Interview

Jutta Kleinschmidt: "Bei der Dakar ist es für Frauen wirklich schwer, an ein Top-Auto ranzukommen"

Vor dem Start an Neujahr spricht Motorsport-Legende Jutta Kleinschmidt in der AZ über die männliche Dominanz bei der Wüsten-Rundfahrt, Fahrverbote in Saudi Arabien - und die elektrische Rallye-Zukunft.
| Krischan Kaufmann
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Jutta Kleinschmidt (r.) mit Molly Taylor und Johan Kristoffersson.
Jutta Kleinschmidt (r.) mit Molly Taylor und Johan Kristoffersson. © imago images/Shutterstock

AZ-Interview mit Jutta Kleinschmidt: Die Physikerin (59) gehört zu den erfolgreichsten Fahrerinnen im Motorsport. Sie ist die erste und bisher einzige Frau, die eine Gesamtwertung der Rallye Dakar (2001) gewinnen konnte.

AZ: Frau Kleinschmidt, am Neujahrstag startet wieder die berühmte Rally Dakar, das sind zwei Wochen lang über 8.000 Kilometer nur Sand, Dünen und Geröll. Können Sie einem Laien erklären, wo bei dieser Tortur für Mensch und Maschine der ganz spezielle Reiz liegt?
JUTTA KLEINSCHMIDT: Es stimmt schon, dass die Rally Dakar eine große Herausforderung ist, aber das ist ja gerade das Besondere: Man tritt hier an, weil man den Wettbewerb liebt, weil man ein Abenteuer sucht und weil man neue Technologien ausprobieren will.

 "Motorsport war für mich schon immer das Testfeld für  Technologien"

Da passt es ja gut, dass mit dem Audi Q e-tron erstmals ein komplett elektrisch betriebener Rallye-Bolide an der Dakar teilnimmt. Die automobile Zukunft scheint nun endlich auch in der Wüste angekommen zu sein, oder?
Damit es überhaupt jetzt soweit kommen konnte, mussten ja erstmal die Regularien entsprechend angepasst werden. Das war das, was ich in meiner Funktion als Präsidentin der Cross-Country-Kommission der FIA (Automobil Weltverband, d. Red.) die letzten drei Jahre gemacht habe. Ich habe diesen Job damals übernommen, weil Jean Todt (FIA-Chef, d Red.) wollte, dass wir Innovation in diesen Sport bringen. Das war natürlich eine Herausforderung, aber hat mir auch großen Spaß gemacht. Denn ich bin ja selbst Ingenieurin, habe sieben Jahre in der Automobil-Industrie gearbeitet. Und der Motorsport war für mich schon immer das Testfeld für die Technologien, die dann irgendwann auch mal im normalen Straßenverkehr eingesetzt werden.

Mit Dakar-Rekordsieger Stephane Peterhansel und Rallye-Legende Carlos Sainz hat Audi zwei absolute Erfolgsgaranten verpflichtet. Aber mal abgesehen von den prominenten Piloten, ist der neue E-Renner technisch überhaupt schon konkurrenzfähig?
Nach meiner Erfahrung ist es immer schwierig, bei so einer Langstrecken-Rallye wie der Dakar anzufangen und dann gleich siegfähig zu sein. Den Gesamtsieg halte ich für sehr ambitioniert - auch wenn man sich ja immer große Ziele setzen sollte. Aber wenn alle drei Audis ins Ziel kommen und dabei vielleicht noch das ein oder andere gute Tagesergebnis einfahren, hätte das Team einen ausgezeichneten Job gemacht.

Ein Auto mit E-Antrieb wie den Audi Q e-tron "würde mich schon reizen", sagt die deutsche Dakar-Legende Jutta Kleinschmidt. Zunächst sind aber ihre Kollegen Stephane Peterhansel und Carlos Sainz dran.
Ein Auto mit E-Antrieb wie den Audi Q e-tron "würde mich schon reizen", sagt die deutsche Dakar-Legende Jutta Kleinschmidt. Zunächst sind aber ihre Kollegen Stephane Peterhansel und Carlos Sainz dran. © imago images/ZUMA Wire

In der Wüste gibt es tendenziell noch weniger Ladesäulen als an deutschen Autobahnen. Was passiert, wenn einem Wagen der Saft ausgeht?
Die Autos haben ja einen sogenannten Range Extender (Reichweitenverlängerung, d. Red.) an Bord, insofern können die Wagen ihren Strom selbst produzieren. Und sonst wird immer im Biwak geladen. Aber klar, an der Versorgungsinfrastruktur, gerade auch mit Blick auf die Brennstoffzellen-Technologie, die ab 2023 eine große Rolle spielen wird, muss weiter gearbeitet werden. Aber das wird jetzt Schritt für Schritt umgesetzt, denn E-Antriebe sind meiner Meinung nach auch bei der Rally Dakar die Zukunft.

