen. Wir müssen alle wieder viel mehr Mensch sein.

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