Katja Poensgen: "Ich sehe mich immer noch als Rennfahrerin"

In der AZ spricht Motorrad-Pionierin Katja Poensgen über ihre Kinder, den Tod ihrer Eltern und erklärt, warum es nicht mehr Frauen in die Motorrad-WM schaffen: "Ich sehe das rein als Sache des Willens".
| Florian Kinast
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"Für mein gutes Aussehen kann ich nichts": Katja Poensgen.
ho "Für mein gutes Aussehen kann ich nichts": Katja Poensgen.

München - AZ-Interview mit Katja Poensgen. Die 42-jährige Rennfahrerin aus Balderschwang war 2001 die erste Frau, die in der Motorrad-WM in die Punkteränge fuhr. Heute ist die zweifache Mutter vor allem als Markenbotschafterin und Moderatorin für Firmen und Events im Einsatz.

AZ: Frau Poensgen, sind Sie an diesen schönen Herbsttagen gerade viel unterwegs, auf Ihrem Motorrad durchs schöne Allgäu?
KATJA POENSGEN: Das nicht, aber dafür war ich die letzten Tage mit einer Motocrossmaschine hier um die Ecke am Start. Hat auch extrem Spaß gemacht.

Sie haben inzwischen zwei Kinder, Ihre Töchter sind 13 und eins. Hat Sie das Leben als Mutter entschleunigt? Sind Sie ruhiger geworden?
Kinder entschleunigen das Leben einer Mutter gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich denke auch nicht, dass mich die Kinder verändert haben. Eher bereichert. Und wenn meine Kleinste immer den Schnuller ausspuckt, wenn ein Motorrad vorbeikommt, um laut mitzubrummen, dann freut sich mein Mutterherz. Und mein Motorradherz natürlich auch.

Ihre erste Tochter bekamen Sie mit 29, dachten Sie mal daran, nach der Babypause die Karriere fortzusetzen?
Hab ich ja. Ich sehe mich immer noch als Rennfahrerin. Nach meiner Zeit bei der MotoGP bin ich auch noch Rallye in Transsibirien gefahren oder beim Porsche Cup. Auch mächtig spannende Erfahrungen. Geht schon beides, das Leben als Mutter und Rennfahrerin zu verbinden. Man muss sich einfach koordinieren.

Als Sie 2001 erstmals in die WM-Punkteränge fuhren, dachte man, das sei der Durchbruch für Frauen im Motorrad-Rennsport. Warum ist es bis heute die Ausnahme geblieben, warum haben sich nicht mehr Frauen durchsetzen können?
Naja, das Ganze ist ja kein Quotenwettrennen. Wer fahren will, der fahre. Und wenn es keine starke eigene Frauenliga gibt, dann fährt man halt neben Jungs und Männern mit. Gegen die Zeit, das Material und die Rennstrecke. Ich sehe das rein als Sache des eigenen Willens.

Mit Ana Carrasco gewann 2017 erstmals eine Frau einen Titel in der Superbike-WM. Wird sich dadurch künftig etwas ändern oder bleibt die von Testosteron-Gehalt und Macho-Gehabe gesteuerte Motorsport-Welt eine weitgehend frauenfreie Männerdomäne?
Das hat nichts mit dem Hormon zu tun. Die Zuschauer und Journalisten nehmen generell erst mal diese kleinen, aber feinen Unterschiede zur Kenntnis. Aber dem Rennteam, das sie anstellt, dem sind solche Unterschiede herzlich egal. Da geht es nur um die Ziele, um den Erfolg. Da geht es nicht um Mann oder Frau. Da geht’s um die Rundenzeit. Das ist das einzig entscheidende Kriterium.

Haben Sie sehr gelitten unter blöden Sprüchen männlicher Kollegen? Oder wenn Motorsport-Journalisten erst einmal Ihr – Zitat – "appetitliches Aussehen" erwähnten, bevor sie auf Ihre sportliche Leistung zu sprechen kamen?
Für mein subjektiv gutes Aussehen kann ich ja auch nichts. Glauben Sie mir, hätte ich ein paar Zehntel gewinnen können, wenn ich mich wie ein Junge angezogen hätte, ich hätte es gemacht. Dumme Sprüche kommen anderen Menschen auch im normalen Leben über die Lippen. Wenn Leute mich auf "blond" reduzieren, weil sie meinen sportlichen Erfolg nicht verstehen oder einordnen können, da frage ich mich: Wer ist da gerade eben mehr blond? Das alles hielt und hält mich vom Wesentlichen in der Sache nicht ab. Rennsportprofi zu sein ist kein Kindergeburtstag oder ein Zirkus, Sie werden schneller ersetzt als Sie glauben, wenn Sie nicht voll bei der wahren Sache sind.

Aus der Hochzeit mit Valentino Rossi wurde nichts? Weil er doch 2003 in einem Doppel-Interview meinte, er würde Sie gerne bald heiraten.
Ich glaub’, den kann ich nur heiraten, wenn ich ein paar mehr WM-Titel selbst habe. Also geben wir die Sache noch nicht verloren.

Vergangenes Jahr starben kurz nacheinander Ihre Eltern. Ihr Vater war dabei mehr als nur ein Papa, er war ein Förderer, Wegbereiter, vielleicht der wichtigste Mensch in Ihrem Leben? Einer, der Sie, wie Sie einmal sagten, rausholte aus Ihrer Punker-Clique, Ihrer einstigen zickigen Null-Bock-Phase und Sie für den Motorrad-Sport faszinierte. In diesem Jahr haben Sie in Hockenheim eine Ehrenrunde für ihn gedreht. Wie sehr schmerzt der Verlust noch, ist er noch immer bei Ihnen?
Mein Vater hat mich nie aus Mitleid oder Selbstschutz auf ein gefährliches Rennmotorrad gesetzt. Er hat mich in meinem Entschluss dabei voll unterstützt, weil er selbst auch ein Motorradfan ist und war, und sah, was ich da tue oder besser gesagt ernsthaft tun will. Die Ehrenrunde am Hockenheimring fuhren Jasmin Rubatto und ich gemeinsam für unsere Väter. Jasmins Vater Peter, der in den neunziger Jahren einer der besten deutschen Rennfahrer war, ist heuer im Februar an Krebs gestorben. Diese Runde war ein ganz besonderer emotionaler Moment. Es war beim Ehrentag am Ring schön zu sehen, wie geschlossen die Motorradgemeinde doch ist, als wir zusammen gut trauern konnten. Dort, wie es sich gehört. Aber ich spüre eh, dass er immer bei mir ist.

Wenn Ihre Töchter auch mal Rennfahrerin werden wollen: Würden Sie sie dabei unterstützen oder wäre es Ihnen lieber, sie würden einen ganz anderen Weg einschlagen?
Also, die Kleine hat ja noch Zeit. Und zur Älteren: Sie soll sich erst mal auf die Schule konzentrieren, und wenn, dann kommt das Talent von ganz alleine. Ich will bloß nicht, dass meine Töchter nur wegen ihrer Mutter Rennfahrerin werden. Die sollen und die werden ihren eigenen Weg gehen, da bin ich mir ganz sicher. Aber natürlich: Auf dem Weg zum Bäcker wird schon mal geschaut, wer schneller ist, das ist klar.

Welche Maschine fährt Ihre Tochter?
Die alte Suzuki Street Magic meines Vaters. Da ist der Opa dann auch immer mit dabei.

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