Kai Ebel: Ich denke fast täglich an Michael Schumacher

Schwierige Zeiten auch für die Formel 1. In der AZ spricht Kult-Moderator Kai Ebel über den Stillstand, Erinnerungen an Schumi und die Vorgehensweise der Politik: "Mir fehlt die grundsätzliche Erkenntnis."
| Johannes Schnabl
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Die neue Formel-1-Saison soll nach aktuellem Plan am 14. Juni in Montreal beginnen. Foto: Asanka Brendon Ratnayake/AP
dpa Die neue Formel-1-Saison soll nach aktuellem Plan am 14. Juni in Montreal beginnen. Foto: Asanka Brendon Ratnayake/AP

AZ-Interview mit Kai Ebel: Der 55-Jährige begleitet die Formel 1 seit 1992 als Reporter für RTL.

AZ: Herr Ebel, neulich wären Sie erst beim Rennen in Bahrain gewesen, am kommenden Wochenende stünde die Premiere in Vietnam an. Stattdessen sitzen Sie, wie alle anderen, nur daheim.
KAI EBEL: Wobei es bei euch in Bayern noch strenger zugeht als bei uns. (lacht) Aber ich bin gerne daheim. Ich liebe mein Zuhause, der Rheinländer an sich ist ja auch ein bodenständiger Mensch. Die Umstände sind allerdings weniger schön, ich würde schon ganz gern selbst entscheiden, wann ich daheim bin. Das will ich mir ungern vorschreiben lassen. Es ist eine merkwürdige Zeit.

Haben Sie denn ein paar Tipps für zu Hause hockende Motorsportfans, wie man sich nun die Zeit vertreibt?
Am Computer sitzen und alte Rennen anschauen. Wir bei RTL prüfen gerade, ob man da nicht etwas machen kann. Den Leuten die tollsten und spannendsten Rennen nochmal zu zeigen. Im Fußball macht man das ja auch. Einige Piloten fahren jetzt virtuelle E-Sport-Rennen gegeneinander, aber das ist natürlich alles kein Ersatz. Im Motorsport stoßen wir da schnell an Grenzen. Ich habe neulich ein Video gesehen, wo einer in Quarantäne die ganze Zeit mit dem Kart um sein Haus herumfährt. Aber die Möglichkeit muss man haben.

Kai Ebel: Lewis Hamilton sucht noch seinen Weg

Können Sie, der dauernd unterwegs ist, der zwangsverordneten Ruhe auch etwas Gutes abgewinnen?
Man lernt, soziale Kontakte wieder mehr zu schätzen. Und man kümmert sich um Leute, die man liebt. Da fragt man öfter, wie es dem Anderen geht, ob man was vom Einkaufen mitbringen kann. Wir kommen alle gerade wieder ein bisschen weg von dieser egoistischen Ellenbogengesellschaft.

Jemand, der jene Ellbogengesellschaft und sämtliche Missstände auf der Welt anprangert, ist Lewis Hamilton. Was ist mit dem einstigen Jetsetter und Party-König passiert?
Ich will es mal so sagen: Von außen betrachtet, habe ich Lewis schon als Rapper, als Schauspieler, als Modedesigner, als Auto-Botschafter, als Prediger, als Sänger oder als Umweltschützer erlebt. Insofern, glaube ich, sucht er seinen Weg noch ein bisschen.

Eigentlich wollte er in diesem Jahr den Titel-Rekord von Michael Schumacher einstellen. Noch ist allerdings fraglich, wann überhaupt wieder gefahren wird.
Das Problem ist, dass es die Formel 1 als globale Sportmarke ja gar nicht selbst in der Hand hat. Wir alle sind im Angesicht der Corona-Pandemie nur Passagiere und können nichts weiter tun, als warten.

Vor kurzem ist auch das Rennen in Baku (7. Juni) verschoben worden.
Demnach wäre Montreal (am 14. Juni, d.Red.) das erste Rennen. Ein würdiger Auftakt, weil das immer ein irres Rennen mit toller Atmosphäre ist. Hochsommer in Kanada, die Île-Notre-Dame, einfach herrlich.

