Interview

Jens Weißflog: "Eigentlich ist Geiger der Kleinschanzen-Karle"

Der dreimalige Olympiasieger Jens Weißflog hatte ein ähnliches Talent wie Skiflug-Weltmeister Karl Geiger: einen kraftvollen Absprung. Dabei sei der beim Fliegen eher hinderlich, sagt der Überflieger.
| Thomas Becker
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"Der kam von zu Hause, die Favoriten waren andere - und die hatten auch Druck", sagt Skisprung-Legende Jens Weißflog über den Sensations-Skiflug-Weltmeister Karl Geiger.
"Der kam von zu Hause, die Favoriten waren andere - und die hatten auch Druck", sagt Skisprung-Legende Jens Weißflog über den Sensations-Skiflug-Weltmeister Karl Geiger. © imago/GEPA Pictures

München - AZ-Interview mit Jens Weißflog: Der 56-Jährige war drei Mal Olympiasieger und drei Mal Weltmeister im Skispringen, zudem gewann er 33 Einzelspringen im Weltcup.

Jens Weißflog, Skisprungweltmeister, Olympiasieger und Hotelier, steht vor dem derzeit unbesetzten Tresen seines Hotels.
Jens Weißflog, Skisprungweltmeister, Olympiasieger und Hotelier, steht vor dem derzeit unbesetzten Tresen seines Hotels. © dpa

AZ: Herr Weißflog, wie haben Sie, die Skisprung-Ikone, die Skiflug-WM in Planica mit Gold, Silber und Bronze für die deutschen Springer erlebt?
JENS WEISSFLOG: Mit Sven Hannawald, Severin Freund und Dieter Thoma hatten wir ja schon mal Skiflug-Weltmeister, aber schlecht sieht die Bilanz nach dem Wochenende nun wirklich nicht aus. Zumal man wirklich andere auf der Rechnung hatte: Die Norweger waren ja doch die haushohen Favoriten. Markus Eisenbichler sicherlich auch, aber sein Fast-Sturz hat ihm womöglich doch ein bisschen den Zahn gezogen. So was bringt einen Springer schon ein bisschen durcheinander.

Und galt der Überraschungs-Weltmeister Karl Geiger bislang nicht eher als Springer denn als Flieger?
Dem hat keiner zugeschaut, der kam von zu Hause, die Favoriten waren andere - und die hatten auch den Druck. Und es hing sicherlich auch vom ersten Sprung ab – wie beim Österreicher Michael Hayböck oder beim Russen Jewgeni Klimow, die man jetzt beide nicht unbedingt so weit vorne erwartet hätte.

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Da ist zuerst mal die viel größere Geschwindigkeit im Anlauf. Auf einer 140-Meter-Schanze hatten die zuletzt Anlaufgeschwindigkeiten von 85 bis 87 km/h – so viel wie wir früher auf einer 90-Meter-Schanze. Das ist fast eine neue Qualität in dieser Saison: Dass man mit so wenig Geschwindigkeit so weit springen kann. Das hätte man vor zehn Jahren bestimmt nicht gedacht. Auf einer Flugschanze fährt man mit 105 Sachen an: Da kommt einem der Schanzentisch schon schneller entgegen, muss man noch genauer reagieren. Auch die Luftkräfte im Flug sind enorm, was man im Fernsehen gar nicht so sieht. Skifliegen wird in seiner Dimension im Fernsehen eigentlich kaum noch verdeutlicht. Es gibt auf jeden Fall spektakulärere Perspektiven als nun in Planica. Zumindest von der Optik war es jetzt fast ein bisschen langweilig.

Sie waren zu Ihrer aktiven Zeit als Springer wesentlich erfolgreicher als Flieger: 70 Weltcup-Podestplätze als Springer, nur drei als Flieger. Wie kam's?
Ich war auch eher der Klein-Schanzen-Karle. So wird der Karl Geiger wegen seiner Absprungkraft ja genannt. Ich war auch ein sehr guter Abspringer, was beim Skifliegen fast schon wieder hinderlich ist, wenn man zu viel Kraft einsetzt.

Ein weltmeisterlicher Schrei: Karl Geiger nach seinem Siegersprung.
Ein weltmeisterlicher Schrei: Karl Geiger nach seinem Siegersprung. © firo/Augenklick

Wieso das?
Man muss die Kraft in die richtige Richtung bringen. Aufgrund der Geschwindigkeit kann man die Kraft nicht so gut anbringen wie auf einer kleinen Schanze. Ich glaube auch, dass die deutschen Springer sich in den letzten Jahren auch flugtechnisch weiterentwickelt haben. Darauf hatten wir zu meinen Zeiten überhaupt nicht geachtet, da ging es nur um den Absprung. Mit Roar Ljøkelsøy als Co-Trainer von Bundestrainer Werner Schuster hat man vor ein paar Jahren so richtig das Fliegen gelernt, die norwegische Technik. Das macht sich in den letzten Jahren auf alle Fälle bemerkbar.

Nach solch großartigen Ergebnissen wird beim DSV die Vorfreude auf die Vierschanzentournee sicher ganz gewaltig sein, oder?
Das bringt aber auch entsprechenden Druck mit. Aber lieber in einer solchen Position sein als nicht zu wissen, wo man steht.

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