"Red Bull Airrace"-Pilot: „Wie Einparken bei Tempo 400!“

Matthias Dolderer ist der einzige Deutsche in der „Formel 1 des Fliegens“. Exklusiv in der AZ spricht er über extreme Belastungen, Angst, Blackouts und warum sich eine Partneragentur bei ihm meldete.
| Interview: Matthias Kerber
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„Von der reinen Natur her ist die Gegend um das Monument Valley vielleicht der schönste Ort der Welt“, sagt der deutsche Kunstflugpilot Matthias Dolderer.
Redbullmediahouse „Von der reinen Natur her ist die Gegend um das Monument Valley vielleicht der schönste Ort der Welt“, sagt der deutsche Kunstflugpilot Matthias Dolderer.

München - Der 45-jährige Matthias Dolderer aus Ochsenhausen ist der einzige Deutsche, der in der Mastersclass beim Red Bull Airrace startet. Dieses Wochenende findet die „Formel 1 des Fliegens“ im österreichischen Spielberg statt. Die AZ hat ihn zum Interview getroffen.

AZ: Herr Dolderer, seit jeher war die Menschheit – und viele Ihrer Vordenker wie Leonardo da Vinci – vom Traum zu fliegen beseelt. Sie, der einzige Deutsche, der in der Mastersclass des Red Bull Airrace startet, und mit spektakulären Manövern jetzt am Wochenende in Spielberg für Aufsehen sorgt, leben diesen Traum im Extremen.

MATTHIAS DOLDERER: Dieser Traum war immer auch mein Traum, ich bin auf Flugplätzen groß geworden. Die Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke, die man beim Fliegen erhält, sind mit nichts anderem zu vergleichen. Es gibt viele abgefahrene Dinge, die man machen kann, aber dieses spezielle Freiheitsgefühl des Fliegens ist einzigartig. Das ist den Erdverbundenen und Erdgebundenen nur schwer zu vermitteln. Aber die Welt da oben ist definitiv eine andere.

 

„Mein Vater hat seinen Bauernhof gegen einen Flugplatz getauscht“

 

Man spricht gerne davon, frei wie ein Vogel zu sein.

Ich denke, dass der Vogel noch ein anderes Freiheitsgefühl hat, weil er mit seinem eigenen Körper diese Erfahrungen macht. Aber wir sind wahrscheinlich zumindest in der Lage, ein bisschen von seiner Freiheit nachzuvollziehen. Aber man muss, wenn man so redet, stets aufpassen, sonst denken die Leute nicht, der ist frei wie ein Vogel, sondern der hat einen. (lacht)

Entwickelt man durch diese erhabene Sicht, die man auf die Welt hat, eine besondere Naturverbundenheit?

Ja. Man lernt die Elemente anders kennen – und schätzen. Wind und Wetter, Schatten, damit müssen und dürfen wir arbeiten und leben. Ich denke, dass man dadurch eine besondere Wertschätzung für Mutter Natur entwickelt.

Welcher Ort ist für Sie der schönste der Welt?

Ich habe viele atemberaubende Orte gesehen, aber von der reinen Natur her würde ich das Gebiet um den Grand Canyon und das Monument Valley als den schönsten bezeichnen. Die Weite, die Unwirklichkeit der Landschaft, all dies bei Sonnenaufgang im Flugzeug zu erleben, das Widerspiel der Farben, wenn der Mond fast wie die Sonne erstrahlt, das war einzigartig. Es gibt Flugerlebnisse, da schwärmt man noch Jahre später davon. Diese Gefühle nimmt man mit, die vergisst man nie, die verblassen nie.

Die Faszination für das Fliegen wurde Ihnen sozusagen vererbt.

Stimmt. Mein Vater hatte einen Bauernhof. Er war aber einer, der stets andere Wege beschritten hat, da er seine Existenz nicht von der Höhe – oder Niedrigkeit – der Milchpreise abhängig machen wollte. Er hatte einen Freund, der geflogen ist – und er mit. Dann haben sie festgestellt, dass es in der Gegend keinen guten Flugplatz gibt, daraufhin hat er den Bauernhof gegen einen Flugplatz eingetauscht und den gestaltet, wie er es für richtig hielt. Ich bin schon als kleines Kind mitgeflogen.

Wie kommt man dazu – doch sehr bürgerlich –, erstmal Industriekaufmann zu lernen?

Ich hatte die Schule fertig, wollte kein Abitur machen, wusste aber nicht, was ich wollte. Meine Mutter hat gesagt, ich soll erstmal was Gescheites lernen. Das habe ich. Der Betrieb hätte mich übernommen, aber mir war klar, dass ich nicht acht Stunden am Tag immer das Gleiche tun will. Erst wollte ich mein Abitur nachmachen, aber am Tag der Prüfung habe ich verschlafen und deswegen angerufen, dass ich nicht komme. Meine Schwester hat damals bei einer Fluglinie gearbeitet, so kam ich an billige Tickets und bin drei Monate durch Amerika und Australien gereist. Danach war klar, dass ich was anderes machen wollte.