Die neue Formel-1-Saison soll nach aktuellem Plan am 14. Juni in Montreal beginnen. Foto: Asanka Brendon Ratnayake/AP
Die neue Formel-1-Saison soll nach aktuellem Plan am 14. Juni in Montreal beginnen. Foto: Asanka Brendon Ratnayake/AP © dpa

Apropos Atmosphäre: Wären auch Rennen ohne Zuschauer eine Option?
Ich finde das schwierig. Zumal die Fahrer immer betonen, wie wichtig ihnen die Fans sind. Klar, die Formel 1 ist eine Fernseh-Sportart, aber es täte mir unglaublich leid für die vielen Motorsport-Fans, die dieses Spektakel an den Strecken live erleben wollen. Momentan ist man aber dabei, Veranstaltungen dieser Art einzudämmen oder zu verbieten. Ich frage mich, wie lange das eigentlich gehen soll. Denn Menschenansammlungen sind ja nicht zwanghaft etwas Negatives. Sie können auch schön sein, wenn Menschen gemeinsam feiern und sich über den Motorsport freuen. Ich hoffe, dass wir da bald wieder hinkommen.

Auch für die Crews dürfte ein Rennwochenende schwierig werden. Die sitzen da auf engstem Raum beisammen.
Eben. Und da stellt sich die Frage: Wo fängt man an, wo hört man auf? Dann müssten wir ja auch mit verlängerten Mikrofonstangen rumlaufen, weil wir den Mindestabstand einhalten müssen, die Fahrer könnten nicht mehr vernünftig mit ihren Renningenieuren reden etc. Entweder es müssen sich wirklich alle an die Regeln halten oder keiner. Und da, glaube ich, fehlt die grundsätzliche Erkenntnis: Wie gehen wir alle vernünftig mit diesem Virus um?

Verzichten auch bald Formel1-Fahrer auf Gehalt?

Aktuell wird es mit Ausgangssperren, Abschottung und Absagen versucht. Wäre ein komplettes Saison-Aus verschmerzbar für die Formel 1?
Nein, das denke ich nicht. Und das will ich mir auch gar nicht vorstellen.

Denken Sie, dass auch Formel1-Fahrer auf einen Teil ihres Gehalts verzichten sollten?
Da gibt es sicher Überlegungen. Vielleicht passiert auch schon was. Es ist ja nicht gesagt, dass jeder, der Gutes tut oder verzichtet, das auch in die Öffentlichkeit tragen muss. Manche helfen auch gerne im Stillen. Ich weiß zum Beispiel von Michael Schumacher, dass er früher viele Projekte unterstützt hat, aber bloß nicht wollte, dass da was an die Öffentlichkeit kommt. Einmal hat er sich sogar tierisch aufgeregt, als herauskam, dass er für die Opfer der Tsunami-Katastrophe 2004 richtig was gespendet hat.

Denken Sie in diesen Zeiten noch oft an Michael Schumacher?
Ich denke fast täglich an Michael, weil ich auch fast täglich darauf angesprochen werde. Gut, jetzt, da ich weniger soziale Kontakte habe, wird das etwas weniger. Aber ernsthaft: Ich denke viel an ihn, das hat aber weniger mit Corona und der derzeitigen Situation zu tun.

Zurück zur aktuellen Saison: Wie lange werden die sogenannten kleinen Teams eine Rennpause überleben?
Da muss man sich etwas einfallen lassen. Vielleicht muss die Formel 1 einen kleinen HilfsFond gründen. Denn wenn einige Teams wegbrechen, würde der Wettbewerb arg darunter leiden. Aber was man machen kann und muss, sieht man doch erst dann, wenn man mal wieder anfängt, vernünftig zu planen. Aber im Moment ist alles schwammig, alles plätschert dahin, nicht nur in der Formel 1. Irgendwann braucht es doch mal konkrete Ansagen, die Situation kann ja nicht ewig andauern. Wir können uns doch nicht ein, zwei Jahre einsperren. Dann funktioniert auch nichts mehr, dann ist auch keiner mehr gesund. Die eine Hälfte hätte sich bis dahin selbst umgebracht, die andere sorgt dafür, dass der Rest auch noch stirbt.

Lesen Sie hier: Das Geheimnis hinter Rummenigges Anstecker

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