Olympiadebütant Glatzer: Leon, der Profisurfer

Globetrotter Leon Glatzer hat auf Hawaii das Surfen gelernt und startet nun in Tokio bei der olympischen Premiere seiner Sportart. Sein Erfolgsrezept: Den Kopf komplett leer machen. Und: Omas Frikadellen.
| Thomas Becker
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"Es ist längst kein Party-Sport mehr, sondern sehr professionell geworden", sagt der Wellenreiter Leon Glatzer, der Deutschland beim Olympia-Debüt seiner Sportart vertritt.
"Es ist längst kein Party-Sport mehr, sondern sehr professionell geworden", sagt der Wellenreiter Leon Glatzer, der Deutschland beim Olympia-Debüt seiner Sportart vertritt. © imago images/Sven Simon

Auf Hawaii geboren, in Costa Rica aufgewachsen, aber für Deutschland starten: Wie geht das? Nun, ganz einfach: mit Eltern aus Kassel, die irgendwann die Nase voll hatten von good old Germany und mal eben nach Maui ausgewandert sind.

In einem Dorf namens Ho'okipa kam Leon Glatzer vor 24 Jahren zur Welt. Dass er mal Wellenreiter werden würde, war angesichts seiner Wohnorte einigermaßen vorhersehbar, aber dass er mal als einziger Deutscher bei der Olympia-Premiere seines Sports vor der japanischen Küste an den Start gehen würde, dann doch nicht.

"Das ist der glücklichste Tag meines Lebens"

Dass es tatsächlich klappt mit Olympia, stand bis Anfang Juni noch komplett in den Sternen. Bei den World Surfing Games in El Salvador, der inoffiziellen WM, hat sich Glatzer dann einen von nur noch fünf zu vergebenden Startplätzen für Tokio gesichert, gegen 154 Konkurrenten aus 51 Nationen. Ein nervenzerfetzender Wettkampf über acht Tage (normal sind zwei), bis feststand, dass er wirklich Deutschland vertreten wird. Auf Instagram schrieb Glatzer: "Das ist der glücklichste Tag meines Lebens."

Sein pathosbegabter Trainer, der Südafrikaner Llewellyn Whitacker, meinte: "Ich bin stolz, Teil dieses historischen Moments zu sein."

Seit fünf Jahren steht fest, dass Wellenreiten olympisch wird - da hat sich das IOC mal einen schönen Hingucker eingekauft. Wer Wellenreiten hört, hat sofort diese irren Bilder vor Augen, von Astralkörpern auf einem schmalen Brett balancierend, im Kampf mit den turmhohen Elementen wilde Kurven auf die Wellen zaubernd.

Unbekannte Wellen in Tokio

Doch dass es vor Tokios Küste wirklich eine so spektakuläre Veranstaltung wird, darf bezweifelt werden. Der Tsurigasaki Surfing Beach in der Präfektur Chiba, knapp 100 Kilometer entfernt vom olympischen Dorf, ist für kleine Wellen bekannt. Glatzer reist seit er 14 ist von Welle zu Welle, von Wettkampf zu Wettkampf, aber an diesen Flecken Erde hat es ihn bislang noch nicht gespült. Von den Kollegen hat er gehört: keine Monster-Wellen, aber wenn ein Taifun oder Zyklon kommt, sollen die Wellen ganz ordentlich sein. Na dann.

Vor ein paar Jahren sprach die AZ mit Glatzer, als er einen kurzen Stopp an der künstlichen Welle am Flughafen einlegte. Zwischen Terminal 1 und 2 hatte man eine Anlage aufgebaut. Schon damals am Flughafen sprach der Blondschopf von seinem olympischen Traum: "Dass Wellenreiten olympisch wird, ist der Wahnsinn! Es ist längst kein Party-Sport mehr, sondern sehr professionell geworden. Olympia ist ein großes Ziel für mich", sagte er der AZ.

Leon Glatzer: "Gedanken machen auch den Körper müde"

Und nun wird er tatsächlich wahr, der Traum. Viel geholfen hat ihm die Arbeit mit einem Sportpsychologen, den ihm der Verband zur Verfügung stellte. "Surfen ist sehr mental", sagt Glatzer, "wir sitzen ständig im Flugzeug, reisen von Wettkampf zu Wettkampf. Du fliegst 20 Stunden bis nach Australien - fliegst vielleicht in der ersten Runde raus. Manchmal will ich nur nach Hause und nie wieder surfen. Gedanken machen auch den Körper müde. Der Psychologe sieht immer, wie ich mich fühle. Sein Tipp: den Kopf komplett leer machen. Er sagt: ‚Du weißt, dass du einer von den Besten bist, dass die Konkurrenz auf dich schaut.'" Es habe allerdings gedauert, bis er so mit ihm sprechen konnte, sagt Glatzer: "Mit meinem Technik-Coach würde das nie gehen. Der würde sagen: ‚Quatsch nicht so viel, geh' surfen!'"

Einer der wichtigsten Aufgaben des Sportpsychologen Martin Walz bestand darin, Glatzer Tipps für den Umgang mit Misserfolg zu geben: "Leon ist sehr reflektiert, hat gelernt, schnell zu adaptieren, für den nächsten Wettkampf etwas rausziehen zu können, sich nicht von Emotionen mitreißen lassen, sondern verstehen, wann man wieder zurück aufs Pferd muss." Allein diese nervenzerfetzende Olympia-Qualifikation hat ihm viel gegeben: "Wenn man so eine Erfahrung zum ersten Mal gemacht hat, mental und physisch alles zusammen zu bringen, den Kopf zu nutzen, um aus dem Herzen heraus zu surfen, wird so viel mehr Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit da sein, dass das Nervensystem nicht so schnell reagiert, nur weil der Weltranglistenerste Gabriel Medina neben einem sitzt. Das war ein wichtiges Momentum, ein guter Grundstein für den Sportler Leon Glatzer."

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Beim Gespräch vergangene Woche in der "Goldenen Bar" im Haus der Kunst, gleich neben dem Eisbach, erzählt Glatzer in seinem etwas eingerosteten Deutsch, wie viel Vorfreude er schon Tage bevor der Flieger mit seinen sieben Surfbrettern Richtung Tokio abhob bei der Einkleidung in Köln gespürt habe.

Ein Abstecher nach Kassel, in die alte Heimat der Eltern, musste natürlich auch sein: zu Oma Karin. "Sie hat mir wie immer Frikadellen gekocht: die besten der Welt." Dabei war sein Spitzname drüben in Costa Rica lange Zeit El Schnitzel. Jetzt ist er einfach Leon, der Surfer.

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