Interview

Morddrohungen gegen Kickbox-Weltmeisterin Tina Schüssler: "Die haben sich die Falsche ausgesucht"

Die Augsburgerin Tina Schüssler war Kickbox-Weltmeisterin, nun ist sie Zielscheibe von Cyberkriminellen. In der AZ spricht sie über diesen Horror aus dem Hinterhalt.
| Matthias Kerber
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"Ich bin nicht bereit, die Opferrolle einzunehmen", sagt Tina Schüssler, die ins Visier von Cyberkriminellen geraten ist.
"Ich bin nicht bereit, die Opferrolle einzunehmen", sagt Tina Schüssler, die ins Visier von Cyberkriminellen geraten ist. © Annabell Fiebiger/ho

AZ-Interview mit Tina Schüssler: Die 46-jährige Augsburgerin war Kickbox-Weltmeisterin, nach einem Schlaganfall im Jahr 2009 wurde sie 2013 Box-Weltmeisterin. Sie ist zudem Sängerin und Fernsehmoderatorin einer eigenen Late-Night-Show.

AZ: Frau Schüssler, Sie haben als Kampfsportlerin schon viel Fights geführt: Doch der jetzige Kampf gegen einen unsichtbaren, hinterhältigen Feind dürfte mit der schwerste in Ihrem Leben sein. Sie erhalten schon seit mehreren Wochen ständig Morddrohungen.
TINA SCHÜSSLER: Ja, so komisch es sich anhört, für mich ist es schon normal - und mit normal hat es wirklich nichts zu tun, sondern mit sehr gestört -, dass ich krasseste Morddrohungen erhalte. Tag für Tag. Meist über das Telefon, aber auch per E-Mail. Und es steckt eine ganze Gruppe dahinter, denn es sind immer wieder unterschiedliche deutschsprachige Stimmen. Die meisten hören sich sehr jung an, aber es sind auch Computerstimmen dabei, bei denen der Text zusammengeschnitten wurde. Das Zeug, was wir da zu hören kriegen, ist wirklich krank. Die schmieden Mordpläne nach Regieanleitungen, wie sie uns nacheinander zerstückeln wollen, es ist abartig.

Morddrohungen gegen Kickboxerin: "Sie wollen dich fertig machen"

Hochgradig gestört.
Wenn du das liest, dreht es dir den Magen um und natürlich macht man sich Gedanken, was ist, wenn die wirklich heute Nacht vor der Tür stehen? Sie wollen, dass man sich machtlos fühlt, das haben sie mir und meinem Mann auch ganz offen gesagt. Sie wollen dich fertigmachen, demütigen. In einer Mail haben sie uns zwingen wollen, dass wir ein Video drehen, in dem ich mich niederknie und den Boden küsse, um die Erbschuld, die auf den Deutschen aufgrund der Ermordung der Juden im Dritten Reich lastet, anzuerkennen. Es ist eine kriminelle Gruppierung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen zu zerstören. Diese Gruppe ist leider auch technisch sehr versiert.

Inwiefern?
Sie haben unsere Telefonnummern und Adressen herausbekommen, wissen, wo wir uns aufhalten und können sich in Telefonnummern reinhacken.

"Man hat Drogen an unsere Adressen liefern lassen"

Das sogenannte Spoofing.
Wir haben zum Beispiel Anrufe von Nummern erhalten, die zu Polizeidienststellen in Augsburg und Umgebung gehören und haben dann von diesen Nummern Morddrohungen erhalten. Sie haben auch vom Firmentelefon meiner Eltern aus eine Polizeidienststelle angerufen und den Beamten erzählt, dass wir ermordet werden und sofort Hilfe brauchen, so dass bei meinen Eltern um zwei Uhr nachts plötzlich die Polizei vor der Tür stand und den Sachverhalt klären wollte. Es werden im ganzen Bundesgebiet Lieferdienste von unseren Nummern aus angerufen, die dann ganze Wohnblocks in Berlin oder Köln beliefert haben. Man hat Schlüsseldienste bestellt, man hat Drogen an unsere Adressen liefern lassen. Aber das war noch nicht alles.

"Ich bin mir sicher, die Täter machen irgendwann Fehler", sagt die frühere Box-Weltmeisterin Tina Schüssler, die Mordrohungen erhält.
"Ich bin mir sicher, die Täter machen irgendwann Fehler", sagt die frühere Box-Weltmeisterin Tina Schüssler, die Mordrohungen erhält. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Ein absoluter Albtraum.
Ich habe ja eine Late-Night-Fernsehsendung, in der mich Leute aus allen Bereichen anrufen können, auch die, die Probleme haben. Während einer Sendung rief ein echtes Bestattungsunternehmen an, die erzählten, dass ihnen gerade gemeldet wurde, dass eine Tina Schüssler verstorben sei und sie sich unter dieser Nummer um das Prozedere und die Familie kümmern sollten. Ich war total perplex, habe erst mal die Sendung zu Ende moderiert, aber in der Zwischenzeit hatten die schon organisiert, dass mehrere Bestattungsunternehmen den Auftrag erhalten, sich um meinen Leichnam zu kümmern - und sie hatten sich bei meinem Mann telefonisch gemeldet. Als meine Familie derart mit reingezogen wurde, haben wir uns entschlossen, dass wir mit der Geschichte an die Öffentlichkeit gehen.

