„Herrschaft, das könnt’ ich noch!“

Vor dem 40. Jahrestag ihres Olympia-Triumphs spricht Rosi Mittermaier über ihre emotionalen Erinnerungen an ihre Zeit als Gold-Rosi.
| Thomas Becker
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Die erste Medaille zu feiern "war schwierig", sagt Mittermaier: "Schließlich hatte ich ja noch zwei Rennen: Slalom und Riesenslalom."
imago Die erste Medaille zu feiern "war schwierig", sagt Mittermaier: "Schließlich hatte ich ja noch zwei Rennen: Slalom und Riesenslalom."

München - Rosi Mittermaier (65) gewann 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck Gold in Abfahrt und Slalom und Silber im Riesenslalom.

Am Montag jährt sich der Olympia-Triumph von Rosi Mittermaier zum 40. Mal – Zeit für ein Gespräch über die guten, alten Zeiten. Unsere Interview-Anfrage führt zu Turbulenzen in einer Küche in Garmisch-Partenkirchen. Da gerade die gesamte Familie inklusive Enkel Oskar zu Besuch war, muss dringend abgespült werden – ausnahmsweise von Christian Neureuther. „Zum dritten Mal in 40 Jahren“, witzelt er und reicht das Handy weiter an Gattin Rosi.

AZ: Frau Mittermaier, erinnern Sie sich noch an den 8. Februar 1976?
ROSI MITTERMAIER: Das Datum hätte ich jetzt nicht mehr gewusst, aber ich weiß noch, dass es ein Sonntag war, ein herrlicher, sonniger Tag.

Und ein ziemlich erfolgreicher noch dazu! Auf der Hoadl-Piste im Skigebiet Axamer Lizum bei Innsbruck sind Sie Abfahrts-Olympiasiegerin geworden – ohne je zuvor eine Abfahrt gewonnen zu haben. Bei der Generalprobe zwei Wochen zuvor in Bad Gastein sind Sie sogar Letzte geworden.
Da hatten wir alle total verwachst. 20 Sekunden nach der Bestzeit sind wir ins Ziel gekommen! Deswegen haben wir gehofft, dass es auf der Lizum nicht wieder schneit. Da hat dann zum Glück auch das Wachs gepasst. In der Abfahrt gab es in der Zeit eben eine Annemarie Moser-Pröll und eine Marie-Theres Nadig – und sonst niemanden! Ich war mal Zweite und Dritte, bin immer ganz gut gefahren, wenn’s kurvig war und nicht so viele Gleitpassagen hatte – und am Hoadl war’s dann schön kurvig und technisch anspruchsvoll.
 

Im Jahr zuvor hatten Sie dort einen Zusammenstoß mit einem Touristen.
Da hatte etwas mit unserer Kommunikation auf dem Funkgerät nicht gestimmt, und plötzlich querte so ein amerikanischer Tourist die Piste. Ich bin in ihn reingerauscht und hab’ mir den Arm gebrochen: Saison-Ende. Dem Amerikaner ist nix passiert. Aber daran habe ich beim Olympia-Abfahrtslauf nicht mehr gedacht. Schließlich konnte ja die Piste nix dafür!
 

Ihre größte Konkurrentin, die fünffache Weltmeisterin Annemarie Moser-Pröll, hatte überraschend ihren Rücktritt erklärt. Wer war die Favoritin auf Abfahrts-Gold?
Die Österreicherin Brigitte Totschnig – und meine Schwester Evi. Der hätt’ ich es so gegönnt!
 

Sie ist Dreizehnte geworden.
Und hat so geheult! Sie ist halt nah am Wasser gebaut. Es war das erste Abfahrtsrennen, bei dem unsere Mutter zugeschaut hat. Sie hat immer geklagt: „Warum muss ich Töchter haben, die Abfahrtslauf machen?“ Ich bin ja auch ganz froh, dass der Felix (Neureuther; d. Red.) kein Abfahrer ist. Der Riesenslalom ist schon schnell genug, vor allem mit diesen Skiern mit den großen, schwer zu fahrenden Radien!
 

