Olympia-Legende: Schnell, schneller, Armin Hary

Armin Hary war 1960 der erste Mensch, der die 100 Meter in 10,0 lief. Kurz darauf wurde er Olympiasieger. In der AZ erinnert er sich daran.
| Simon Stuhlfelner
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Der Olympiasieger von 1960 und ehemalige Weltrekordhalter über 100m Armin Hary zeigt seine Spikes die er 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom getragen hat.
Sven Hoppe/dpa 2 Der Olympiasieger von 1960 und ehemalige Weltrekordhalter über 100m Armin Hary zeigt seine Spikes die er 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom getragen hat.
Der deutsche Sprinter Armin Hary am 21. Juni 1960 beim zweiten Rekordlauf im Letzigrund-Stadion in Zuerich. Als erster Mensch lief Hary in glatten 10,0 Sekunden ueber 100 Meter und erreichte damit die magische Grenze der Sprinter.
Hans-Ueli Bloechliger/KEYSTONE/dpa 2 Der deutsche Sprinter Armin Hary am 21. Juni 1960 beim zweiten Rekordlauf im Letzigrund-Stadion in Zuerich. Als erster Mensch lief Hary in glatten 10,0 Sekunden ueber 100 Meter und erreichte damit die magische Grenze der Sprinter.

AZ-Interview mit Armin Hary: Der heute 83-Jährige gewann 1960 in Rom Gold über 100 und 4 x 100-Meter. Einige Wochen zuvor lief er in Zürich mit 10,0 Sekunden Weltrekord.

AZ: Herr Hary, 1960 war Ihr großes Jahr, Sie sind damals am 21. Juni in Zürich als erster Sprinter der Welt die 100 Meter in 10,0 Sekunden gelaufen. 72 Tage später wurden Sie in Rom Olympiasieger. Wie erinnern Sie sich heute an diese großen Erfolge?
ARMIN HARY: Mein Gott, wenn man ständig daran erinnert wird, kommen die schönen und auch die unschönen Gedanken wieder. Ansonsten würde ich nicht oft an diese Tage denken.

Armin Hary: "Einen mündigen Sportler wollte man nicht"

Das heißt, Sie haben nicht nur schöne Erinnerungen an diese Triumphe?
Ich hatte immer viele Schwierigkeiten mit den Funktionären und Offiziellen. Einen mündigen Sportler wollte man damals nicht. Aber ich habe ja oft richtig gehandelt, sonst hätte ich diese Erfolge nicht gehabt.

Sie wurden wegen einer unkorrekten Spesenabrechnung gesperrt. Und dann hat man bei Ihrem ersten Weltrekord (Hary lief 1958 in Friedrichshafen bereits 10,0 Sekunden, d.Red.) die Bahn solange nachvermessen, bis ein ungültiges Gefälle von elf statt der erlaubten zehn Zentimeter herauskam. Hat Ihnen das wehgetan?
Ich war jung und selbstbewusst und wusste: Was ich einmal kann, das schaffe ich auch nochmal. Ich hatte auch nichts dagegen, dass man die Bahn noch einmal vermisst, aber dass ausgerechnet meine Bahn, die mittlere, die einzige war mit einem unzulässigen Gefälle, das konnte ich niemals verstehen.

Der deutsche Sprinter Armin Hary am 21. Juni 1960 beim zweiten Rekordlauf im Letzigrund-Stadion in Zuerich. Als erster Mensch lief Hary in glatten 10,0 Sekunden ueber 100 Meter und erreichte damit die magische Grenze der Sprinter.
Der deutsche Sprinter Armin Hary am 21. Juni 1960 beim zweiten Rekordlauf im Letzigrund-Stadion in Zuerich. Als erster Mensch lief Hary in glatten 10,0 Sekunden ueber 100 Meter und erreichte damit die magische Grenze der Sprinter. © Hans-Ueli Bloechliger/KEYSTONE/dpa

1960 hatten Sie sich dann beim Sportfest in Zürich gute Chancen ausgerechnet, den Weltrekord zu knacken. Der Verband wollte aber nicht, dass Sie starten.
Es hieß damals, man wolle die Olympiateilnehmer unbedingt schonen, und die Athleten hätten das zu tun, was der Verband anschafft. Ich wusste, dass das in Zürich eine gute Bahn ist, dass die Luft gut ist, und dass mein Freund Martin Lauer dort im Vorjahr Weltrekord über 110 Meter Hürden gelaufen war.

