Interview

Mats Wilander: "Zverev wird einer der Besten der Welt sein"

Die schwedische Tennis-Legende Mats Wilander (56) spricht im AZ-Interview über das Corona-Chaos bei den Australian Open, Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev und seinen alten Rivalen Boris Becker.
| Thomas Becker
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Siebenfacher Grand-Slam-Champion und heute TV-Experte: Mats Wilander.
Siebenfacher Grand-Slam-Champion und heute TV-Experte: Mats Wilander. © imago/GEPA pictures

München - AZ-Interview mit Mats Wilander: Der 56-jährige Schwede ist siebenfacher Grand-Slam-Champion und war 20 Wochen lang die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Heute arbeitet er als Experte für Eurosport.

AZ: Herr Wilander, auch in Melbourne stellt Corona alles auf den Kopf. Kurz vor Beginn der Australian Open weiß niemand, ob und wie dieser erste Grand Slam des Jahres über die Bühne gehen wird. Was können wir von Spielern erwarten, die wochenlang im Hotel gesessen haben?
MATS WILANDER: Natürlich sind sie nicht so vorbereitet, wie sie das gern wären. Aber im Profi-Tennis gibt es solche Situationen öfter, mal wegen einer Verletzung, mal wegen fehlender Matchpraxis. Wir können erwarten, dass sie auf den Platz gehen und ihr Bestes geben werden, egal wie viel oder wenig sie zuvor trainiert haben. Und Sie oder ich werden keinen Unterschied erkennen können, ob sich da jemand gut oder weniger gut vorbereitet fühlt.

Nadal und Djokovic: "Es gibt niemanden, der es mehr hasst, zu verlieren"

Weil die Voraussetzungen mehr oder weniger gleich sind?
Nein. Wenn man körperlich nicht zu hundert Prozent vorbereitet ist, spielt der mentale Part eine noch wichtigere Rolle, und die mentale Stärke von Rafael Nadal und Novak Djokovic, von Serena Williams und Simona Halep, macht sie zu den besten Spielern der Welt. In dieser Hinsicht sind sie sehr viel besser als die anderen - wobei Dominik Thiem nun auch in dieser Liga spielt. Er hat so viel gelernt von dem Sieg bei den US Open! Wenn also diese Kategorie Spieler physisch nicht hundert Prozent fit sind: Es ist ihnen egal. Sie sind da, um gegen die Person auf der anderen Seite nicht zu verlieren. Das ist das Einzige, was in ihrem Leben gerade zählt. Wenn das nicht mehr das Wichtigste im Leben ist, werden sie keine Spiele mehr bestreiten. Es gibt niemanden, der es mehr hasst, zu verlieren als Rafa und Novak. Das ist der größte Unterschied zwischen ihnen und dem Rest.

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"Zverev wird eines Tages der beste Spieler der Welt sein"

Deutschlands bester Spieler ist derzeit die Nummer sieben in der Welt. Was sehen Sie Alexander "Sascha" Zverevs Entwicklung in den vergangenen Jahren?
Er entwickelt sich in die richtige Richtung. Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, wo er sich verbessern kann. Auch für ihn ist es offensichtlich, dass er nicht zu viele Matches gegen schlechter Platzierte verlieren sollte, dass er aggressiver spielen muss. Jeder inklusive ihm selbst hätte sich gewünscht, dass die Entwicklung schneller verläuft. Mittlerweile haben wir alle verstanden: Er wird eines Tages einer der besten Spieler der Welt sein, wird einen Grand Slam gewinnen, er ist nahe dran. Aber manchmal ist es schwer, sich zu verbessern. Wenn man so gut ist, ist es nicht einfach, die Dinge zu verbessern, in denen man nicht so gut ist - weil man so gut in anderen Dingen ist. Schauen Sie sich Thiem an: Vor drei, vier Jahren hätte niemand sagen können, wo der sich verbessern kann. Heute spielt er ein bisschen sicherer, aber sonst? Bei Sascha ist es einfacher: Er muss den aggressiven Teil seines Spiels verbessern, seine Position auf dem Platz. So wie ich auch früher: Für ein, zwei Jahre habe ich das geschafft - dann war meine Karriere schon vorbei.

"Sascha ist nahe dran", sagt Wilander über einen deutschen Grand-Slam-Sieg. Boris Becker (u.) holte 1996 in Australien den letzten.
"Sascha ist nahe dran", sagt Wilander über einen deutschen Grand-Slam-Sieg. Boris Becker (u.) holte 1996 in Australien den letzten. © imago images/AAP

Was hören Sie aus dem Kollegenkreis über Zverev?
Als Sascha 2018 das ATP Finale gegen Djokovic gewann, sagte Ivan Lendl zu mir: "Bis er oben ist, das ist ein Prozess von mindestens noch zwei Jahren." Wohlgemerkt: Das sagte er, nachdem Sascha das Turnier gewonnen hatte.

"Tennis braucht Charaktere wie Boris Becker"

Einer, mit dem Sie früher oft die Klingen gekreuzt haben, ist heute ihr Kollege bei Eurosport: Boris Becker. Wie sehen Sie seine Entwicklung vom "German Wunderkind" über den Djokovic-Coach zum "Tennis-Elder Statesman"?
Eine beeindruckende Entwicklung! Wer ihn wie ich vom Tennisplatz und aus der Umkleidekabine kennt, wäre früher nie im Leben auf die Idee gekommen, dass er mal Trainer wird! Das gilt auch für Ivan Lendl, Jimmy Connors und John McEnroe. Und dann gehen alle zum Fernsehen! Wir sind alle gleich! Warum wir alle für eine Weile herausragende Spieler waren? Wegen der Leidenschaft für unseren Sport. Eine Weile lang war es die Leidenschaft für das Gewinnen, für die Taktik, für das Training, aber auch für den Sport an sich. Es ist wirklich schön, zu sehen, dass einer wie Boris so dabei ist. Tennis braucht Charaktere wie ihn. Leute, die diesen Sport lieben.

Ein anderer großer Charakter befindet sich auf der Zielgeraden seiner Karriere: Roger Federer. Werden wir ihn nochmal sehen auf der Tour?

Ich glaube schon, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil ich glaube, dass er denkt, er kann Wimbledon gewinnen, bis er 45 ist. Er hat eine Liebesaffäre mit dem Gras von Wimbledon. Und zweitens liegt ihm der Laver Cup sehr, sehr am Herzen. Dort könnte er noch Matches spielen, bis er 50 ist. Rod Laver ist so ein riesengroßes Idol für Federer. Es gibt wahrscheinlich keinen Spieler auf der Welt, zu dem Roger mehr aufschaut. Ich glaube, dass er zurückkommen wird - und dass er noch einen Grand Slam gewinnen kann. Für normale Spieler ist es sicher schwierig, nur drei oder vier Turniere pro Jahr zu spielen, aber Roger Federer ist kein normaler Athlet. Er ist von der Natur mit so viel Talent bedacht worden und hat ein derart hohes Verständnis von seinem Sport wie kein anderer Athlet in welcher Sportart auch immer. Er versteht den Sport besser als irgendjemand auf der Welt, inklusive mir.

Wie sehr werden die Fans fehlen? Immerhin gelten die Australian Open als der "Happy Slam".
Was tatsächlich passieren kann: Dass in Melbourne Tennis-Geschichte geschrieben wird - und niemand im Stadion ist. Nadal könnte seinen 21. und Serena ihren 24. Grand Slam gewinnen - und wir sind nicht dabei! Eine wirklich bizarre Situation!

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