Kohlschreiber: Die Zeit spielt gegen mich

Philipp Kohlschreiber trainiert zur Zeit in Oberhaching. Exklusiv in der AZ spricht er über Tennis in der Corona-Krise, seine Zukunft – und warum er einen tierischen Fitness-Coach hat.
| Thomas Becker
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"Vielleicht kann man irgendwo mal Turnierdirektor werden", sagt Philipp Kohlschreiber, der mit seinen 36 Jahren langsam an die Karriere nach der aktiven Tennis-Karriere denkt.
Rauchensteiner/Augenklick "Vielleicht kann man irgendwo mal Turnierdirektor werden", sagt Philipp Kohlschreiber, der mit seinen 36 Jahren langsam an die Karriere nach der aktiven Tennis-Karriere denkt.

AZ: Herr Kohlschreiber, seit drei Wochen dürfen Sie wieder Tennis spielen, wenn auch unter strengen Auflagen an der Base in Oberhaching. Wer zählt noch zu den Glücklichen?
PHILIPP KOHLSCHREIBER: Nur die Top-Kader-Athleten: Maxi Marterer, Cedric Stebe, Yannick Hanfmann, Kevin Krawietz, Julia Görges war auch da. Eine Handvoll Leute, die sich ein bisschen die Zeit vertreiben und nicht wissen, wann und wie es weitergeht. Man spielt zwar wieder, hat aber kein Ziel vor Augen. Mir fällt es extrem schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten und zu sagen: "Ich trainiere jetzt volle Pulle!" Das Szenario für Tennis international sieht nicht rosig aus. Derzeit gibt es keinen Weg.

Kohlschreiber:"Habe das Gefühl, mich nicht als Erster impfen zu lassen"

Aber irgendwann dann doch einen Impfstoff.
Ich habe das Gefühl, dass ich mich nicht als Erster impfen lassen will. Der Impfstoff wurde im Turbo-Verfahren entwickelt, ohne Langzeit-Tests. Das hat alles eine Kehrseite. Noch nie hat uns so etwas getroffen.

Ihr letztes Match war im März in Düsseldorf beim 4:1 im Davis Cup gegen Weißrussland: 6:7 im dritten Satz gegen Egor Gerasimov. Wie ging’s danach weiter?
Am Tag darauf bin ich nach Los Angeles geflogen – um dort zu erfahren, dass das Turnier abgesagt ist. Ich dachte zuerst, es sei ein Spaß. War es aber nicht. Konnte ich gleich umdrehen, bevor die Grenzen schließen und ich nicht heimkomme.

"Die ersten Wochen hab' ich genossen"

Home sweet home.
Die ersten Wochen hab’ ich es genossen, weil ich durch das viele Reisen zuvor wenig daheim war. Aber die Ungewissheit hat mich viel über die Zukunft nachdenken lassen. Auf Dauer daheim sein: Da ist man als Tennisprofi absoluter Anfänger.

Verletzungspausen waren selten in Ihrer Karriere.
In 15 Jahren war ich drei oder vier Mal für sechs Wochen daheim. Aber das war etwas anderes: Da ist man verletzt, angeschlagen, genervt, hat vielleicht Schmerzen. Nach einem Muskelfaserriss war ich mal drei Wochen an Krücken: Da ist man eh zu nichts zu gebrauchen. Jetzt habe ich volle Energie, bin gesund – und kann irgendwie nix machen.

Immerhin: wieder Tennis!
Natürlich habe ich mich gefreut, als nach vier Wochen ohne Tennisschläger wieder Training auf dem Platz möglich war. Aber jetzt spiele ich seit drei Wochen vor mich hin und denke: "Was, wenn es erst in einem halben Jahr losgeht?"

"Ich versuche, mich im Fitnessbereich auszutoben"

Wie gehen Sie mit der Unsicherheit um?
Ich versuche momentan, mich im Fitnessbereich auszutoben. Auf dem Platz will ich mich erst richtig vorbereiten, wenn ich weiß: In vier, sechs Wochen geht’s los. Die Motivationskurve ist extrem wichtig. All die Olympioniken, denen jetzt der höchste aller Höhepunkte wegbricht! Die fallen in ein Loch und müssen den Reset-Button drücken. Wenn man die Tension hochhält und nix zu tun hat, ist man wahrscheinlich viel zu hibbelig, wenn’s losgeht.

Sie sind also fit wie der berühmte Turnschuh?
Wir haben einen Hund, der gern mit mir laufen geht. Der motiviert mich, ist mein Fitnesstrainer.

Und bellt Sie vom Sofa runter?
Bellen nicht, er kommt angeschwänzelt, schaut mich mit seinem Hundeblick an und meint so: "Wir müssen jetzt!"