Ich hatte mir also gute Chancen auf eine hervorragende Zeit ausgerechnet und habe mich sehr über die entgangene Chance geärgert. Plötzlich, am Mittag des Tages, an dem das Meeting in Zürich stattfand, bekam ich in der Arbeit den Anruf: Ich hätte die Freigabe, abends in Zürich zu laufen. Jetzt hatte ich aber das Problem, wie ich von Frankfurt, wo ich im Kaufhof arbeitete, rechtzeitig nach Zürich komme. Das Auto war keine Option, das hätte mich zu sehr angestrengt.

Und alle Flüge waren ausgebucht...
Genau. Aber ich hatte gute Kontakte zum Flughafen Frankfurt und erhielt die Möglichkeit, in einer Transportmaschine nach Zürich zu fliegen. Da saß ich dann, hinten zwischen dem Gepäck.

"Wenn ich den Schuss gehört habe, bin ich halt losgelaufen"

Sie sind trotz der Strapazen tatsächlich Weltrekord gelaufen, wieder 10,0 Sekunden. Und wieder wurde die Zeit wegen eines angeblichen Fehlstarts annulliert.
Dabei war ja bekannt, dass ich eine unglaublich schnelle Reaktion hatte. Ich war ja vorher an der Universitätsklinik in Freiburg, wo ich optisch und akustisch eingehend untersucht wurde und festgestellt wurde, dass ich eine abnorm schnelle Reaktionszeit hatte. Wenn ich den Schuss gehört habe, bin ich halt losgelaufen. Aber stellen Sie sich vor, ich wäre bei Olympia in Rom zu schnell gestartet. Ein Fehlstart, und ich wäre weg gewesen, aus, vorbei. Also bin ich auf Nummer sicher gegangen und habe gewartet, bis alle anderen gestartet waren. Erst dann bin ich losgelaufen. Das ist schon belastend, wenn Sie nicht so laufen können, wie Sie wollen.

In Zürich wurden Sie aber noch darauf hingewiesen, dass es die Möglichkeit eines Wiederholungslaufes gibt.
Ja, das war auch so eine Sache. Der Gustav Schwenk, das war damals ein führender Sportjournalist, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich nach Paragraf sowieso fordern könnte, noch einmal zu laufen. Ich hatte an diese Möglichkeit nicht gedacht. Und das war ja Harakiri! Ich hätte genauso gut 10,1 laufen können, dann wäre ich der Dumme gewesen. Aber ich bin dieses Risiko eingegangen und habe alles auf eine Karte gesetzt.

Und sind wieder 10,0 gelaufen. Was hat Sie damals so stark gemacht?
Ich wusste, dass ich alles Menschenmögliche dafür getan hatte, damit ich gute Zeiten laufe und Olympiasieger werde. Ich habe so hart trainiert, habe auf so Vieles verzichtet, dass ich mir nichts hätte vorwerfen können, wenn es nicht geklappt hätte. Und das hat mich locker gemacht.

"Dabei sein ist Vieles, aber nicht alles"

Sie haben mal gesagt, Sie wären bei Ihrem Olympiasieg in Rom (Hary holte in 10,2 Sekunden Gold vor dem US-Amerikaner Dave Sime, d.Red.) mit Wut im Bauch auf die Funktionäre gelaufen.
Man kann nicht sagen, dass ich denen eins auswischen wollte. Ich wusste, was ich kann, und war selbstbewusst. Und ich war überaus ehrgeizig. Wenn ich heute höre: ‘Dabei sein ist alles’, dann muss ich widersprechen. Dabei sein ist Vieles, das gebe ich zu, aber nicht alles. Alles, das kann eigentlich nur eine Goldmedaille sein.

Ihren vielleicht allerbesten Lauf haben Sie in der 4x100-Meter Staffel hingelegt, als Sie mit Deutschland Gold gewonnen haben.
Das ist richtig. Die Staffel wollte ich unbedingt gewinnen, obwohl das ein wahnsinnig schweres Unterfangen war. Die Amerikaner hatten vier 10,2-Läufer und wir hatten vielleicht – einen (lacht). Aber wie das manchmal so kommt, die Kameradschaft und Freundschaft zwischen uns hat offenbar mitgeholfen, zu siegen.

Sie sind ja der bislang letzte Europäer, der den Weltrekord über 100 Meter innehatte. Was bedeutet Ihnen heute mehr: der Weltrekord oder der Olympiasieg?
Das ist eigenartig. Allgemein wird immer vom Weltrekord geredet, vom ersten Menschen, der 10,0 gelaufen ist. Offensichtlich wiegt das in der Erinnerung der Leute mehr als ein Olympiasieg. Für mich persönlich war immer der Olympiasieg das höchste. Aber wenn ich drüber nachdenke, kann ich die Sichtweise der Leute verstehen.

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