Auf der Lizum waren Sie dann eine halbe Sekunde schneller als Totschnig.
Ich hatte schon im Gespür, dass ich schnell bin. In den Trainingsläufen hatte unser Trainer uns gesagt, wir sollten nicht bis zum Schluss in der Hocke fahren, um ein bisschen zu pokern, so wie man das heute auch macht. Aber damals fragte mich so ein Reporter aus Hamburg: „Frau Mittermaier, haben Sie keine Kraft mehr? Sie können ja gar nicht bis zum Schluss in der Hocke fahren?“
 

Wie haben Sie Ihre erste Goldmedaille gefeiert?
Das war schwierig. Schließlich hatte ich ja noch zwei Rennen: Slalom und Riesenslalom. Bis dann die Dopingkontrolle und die Pressekonferenz vorbei und ich wieder unten im Olympischen Dorf war, da hat die Evi schon im Bett gelegen und geschlafen. Und meine Badewanne war voller Blumen! Allein der Liftbesitzer hat mir hundert rote Baccara-Rosen geschenkt! Hundert! Die hab’ ich dann vom Balkon runter in die Menge geworfen. Da standen ja zigtausend Leute. Ganz viele Deutsche waren gekommen. Und zum Slalom und Riesenslalom kamen dann noch mehr Leute, über 20 000. Man musste mich schützen. Es gab halt noch nicht so viele Sportarten wie heute. Damals ist man als Deutscher Meister mit dem Auto durch die Stadt gefahren worden. Heute weiß ja niemand mehr, wer überhaupt Deutscher Meister ist.
 

Ihr emotionalster Moment in diesen Tagen?
Das Interview mit Oskar Klose, der Radio-Legende. Den kannte ich schon von den Olympischen Spielen 1964. 1976 war das letzte Rennen, das er kommentierte, wenig später ist er überraschend gestorben. Die Reporter wussten ja alles über uns, wir waren immer ganz eng miteinander, nicht so wie heute. Und wie die sich für uns mitgefreut haben! Als er mich nach meiner Goldmedaille interviewte, ist ihm die Stimme übergegangen und er hatte Tränen in den Augen – da musste ich selbst mitheulen.
 

Nach dem Abfahrts-Gold folgten eine Goldene im Slalom und eine Silbermedaille im Riesenslalom – und ein riesiger Hype um die „Gold-Rosi“.
Innerhalb von vier Wochen landeten mehr als 40 000 Briefe und Pakete auf der Winklmoosalm, Musikkapellen spielten vor unserer Tür, es war der Wahnsinn! Wir haben uns gefragt: „Wie soll ich da überhaupt trainieren, wenn das so weitergeht?“
 

Einen Monat nach Olympia holten Sie sich noch den Sieg im Gesamt-Weltcup und beendeten Ihre Karriere – mit 26!
Es war alles so wild geworden. Da wurden Schnapsgläser mit meinem Konterfei verkauft von irgendwelchen Leuten, japanische Rosi-Uhren und was-weiß-ich-noch-alles. Das konnte ja kein Anwalt aus Traunstein mehr bewältigen. Deshalb bin ich dann zur Agentur von Mark McCormack gegangen und habe mich praktisch als erste deutsche Sportlerin vermarkten lassen. Die hatten damals noch den Björn Borg, aber keine Frauen.
 

Haben Sie den Wettkampf auf der Piste nicht vermisst?
Das war schon hart. Die Evi und der Christian waren ja noch aktiv, und wenn ich die im Fernsehen auf der Piste gesehen hab’, hab’ ich mir schon gedacht: „Herrschaft, das könnt’ ich ja auch noch!“
 

Waren Sie mal wieder auf der Axamer Lizum?
An meinem 60. Geburtstag! Da kam die Kanadierin Kathy Kreiner, die 1976 im Riesenslalom vor mir Gold gewonnen hatte, zu Besuch, und wir waren im Sommer auf der Lizum. Schön war’s! Die Kühe haben gegrast, und nachmittags gab’s noch Kaffee und Kuchen im Golden Dachl in Innsbruck. Der Kontakt ist geblieben, über all die Jahre. Das ist beim Felix heute nicht anders. Trotz all der Verletzungen und Rückschläge: Die Begeisterung fürs Skifahren ist immer noch da!

 

 

 

 

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