"Ich weiß, dass ich in einem Alter bin, wo die Zeit gegen mich spielt"

Am Wochenende wären die BMW Open losgegangen. Dort haben Sie drei Mal gewonnen. Im Oktober werden Sie 37 – da werden die Chancen auf den vierten Titel dünner, oder?
Ich weiß gar nicht, welches das beste Alter für diese Situation ist. Klar hat ein 17-Jähriger die Karriere vor sich, aber wichtige Erfahrungen in dem Alter können die Jungen jetzt nicht sammeln. Ich weiß, dass ich in einem Alter bin, wo die Zeit gegen mich spielt. Aber vielleicht haben die Älteren mehr Gelassenheit. Ich wollte Ende des Jahres vielleicht meine Karriere beenden, vielleicht habe ich aber jetzt Lust und Muße zu sagen: "Nee! Das macht mir noch so viel Spaß, dass ich vielleicht noch zwei Jahre spielen will."

Was sagt der Körper?
Körperlich ging’s mir bis auf letztes Jahr eigentlich immer gut. Wenn die Lust noch mehr zurückkommt, könnte ich mir eine Verlängerung durch diese Krise vorstellen.

Schon mal überlegt, was danach kommen könnte?
Tennis ist natürlich der einfachste Weg. Ich merke immer mehr, dass ich ein zweites Auge entwickle, um jungen Leuten helfen zu können – wenn sie die Tipps haben wollen. Und sonst? Vielleicht kann man irgendwo mal Turnierdirektor werden. Aber dazu müsste erst einer aufhören. Die jetzigen machen alle einen sehr guten Job. Aber wenn der BMW-Open-Sieger Kohlschreiber irgendwann mal mithelfen würde: Würde sehr stringent wirken. Oder Davis Cup: Wer weiß, wie der in Zukunft ausschaut? Auch da macht Michael Kohlmann einen tollen Job. Aber wenn sich mal die Möglichkeit auftut: Warum nicht?

An der Base trainieren Sie seit 1998 – da waren Sie 15 und sind von Augsburg gependelt.
Ich war einer der Ersten im Internat hier. Montag bis Freitag sozusagen ohne Eltern, hab’ die Nabelschnur früh abgeschnitten. Meine Mama fand das nicht so schön. Die hätte mich gerne noch gehabt, gerade in der Pubertät. Aber als Stefan Eriksson als Cheftrainer kam, war das für mich der richtige Schritt. Der Startschuss für eine tolle Karriere.

"Hätten uns alle gefreut, wenn man mit der Entscheidung gewartet hätte"

Die Sie von Juli an ins Bundesliga-Team des TC Großhesselohe gespült hätte – wenn nicht die Bundesliga-Saison schon abgesagt worden wäre.
Wir hätten uns alle gefreut, wenn man mit der Entscheidung gewartet hätte. Klar ist das für die Klubs und die Sponsoren gerade eine extrem schwierige Phase. Viele Mitarbeiter sind auf Kurzarbeit oder in Zwangsurlaub, und so eine Bundesliga-Mannschaft kostet ja auch Geld. Vielleicht gibt es ja noch eine Winterrunde.

Sie sind FC-Bayern-Fan. Schon Entzugserscheinungen?
Hält sich in Grenzen. Ich bin eher so der Champions-League- oder Pokal-Gucker: K.o.System, wenn’s wirklich um was geht und die Meisterschaft nicht schon Monate vorher entschieden ist. In den letzten Jahren war Bayern in der Bundesliga zu dominant.

Wie stehen Sie zum Plan, am 9. Mai die Bundesligasaison wiederaufzunehmen?
Es ist schon wichtig, dass der Sport zurückkommt. Es heißt immer: "Der Fußball hat eine Ausnahmestellung." Finde ich nicht. Es gibt andere Unternehmen, die viel mehr leiden. An der Auto-Industrie hängen Millionen Arbeitsplätze. Wenn ich höre, dass viele Klubs pleite sind, wenn ein Teil der TVGelder nicht fließt – fragt man sich schon, warum nicht mehr Geld zurückgehalten wurde, um solch Phasen überbrücken zu können. Ich habe mit meinem Trainer eine Regelung gefunden, dass ich ihn auch jetzt unterstütze. Der hat ja auch kein Einkommen mehr.

Tennis ohne Zuschauer: Wie schlimm wäre das?
Es würde was fehlen, aber in der jetzigen Situation würde ich das mit Handkuss nehmen. Ich kann auf Ballkinder und Linienrichter verzichten. Wir können auf viel verzichten, wenn wir uns bloß wieder messen können.

Lesen Sie hier: Laschet rechnet mit Freigabe für Bundesliga-Spielbetrieb

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