Interview

Handballer Kastening im AZ-Interview: "Das Halbfinale ist nicht unmöglich"

In der AZ spricht Rechtsaußen Timo Kastening über die Chancen des jungen deutschen Teams bei der Handball-EM, über ein ganz bestimmtes Krokodil - und darüber, warum er spanisch gelernt hat.
| Thomas Becker
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Timo Kastening gehört im EM-Kader mit 26 schon zu den Oldies.
Timo Kastening gehört im EM-Kader mit 26 schon zu den Oldies. © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa/dpa

München - AZ-Interview mit Handballer Timo Kastening: Der Rechtsaußen spielt beim Erstligisten MT Melsungen und gehört im deutschen EM-Kader mit 26 bereits zu den Oldies. 

AZ: Herr Kastening, als Sie an Neujahr zum Trainingslager der Nationalmannschaft kamen, waren einige vertraute Gesichter nicht dabei, dafür viele Neue. Haben Sie überhaupt alle Mitspieler gekannt? Schließlich spielt Julius Köster in der 2. Liga und Djibril M'Bengue in Portugal…
TIMO KASTENING: Doch, das schon. Wir hatten ja zum Glück diese Woche im Oktober mit den beiden Länderspielen gegen Portugal. Eine Woche auf engstem Raum: Da lernt man sich dann schon kennen. Gegen M'Bengue habe ich früher noch in der Bundesliga gespielt, als er bei Stuttgart war - jetzt spielt er mit Porto regelmäßig Champions League.

Kastening: Im Umbruch Mannschaft mit Perspektive aufbauen

Routiniers wie Uwe Gensheimer und Steffen Weinhold haben die Karriere im Nationalteam beendet, Abwehr-Chef Hendrik Pekeler legt eine Pause ein, Fabian Wiede und Patrick Groetzki fehlen aus familiären Gründen, Paul Drux wegen Verletzung - der Umbruch ist in vollem Gange.
Schon, aber jetzt sind auch wieder Leute wie Patrick Wiencek, Julius Kühn, Andreas Wolff und Kai Häfner dabei: Spieler mit Erfahrung. Ich denke, Ziel ist es, perspektivisch eine Mannschaft aufzubauen, die sich entwickelt und dann um Medaillen spielen kann. Das heißt aber nicht, dass man irgendein Turnier einfach abschenkt.

Auch im Tor, wo eher selten gewechselt wird, stehen statt Silvio Heinevetter mit Joel Birlehm und Till Klimpke neue Namen. Insgesamt stehen neun Turnier-Neulinge im Kader - ganz schön viel Neuanfang.
Klar, aber das macht es für uns irgendwo auch einfacher: weil wir unbekümmert auftreten können. Wobei: Wenn du nicht erfolgreich bist, heißt es: Die Mannschaft war zu unerfahren. Spielst du dich in einen Rausch und kommst bis ins Halbfinale, heißt es: Die Unbekümmertheit hat sie getragen. Oder andersherum: "Erfahrung gewinnt Titel" versus: "Die Mannschaft ist zu alt." Natürlich ist Erfahrung gut, siehe Spanien, das gefühlt seit 15 Jahren mit der selben Mannschaft spielt. Die sind eingespielt, können sich aufeinander verlassen, wissen, was der andere braucht. Das ist extrem wichtig für eine Mannschaft. Aber wir sollten einfach mit Spaß ran gehen und schauen, wo es hin führen kann.

Erste Devise für Kastening: Gruppenphase überstehen

Bundestrainer Alfred Gislason meinte: "Wir sind kein Medaillenkandidat."
Natürlich zählen wir nicht zu den Anwärtern aufs Halbfinale - dennoch ist es nicht unmöglich. Wenn man das Ziel vor Augen hat, die Vorrunde super spielt und in der Hauptrunde vielleicht ein oder zwei Schwergewichte schlägt, dann ist auch ein Halbfinale wieder möglich. Aber seit ich in der Nationalmannschaft bin, habe ich gelernt, dass so ein Turnier auch ganz schnell vorbei sein kann. Sich viel ausmalen, bringt gar nichts. Jetzt heißt es erstmal: mit ganzer Ernsthaftigkeit die Gruppenphase angehen.