Auch die Kinder und Angestellten werden von Unbekannten bedroht

Einen Schritt, den man sich sicher sehr genau überlegt.
Klar, aber wir hatten es drei Wochen für uns behalten, dachten, das geht wieder weg, wenn man es ignoriert, aber es wurde täglich krasser. Es begann als Mobbing, wurde zu Stalking, wir reden hier von Cyber-Crime. Wenn dein Kind bedroht wird, sind Grenzen überschritten. Auch unsere Angestellten wurden bedroht mit Sätzen wie "wir reißen dir die Gebärmutter raus". Meine Band, Crew, das Team, alle hängen mit drinnen, nur weil diese komischen Menschen mich fertigmachen wollen. Daher jetzt der Schritt in die Öffentlichkeit. Ich sage mir auch: Die haben sich die Falsche ausgesucht. Ich bin mittlerweile mit meinem Mann zusammen so stabil geworden und wir geben nicht klein bei. Gerade, seit wir diese Sachen öffentlich gemacht haben, ist eine so enorme Kraft da. Und die Hilfe und Unterstützung, die wir von allen Seite erfahren haben, stärkt ungemein. Die Polizei und das K11, das sich mit Cyber-Kriminalität beschäftigt, ist involviert, wir arbeiten alle so toll zusammen. Ich bin so dankbar und ich bin mir sicher, die Täter machen irgendwann Fehler.

Haben Sie eine Ahnung, wie Sie in das Visier dieser Cyberkriminellen gekommen sind?
Nicht wirklich, aber wir haben eine Vermutung. Wir hatten in einer meiner Sendungen einen Flitzer, der sich in der Sendung entblößt hat. Aufgrund dessen wurden wir auf allen Plattformen erst mal blockiert, um die Kanäle wieder öffnen lassen zu können, mussten wir Strafanzeige gegen den Flitzer stellen. Eine Woche später ging es los: Da stand dann in einem unserer Chats, dass einer "ihrer Leute" jetzt meinetwegen von der Polizei gesucht wird. Ich denke, dass der Vorfall der Anlass für diesen Terror war.

Wie viel Angst hat man in solchen Ausnahmesituation?
Natürlich hat man Angst, ob sie den letzten Schritt auch noch gehen und mich "wegmachen", wie sie angedroht haben. Die Gruppe, die bei mir aktiv ist, ist im Darknet unterwegs und steuern alles über ausländische Server. Die haben mich auf sämtlichen Portalen hinterlegt. Es ist sehr belastend und sitzt tief. Aber ich sehe es so: Wenn die wollen, können sie es so oder so machen. Egal, ob ich es öffentlich gemacht habe - oder nicht. So aber kann man Menschen, denen ähnliches widerfahren ist oder widerfährt, zeigen, dass sie nicht allein sind, dass es Möglichkeiten gibt. Wir sind nicht machtlos, wie diese Typen einen glauben lassen wollen. Ich weigere mich, die Opferrolle einzunehmen.

Tina Schüssler erlitt 2009 einen Schlaganfall

Sie haben in Ihrem Leben viel mitmachen müssen, ist dies trotzdem mit die schwerste Zeit in Ihrem Leben?
Mit die schlimmste, ja. Die härteste Zeit war mein Schlaganfall und meine drei Jahre Krankheit, die ich erleben musste. In dem Moment war mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Von null auf hundert war in einer Sekunde mein gesundes, sportliches Leben vorbei und auf einmal bist du halbseitig gelähmt. Du weißt einfach nicht, wie es weitergeht, ob es weitergeht. Du kannst selber gar nicht verstehen, was gerade mit dir passiert. Und: Du kannst nichts daran ändern, es steht schlicht nicht in deiner Macht. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich auch kognitiv wieder einigermaßen fit war und die linke Seite sich erholt hatte. Zweieinhalb Jahre war ich in Kliniken, in Rehaeinrichtungen. Was ich da erlebt habe, hat mich sehr, sehr stabil gemacht für das weitere Leben. Man sieht plötzlich so klar, dass einem nichts geschenkt wird, dass man wirklich jede Minute seines Lebens schätzen muss und soll und auch die Leute, um einen herum.

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Die Krankheit also als eine Art Lehrstunde?
Das Erlebte hat mich viel gelehrt, insbesondere Respekt gegenüber anderen Menschen. Dass man akzeptiert, wie jemand sein Leben führt und man nicht alles nur mit seiner Brille der Wahrheit sehen kann. Es lehrt dich, nicht nur den eigenen Weg zu gehen, sondern auch dein Gegenüber wahrzunehmen. Ich gehe seit meinem Krankheitstiefschlag viel offener auf die Menschen zu. Ich engagiere mich stark sozial. Es steht bei mir an erster Stelle, dass ich Menschen helfe und Gutes tue. Deswegen sind mir die Menschen, die mir das antun, so fremd. Menschen, die Freude daran haben, zu verletzten, zu zerstören.

Was würden Sie diesen Menschen sagen, wenn Sie Ihnen jetzt gegenüberstünden?
Ich denke, dieser Tag wird kommen, da bin ich sicher, die Polizei macht einen super Job. Allgemein wühlt es einen sehr auf, was hier alles passiert. Da ich mich nicht auf deren Level bewege und mich stets souverän verhalte, weiß ich nicht wie eine Gegenüberstellung mit den Tätern für mich wäre. Aber ich denke, ich würde sie fragen, denn ich will es wirklich wissen: Was ist eigentlich kaputt in eurem Kopf und warum setzt man es sich zum Ziel, andere Menschen zu zerstören?

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