Sie hatten da eine recht spleenige Idee!

Ohja. Ich war so 22, 23. Mit ein paar Freunden hatte ich den Lebenstraum, die Welt zu erkunden. Durch meine Reisen war mir klar, dass man nicht genug Zeit auf dieser Welt hat, die schönsten Orte sowohl von oben, also im Flugzeug, als auch von unten, auf der Erde, zu sehen. Also entwickelten wir den Plan, ein Flugboot zu kaufen und so beides in einem Aufwasch hinzukriegen. Dazu fehlte aber das Geld. Deswegen haben wir in den fünf größten Publikationen der Welt, etwa der New York Times, eine Annonce geschaltet, dass wir eine Frau suchen, die uns das finanziert. Dafür hätte sie mitfliegen dürfen. Der größte Spaß war, sich den Text für die Anzeige auszudenken. Das war eine Party für sich!

Und? Hat sich eine Frau gemeldet?

Nicht eine. Die einzige Zuschrift, die wie erhielten, war von einer Partner-Agentur, die uns bei der Frauensuche helfen wollte. (lacht)

Erklären Sie einem Laien, wie es sich anfühlt, wenn man im Flieger sitzt und Fliehkräfte von bis zu 10 G, also das zehnfache des Körpergewichts, auf einen einwirken?

Das kann man schwer beschreiben. Vielleicht wie bei einem Hammerwerfer. Wenn der die Kugel richtig rumwirbelt, bevor er sie loslässt, wirken vergleichbare Kräfte. Aber unsere Körper sind diesen Kräften nur kurz ausgesetzt. Wenn man mal vier, fünf Sekunden 8 G erlebt, ist das lange. Das Blut im Kopf, das den Sauerstoff in sich trägt, sackt nach unten. Als Erstes wird das Sehen betroffen und es kommen die Sternchen, dann kommt Tunnelblick und Blackout, danach verliert man das Hörorgan, dann kommt die Bewusstlosigkeit. So ist die Reihenfolge. Wenn man das weiß, kann man gegensteuern. Es ist so, dass der Körper ein Muskelgedächtnis entwickelt. Der weiß, wenn ich diese Aktion mache, kommt das und er steuert gegen. Aber es ist schon so, dass ich die Sternchen im Flugzeug herholen, aber auch wieder wegschicken kann.

Haben Sie dabei Angst?

Nein. Ich habe Angst vor Schlangen. Und vor Haien. Aber im Flieger kenne ich mich aus. Das sieht alles sehr spektakulär aus – und ist es auch. Aber was für die Leute, die das nicht kennen, so schwer zu verstehen ist, wenn ich da zwischen den Pylonen unterwegs bin, ist das mein Wohnzimmer, meine Wohlfühlzone. Wie würden Sie das Flugerlebnis an sich beschreiben? So, als würden Sie versuchen, bei Tempo 400 in eine Garage einzuparken. (lacht)

 

„Das wichtigste Wort in unserem Job ist Risikomanagement“

 

Haben Sie in all den extremen Situationen Bekanntschaft mit dem Tod gemacht?

Nein, nie. Eines der wichtigsten Worte in unserem Beruf ist Risikomanagement. Keine Sache in der Welt ist so dringend, dass es sich lohnt, dafür zu sterben. Fliegen ist ein Unterfangen, bei dem wirklich alle Sinne involviert sind. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, nicht richtig anhört, oder nicht richtig riecht im Flieger, steige ich aus.

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Ihre Renn-Nummer ist die 21. Wofür steht die Zahl?

Es ist meine Glückszahl, die mich ewig begleitet. Meine Tochter ist am 11.10 geboren, das ergibt 21. Als ich die Flugprüfungen abgelegt habe, erhielt ich zufällig das Hotelzimmer 21 und habe alles bestanden, was nicht selbstverständlich ist bei 14 000 Prüfungsfragen. Und noch vieles mehr. Meine Schwester hat sich mal mit Numerologie beschäftigt. Die Sieben steht für Siege, die Drei für Harmonie. Drei Mal sieben ergibt 21. Das passt zu mir.

Haben Sie die 21 in Las Vegas, wo die Red-Bull-Airrace-Serie ihr Finale hat, ausprobiert?

Habe ich, aber ich hatte beim Blackjack mehr Erfolg als beim Roulette. (lacht)

Auch beim Blackjack geht es darum, die Punktezahl 21 zu erreichen.

Stimmt! Glückszahl eben.

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