Es geht gegen Belarus, Österreich und Polen. Die ersten beiden Teams kommen eine Runde weiter. Kein Selbstläufer, aber machbar, oder?
Belarus und Polen sind Nationen, die im Kommen sind, den Umbruch schon hinter sich haben und brandgefährlich sind. Da spielen viele Spieler bei Top-Klubs Champions League. Trotzdem muss unser Anspruch sein, da als Gruppenerster durchzugehen.

Neuer Kapitän Golla ist genau die richtige Wahl

Mit 26 gehören Sie fast schon zu den Oldies im Team. Johannes Golla ist nach nur zwei Jahren im Team Kapitän geworden - mit 24!
Mit Johannes ist die perfekte Wahl getroffen worden, weil er sowohl im Abwehrzentrum als auch im Angriff Weltklasse verkörpert, seit einigen Jahren einer der Wenigen ist, die Champions League spielen und der einfach durch Professionalität und Einstellung voran geht.

"Die perfekte Wahl": der neue DHB-Kapitän Johannes Golla.
"Die perfekte Wahl": der neue DHB-Kapitän Johannes Golla. © imago images/Norbert Schmidt

Kastening: Viele Spieler laufen auf dem Zahnfleisch

Die Leistungsträger spielen seit Jahren über dem Limit. Als Außenspieler haben Sie selten mit den 100-Kilo-Brocken aus dem Rückraum zu tun, aber wie sehr zehrt der Sport?
Ich habe das große Glück, dass ich seit der C-Jugend kein einziges Spiel wegen Krankheit oder Verletzung verpasst habe. Ich bin topfit, aber gefühlt haben wir zuletzt zwei Jahre ohne Pause durchgespielt. Das merkt der Körper, wenn er nicht durchschnaufen kann. Da mag ich mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man im Zentrum spielt und dazu jeden zweiten Tag auf der Platte steht. Da laufen viele auf dem Zahnfleisch. Zum Teil war das volle Programm Corona geschuldet, aber wenn man mit seinem Sport nicht von der Bildfläche verschwinden will, muss das so sein.

Zum Kassenwart im Verein Ihres Bruders haben Sie sich als gelernter Bankkaufmann auch noch breitschlagen lassen, bei Hannover-Burgwedel, immerhin ein Drittligist.
Mein Bruder ist Spielertrainer und erster Vorsitzender und hat gefragt, ob ich im Sponsoring helfe. Durch Corona sind ja nicht alle Vereine auf Rosen gebettet. Ich habe das so kennengelernt, dass man als Profi eine gewisse Vorbildfunktion hat, und habe mich gefragt: Was tust du wirklich, um dem Handball etwas zurückzugeben? Mein Bruder ist immer sehr straight zu mir und meinte: ‚Jetzt hast du die Chance, mit anzupacken statt immer nur zu reden!' Jetzt machen wir das zusammen. Macht Spaß, man lernt dazu, und es macht einen nicht dümmer. Man sieht, wie hart kleine Vereine arbeiten müssen, um überleben zu können. Das sind die Vereine, die die Basis bilden, damit du als Profi deinen Job überhaupt so machen kannst.

Handball ist bei den Kastenings ein Familiending

Ihr Vater war auch Handballer. Welche Spielklasse? Welche Position?
Ober- und Verbandsliga. Linksaußen und Rückraum Mitte hat er gespielt, war aber eher so ein Schlächter in der Abwehr, einer von denen, gegen die man nicht gern spielt.

Bei MT Melsungen haben Sie unlängst Ihren Vertrag bis 2026 verlängert, aber auch mal Spanisch gelernt. Da soll es ja auch hübsche Handballklubs geben…
Spanisch hab' ich gelernt, weil ich spanische Mitspieler hatte und gern spanische Musik höre. Aber wenn ich mir etwas vorstellen könnte, dann vielleicht nochmal in Spanien spielen. Doch da müssten 15 bis 20 Parameter passen.

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Und dann heißt es zuschnappen, wie das Stoff-Krokodil, das Ihnen die Mama mal als Maskottchen mitgab. Gibt es das noch?
Schon, momentan aber nicht im Rucksack. Vielleicht lässt sie sich zur EM was Neues einfallen.

Bevor die Mannschaft nach den Auszeiten wieder aufs Feld geht, gibt es immer noch einen gemeinsamen Anfeuerungsruf. Wie lautet der derzeit?
Momentan rufen wir "1,2,3, Deutschland", aber vielleicht setzen wir uns da vor der EM nochmal zusammen.

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