Ralph Denk: Lieber eine abgeriegelte Tour de France als gar keine

Bora-Teammanager Ralph Denk glaubt, dass die Tour de France wie geplant stattfindet. In der AZ spricht er über die Pläne und kreative Lösungen.
| Thomas Becker
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Ralph Denk.
Valentin Flauraud/KEYSTONE/dpa Ralph Denk.

Bora-Teammanager Ralph Denk glaubt, dass die Tour wie geplant stattfindet. In der AZ spricht er über die Pläne und kreative Lösungen.

AZ-Interview mit Ralph Denk: Der Bad Aiblinger ist mehrfacher Bayerischer Meister und Ex-Sechstagefahrer. Seit 2010 ist er Gründer und Teammanager des Rennstalls, der "2017 Bora – hansgrohe" heißt.

Ralph Denk.
Ralph Denk. © Valentin Flauraud/KEYSTONE/dpa

AZ: Herr Denk, haben Sie, der Teammanager des Rennstalls "2017 Bora – hansgrohe" um den Vorjahresvierten Emanuel Buchmann schon die Quartiere für die drei Wochen Tour de France gebucht? Hoffentlich mit Reiserücktrittsversicherung...
RALPH DENK: Das Buchen hat schon begonnen. Das ist aktuell auch noch unser Plan.

Sie gehen tatsächlich davon aus, dass die Tour am 27. Juni in Nizza startet?
Wir hoffen, dass relativ schnell wieder Normalität einkehren kann. Das wäre auch gesellschaftlich wichtig.

Gibt es von den Tour-Veranstaltern ein Statement, bis wann über den Tour-Start entschieden wird?
Ich habe gehört, dass sie bis 15. Mai entscheiden wollen.

Tour de France ist für Geldgeber wichtig

Es gibt wenig Sportarten, die so sehr an einem Großereignis hängen wie der Radsport an der Tour. Bedeutet das: Tour de France um jeden Preis?
Das Erste unterstreiche ich. Die Tour ist absolut wichtig, auch für unsere Geldgeber. Wir generieren dort 70 Prozent unseres jährlichen Werbewerts. Natürlich verstehen wir die Organisatoren, die auch Sponsorenverträge haben und die Maschinerie am Laufen halten wollen. Jedoch unterliegen sie den behördlichen Auflagen.

Es wird über eine Geister-Tour ohne Zuschauer spekuliert, analog zu den Geisterspielen im Fußball. Wie realistisch ist das angesichts mehrerer tausend Kilometer Strecke?
Das ist schwierig, aber ich habe da eine klare Haltung: Lieber eine abgeriegelte Tour als gar keine. Tour-Direktor Christian Prudhomme hat bereits gesagt, dass er sich schwer tut, eine Tour ohne Zuschauer zu veranstalten. Wir werden sehen.

"Als würde man ein Raubtier in den Käfig sperren"

Zum Sport: Wie geht es Ihren Fahrern?
Wir stehen mit ihnen sogar noch enger in Kontakt als sonst – weil wir sie am Wochenende ja nicht beim Radrennen sehen. Bei denjenigen, die in ihrem gewohnten Umfeld zuhause trainieren dürfen, ist die Stimmung relativ gut. Die können Rad fahren, die können essen, die können schlafen – viel mehr macht ein Radprofi sonst auch nicht. Anders ist es für die Rennfahrer hinter verschlossenen Türen und in der Ausgangssperre in Italien, Spanien und Frankreich. Das ist schon dramatisch. Als würde man ein Raubtier in den Käfig sperren.

Wie geht es Ihren Top-Fahrern Peter Sagan und Buchmann?
Emanuel trainiert sogar sehr gut. Er ist ein Typ, der eh meistens allein trainiert. Er sagt, für ihn habe sich gar nicht so viel geändert. Peter ist schon eher der Gruppenfahrer. Er hat eine tolle Trainingstruppe in Monaco, muss aber immer nach Frankreich oder Italien, was zur Zeit ja beides verboten ist. Für ihn ist es zu Hause auf der Rolle gerade deutlich schwerer als für Emanuel.

Sie haben auch viele Italiener im Team...
Da versuchen wir, die Sperren ein bisschen aufzuweichen. Die, die grenznah wohnen, können vielleicht in Slowenien trainieren, wo es keine Ausgangssperre gibt. Wir haben mit Patrick Gamper einen Tiroler im Team, der keine 30 Kilometer von mir hier in Raubling wohnt: Der kommt mit dem Auto rüber, trainiert in Deutschland, er hat einen Passierschein für die Grenze bekommen, damit er seinen Beruf ausüben kann. Man versucht zu improvisieren. Für ein Trainingslager können wir die Fahrer ja nicht zusammenrufen.

"Ich weiß nicht, für welchen Höhepunkt man trainieren soll"

Wann hatten Sie die Truppe zuletzt beisammen?
Bei Paris-Nizza, also bis Mitte März.

Wo Maximilian Schachmann für Ihr Team sogar noch den Gesamtsieg geholt hat! Bitter, diese Form nicht weiter nutzen zu können, oder?
Speziell in unserem Fall. Unsere Team-Philosophie ist es nämlich, sehr viel über Höhen-Trainingslager vorzubereiten. Wir waren in der Sierra Nevada und in Kolumbien. So was ist immer sehr kostenintensiv und auch hart für die Rennfahrer, weil man mindestens 16 Tage in die Höhe muss. Da wurde viel Kraft, Geld und Moral investiert – und jetzt weiß man: Das war alles für die Katz.

Können Sie in dieser unsicheren Gemengelage überhaupt Trainingspläne schreiben?
Wir sprechen derzeit eher von "formerhaltenden Maßnahmen". Ich weiß ja gar nicht, für welchen Höhepunkt man trainieren soll. Eins ist klar: Wir haben 27 Fahrer im Kader, acht können die Tour fahren – da muss man schauen, was man mit den anderen 19 macht.

"Die Sponsoren stehen aktuell hinter uns"

Gab es bei Ihnen schon Gehaltskürzungen?
In der Geschäftsstelle arbeiten ein paar Leute nur noch 50 Prozent, das ist Kurzarbeit. Bei den Rennfahrern reicht meine Betreiberfirma das Sponsorengeld nur durch. Die Sponsoren stehen aktuell hinter uns. Man muss aber sagen: Wir sprechen gerade mal von zwei Wochen Krise. Jetzt an Gehältern rumzuschrauben, halten wir für verfrüht.

Die Jungs haben zum Teil gute Verträge, aber in ihrer Karriere nur bedingt Zeit, Geld zu verdienen. Es sind auch nicht die Größenordnungen wie im Fußball, wo so ein Gehaltsverzicht leichter fällt. Aber wir sind Realisten: Wenn auch im Sommer keine Rennen stattfinden, muss man darüber nachdenken, mal auf die Kostenbremse zu treten.

Werden alle Teams die Krise überleben?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige sind wie im Fußball von Mäzenen finanziert – denen geht das Geld nicht so schnell aus. Unsere beiden Hauptsponsoren sind am Bau: Der läuft noch. Einer unserer Mitbewerber ist eine Supermarktkette: Denen geht es auch nicht so schlecht. Ein anderer ist ein Reiseveranstalter: Den trifft es natürlich härter.

Trübe Aussichten.
Worunter der ganze Sport fürchterlich leiden wird, sind die Anschlussverträge. Die basieren auf den Marketing-Töpfen, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, werden die automatisch kleiner. Es wird die große Herausforderung für alle: Geld für den Sport zu generieren.

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