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Olympia-Historie: Der deutsche Gold-Vierer von 1964

Reporter-Legende Hartmut Scherzer war bereits bei Olympia 1964 in Tokio dabei. In der AZ erinnert er sich an die größten Momente dieser Spiele. Heute: Das Finale in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung.
| Hartmut Scherzer
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Der deutsche Gold-Vierer in Tokio: Karl-Heinz Henrichs, Karl Link,Ernst Streng und Lothar Claesges (v. l.).
Der deutsche Gold-Vierer in Tokio: Karl-Heinz Henrichs, Karl Link,Ernst Streng und Lothar Claesges (v. l.). © imago images/Horstmüller

Der Amateurstatus war dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und seinem damals 77 Jahre alten Präsidenten Avery Brundage heilig.

Vor diesem Hintergrund ist mir eine Episode von der Radsport-Woche in Hachioji, einem Ort 40 Kilometer von Tokio entfernt, besonders im Gedächtnis geblieben. Auf der Radrennbahn habe ich den damals 20 Jahre alten Patrick Sercu - bildete ich mir damals jedenfalls ein - womöglich davor bewahrt, die Goldmedaille im 1.000-Meter-Zeitfahren wegen Verstoßes gegen die Amateurgesetze zurückgeben zu müssen.

"Dann lass es bitte weg"

"Was ist Dein Beruf?" Der 20-jährige Belgier schaute mich verwundert an: "Natürlich Radrennfahrer." "Wenn diese Aussage in der Nachrichtenagentur UPI um die Welt geht, bist Du Deine Goldmedaille möglicherweise wieder los", sagte ich. "Dann lass es bitte weg", meinte er. Manchmal, glaubte ich, muss ein Reporter einen Athleten auch vor sich selbst schützen. In seiner 18-jährigen Profikarriere sollte der 2019 verstorbene Sprinter 19 Etappen beim Giro d'Italia und der Tour de France sowie 88 Sechstagerennen gewinnen.

Ein verkappter Profi war sicherlich auch der Zwölfte des Straßenrennens, ein gewisser Eddy Merckx. Die Allzeit-Ikone des Radsports hatte einen Monat zuvor bei den Straßenweltmeisterschaften im französischen Sallanches nach einem imponierenden Solo das Regenbogentrikot der Amateure angezogen.

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Der 19-jährige Favorit steckte aber auf dem Rundkurs in Hachioji im Massensprint um die Bronzemedaille fest. Die erkämpfte sich Walter Godefroot (Belgien), dreißig Jahre später Sportlicher Leiter des Teams Telekom, hinter den Ausreißern Mario Zanin (Italien) und Kjell Rodian (Dänemark).

Zum spannenden Höhepunkt der sieben Wettbewerbe, fünf auf der Bahn, zwei auf der Straße, wurde das Finale in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung.

Bei den Olympischen Sommerspiele in Tokio 1964 holte der Deutsche Radvierer Gold in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung.
Bei den Olympischen Sommerspiele in Tokio 1964 holte der Deutsche Radvierer Gold in der 4.000-Meter-Mannschaftsverfolgung. © imago images/Horstmüller

Der bundesdeutsche Vierer des legendären Bundestrainers Gustav Kilian mit Lothar Claesges, Karl-Heinz Henrichs, Karl Link, Ernst Streng, einen Monat zuvor in Paris schon Weltmeister geworden, besiegte - abermals extrem knapp - mit 0,07 Sekunden Vorsprung, Italien im Kampf um die Goldmedaille. Es dauerte um die zehn Minuten nervenaufreibender Ungewissheit, bis das siegreiche Quartett feststand.

Die Siegerehrung.
Die Siegerehrung. © imago/Horstmüller

In Tokio wurden die Zeiten noch handgestoppt

Wessen Erinnerungen könnten das packende Ereignis besser schildern als das Gedächtnis Karl Links? "Mir geht es gut", sagt der 78-Jährige, der von 1978 bis 1981 Bundestrainer und bis zur Rente Leiter des Olympia-Stützpunkts Stuttgart war, als ich ihn in seinem Heimatort Herrenberg am Telefon erreiche. Und dann macht er sich auf die gedankliche Zeitreise. "In Tokio wurden die Zeiten noch handgestoppt. Zunächst wurden die Italiener zum Sieger erklärt. Die Filmaufnahmen zeigten jedoch, dass Italien knapp hinter uns lag, siebzig Zentimeter", erzählt Link.

Auf der "holprigen, brutalen" Zementbahn, "ein fürchterlicher Acker", sei er nach der letzten Führung "rausgegangen". Drei über die Ziellinie, das reichte. Die Freude über das Gold sei umso größer gewesen, "da wir nach der WM, den beiden Ausscheidungen gegen die DDR und den drei Starts bis zum Finale platt waren."

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