Maria Riesch über Lindsey Vonns Olympia-Start trotz Kreuzbandriss: "Ein Ritt auf Messers Schneide"

AZ: Frau Riesch, am Sonntag steht bei den Olympischen Spielen in Cortina d‘Ampezzo die Abfahrt der Damen an – womöglich mit Ihrer ehemaligen Konkurrentin Lindsey Vonn, die trotz eines vor ein paar Tagen gerissenen Kreuzbands an den Start gehen will. Haben Sie noch Worte dafür?
MARIA RIESCH: Naja, das hatten wir ja schon mal: 2014 hat sie sich in der Vorbereitung zu den Spielen auch so schwer verletzt und wollte es dann auch wegen Olympia unbedingt noch versuchen. Aber dann hat ihr Knie nach einem Sprung in Val d‘Isere doch nicht gehalten. Nun mit einem Kreuzbandriss an den Start zu gehen, ist natürlich ein großes Risiko. Auf der anderen Seite verstehe ich schon, dass sie alles versuchen will. Es ist jedenfalls ein Ritt auf Messers Schneide.
Sie hatten in Ihrer Rennlauf-Karriere zwei Kreuzbandrisse zu überstehen – gesund kann das ja nicht sein, was Lindsey Vonn da macht, oder?
Meine Verletzungen damals waren ja so, dass ich noch nicht mal über einen Start nachgedacht habe. Sie sagt, ihr Knie sei kaum geschwollen, was schwer vorstellbar ist. Denn wenn ein Kreuzband reißt, dann gibt es eine Einblutung. Aber wenn es bei ihr so ist, sie ein stabiles Gefühl hat und sich sicher und stark fühlt, dann muss sie es natürlich probieren.

Riesch und Vonn haben kaum mehr Kontakt
Bislang war ihr Winter ja eine Aneinanderreihung von großartigen Rennen: Vonn ist mit ihren 41 Jahren die Führende im Abfahrts-Weltcup. Schon irre, oder?
Absolut!
Es gab ja Zeiten, da waren Sie recht eng mit Vonn. Haben Sie heute noch Kontakt zu ihr?
Kaum. Jetzt ist sie natürlich total im Tunnel gewesen. Ich habe ihr schon mal geschrieben und gratuliert, als sie so toll gefahren ist. Vielleicht sehen wir uns im April bei den Laureus Awards in Madrid wieder. Aber ansonsten ist da jetzt kein enger Kontakt.
Olympia-Strecke liegt Kira Weidle-Winkelmann
Schauen wir auf die Tofana, die berühmt-berüchtigte Abfahrtsstrecke hoch über Cortina. Die kennen Sie natürlich auch gut, haben drei Mal dort gewonnen, im Januar 2014 dort auch Ihren letzten Weltcupsieg geholt. Wie speziell ist diese Strecke?
Das war schon auch immer eine meiner Lieblingsstrecken, auf der ich meistens gut zurechtgekommen bin – wobei ich mir auf der Tofana auch meinen ersten Kreuzbandriss zugezogen habe. Dennoch habe ich wirklich gute Erinnerungen an Cortina. Das ist einfach immer eine tolle Atmosphäre dort, mit dieser Dolomiten-Bergwelt und dem Tofana-Schuss. Die Abfahrt ist generell absolut olympiawürdig, weil sie alles zu bieten hat: Es hat sowohl Gleitstücke als auch technisch schwierige Kurven. Für mich war sie eine der schönsten Abfahrten auf der ganzen Weltcup-Tour. Bei schönem Wetter ist es ein Traum, da runter zu fahren.
Mit Kira Weidle-Winkelmann und Emma Aicher hat der DSV zwei Eisen im Feuer. Was trauen Sie den beiden dort zu?
Dass Kira in Cortina schnell sein kann, hat sie uns schon mal gezeigt, als sie bei der WM 2021 etwas überraschend Silber geholt hat. Es ist eine Strecke, die ihr liegt, wo ihr Material gut funktioniert. Es wäre natürlich toll, wenn beide um die Medaillen mitfahren könnten.
Riesch: Aicher "hat sicher noch mehr Potenzial für die nächsten Jahre"
Die Chancen stehen ja gar nicht schlecht, da es – außer Vonn – keine dominierende Abfahrerin in diesem Winter gab, oder?
Sofia Goggia ist immer stark einzuschätzen, aber bei ihr kann alles passieren, hopp oder top.
Lassen Sie uns über Emma Aicher reden, die vielseitigste DSV-Athletin – so wie Sie früher! Die Trainer halten das Thema Gesamtweltcup zwar bewusst klein, aber mit derzeit Platz drei ist sie einfach ganz vorn mit dabei.
Sie ist bislang eine super Saison gefahren. An der ein oder anderen Stelle fehlt ihr zwar noch die Konstanz, was bei mir aber genauso war. Dass da mal ein Ausfall passiert, ist ganz normal angesichts des Pensums, das sie fährt. Sie ist ja auch noch jung und hat sicher noch mehr Potenzial für die nächsten Jahre.
Lediglich im Riesenslalom, der als Kerndisziplin des alpinen Rennlaufs gilt, beißt es etwas aus…
Das war bei mir auch immer ein bisschen die Problemdisziplin. Ich war zwar ein paar Mal knapp dran am Sieg, aber leider ist mir der nie gelungen. Es ist schon eine sehr große Dichte im Riesenslalom, es gibt viele Spezialistinnen. Emma ist fast die einzige, die wirklich alle Disziplinen fährt.
Riesch hofft auf eine Trendwende bei Dürr: "Kann auch ganz schnell wieder in die andere Richtung gehen"
Und sie scheint sich auch nicht allzu viele Gedanken zu machen.
Sie hat absolut noch diese jugendliche Unbekümmertheit, war auch noch nie verletzt, was schon auch eine Rolle spielt. Da ist man noch etwas unbedarfter.
Bleibt aus DSV-Sicht noch Lena Dürr, bei der es heuer eher so mittelprächtig läuft. Woran liegt‘s?
Zu Saisonbeginn war es ja noch ganz okay, aber wenn man die letzten Jahre anschaut, ist es ihre bislang schwächste Saison seit Langem. So etwas gibt es halt manchmal, dass der Wurm drin ist, was dann natürlich am Selbstvertrauen kratzt. Vor allem, wenn man nicht so richtig weiß, woran es liegt. Das kann aber auch ganz schnell wieder in die andere Richtung gehen. Ich hoffe, dass sie sich mit viel Training wieder ein gutes Gefühl zurückholt. Sie hat jetzt nicht den ganz großen Druck, weil sie bisher nicht so die Ergebnisse hatte. Andererseits: Wenn schon mal Olympia ist… Beim letzten Mal war sie ja als Führende nach dem ersten Durchgang so nah dran und ist dann Vierte geworden, was natürlich bitter ist. Es werden ziemlich sicher ihre letzten Spiele werden, deswegen wünsche ich ihr da das Allerbeste und dass sie ihre Form wieder findet.