Aber sind die aktuellen E-Gefährte nicht eine Mogelpackung, weil als Generator ja ein normaler Verbrennungsmotor herhalten muss?
Nein, denn das Auto wird ja voll elektrisch angetrieben. Es ist also kein Hybrid, der 50 Kilometer elektrisch fährt und dann auf den Verbrenner umschaltet. Hier wird der Verbrennungsmotor nicht dazu benutzt, um die Räder anzutreiben, sondern nur um die Batterie zu laden - und das passiert auf eine sehr effiziente Art und Weise, da der Motor immer mit der gleichen Drehzahl läuft, also nicht dauernd beschleunigen und bremsen muss und deshalb sehr wenig verbraucht.

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Finden Sie es nicht paradox, dass die Elektrifizierung der Dakar ausgerechnet in Saudi Arabien, dem ölreichsten Land der Welt, beginnt?
Nein, denn die Dakar findet nun ja bereits zum dritten Mal hier statt. Der Veranstalter hat einen langjährigen Vertrag mit Saudi Arabien abgeschlossen, weil das Land für die Dakar nun mal sehr ideal ist. Hier findet man alles, was man an Gelände braucht, um so ein Rennen durchzuführen. Und deshalb müssen die Hersteller, wenn sie ihre neuen Technologien ausprobieren wollen eben hierher. (lacht) Außerdem ist Saudi Arabien sehr offen für neue Technologien, man denkt hier schon an die Zeit nach dem Öl.

Aus heutiger Sicht hatten Sie ja bei Ihrem Sieg 2001 Glück, dass die Rally Paris-Dakar noch auf der traditionellen Route ausgetragen wurde und nicht in Saudi Arabien, denn dort ist das Autofahren für Frauen erst seit 2019 erlaubt.
Man kann es aber auch anders herum sagen: Die Dakar wäre nie nach Saudi Arabien gekommen, wenn hier für Frauen das Autofahren immer noch verboten wäre. Natürlich war das eine der Bedingungen, damit Motorsportveranstaltungen hier stattfinden können, dass Frauen auch teilnehmen dürfen. Das war sogar ein K. o.-Kriterium. Insofern hat der Motorsport womöglich diesen Wandel sogar mitangeschoben.

 "In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Teilnehmerinnen wesentlich gewachsen"

Die Frauenquote bleibt bei der Dakar dennoch überschaubar. Heuer sind nur 60 der 750 Fahrer weiblich. Und Ihr Sieg ist auch schon 21 Jahre her. Warum hat es seitdem keine Frau mehr geschafft?
Da gibt es wohl nicht den einen Grund. Zum einen finden schon an der Basis weniger Frauen als Männer den Weg in den Motorsport. Und dann ist es schwieriger für eine Frau, an ein wirkliches Top-Auto ranzukommen, weil die Teams dann im Zweifel doch eher noch an die Männer glauben. Außerdem ist es auch eine Budgetfrage - auch wenn es für Männer und Frauen wohl gleich schwer ist, das Budget aufzutreiben. Aber wir haben mittlerweile schon deutlich mehr Frauen bei der Dakar und gerade in den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Teilnehmerinnen wesentlich gewachsen.

Trotzdem hießen die Gewinner zuletzt: Stephan Peterhansel (55 Jahre, 14 Siege), Nasser Al-Attiyah (55, 3 Siege) oder Carlos Sainz (59, 3 Siege). Ist die Dakar vor allem ein Rennen für ältere Männer?
Das liegt aber auch daran, dass der Einstieg (Anfangsbudget mind. 40 000 Euro, d. Red.) in den Cross Country einfach zu teuer war. Wir haben deshalb eine neue Kategorie geschaffen, die T4 für die kleinen Side-by-Side-Buggys, die wesentlich günstiger sind. Uns hat der Nachwuchs gefehlt. Die jungen Leute wollen fahren, aber sie haben es sich einfach nicht leisten können. Nun können die vielen Talente wichtige Erfahrung sammeln. Erfahrung, die die alten Füchse wie Peterhansel, Al-Attiyah oder Sainz natürlich im Überfluss haben. Aber ich bin mir sicher, dass wir bald auch junge Talente sehen werden, die um den Sieg mitfahren werden.

Mit 59 Jahren wären Sie ja aktuell im besten Alter für einen weiteren Sieg, oder haben Sie als Kommissionspräsidentin ihre Dakar-Karriere nun endgültig abgehakt?
Wenn ich ein Auto mit neuen Technologien wie zum Beispiel den Audi bekäme, dann würde mich das schon sehr reizen. Das ist schon ein bisschen ein Traum. Aber ich glaube nicht, dass ich nochmal mit einer alten Technologie mitmachen würde, denn ich bin überzeugt, dass wir ein neues Zeitalter einläuten müssen.

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