Haas, der letzte Mohikaner

Als einziger von 20 deutschen Startern hat Tommy Haas bei den Australian Open die dritte Runde erreicht. Doch da wartet am Samstag Rafael Nadal, die Nummer eins der Tennis-Szene.
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Muss nun gegen Nadal ran: Tommy Haas.
dpa Muss nun gegen Nadal ran: Tommy Haas.

MELBOURNE - Als einziger von 20 deutschen Startern hat Tommy Haas bei den Australian Open die dritte Runde erreicht. Doch da wartet am Samstag Rafael Nadal, die Nummer eins der Tennis-Szene.

Er hat keine Angst vor der großen Bühne, vor der großen Herausforderung. Er ist nicht schon zufrieden, dass er überhaupt im Hauptfeld eines Grand Slam-Turnier steht. Er mault nicht über die Sonne, den Wind, die langsamen Plätze, die grölenden Fans. Er beschwert sich auch nicht darüber, dass bei einem Majorturnier fünf Gewinnsätze gespielt werden. Er ist anders als die anderen Deutschen hier in Melbourne, anders als die lächelnden Verlierer, die schlechten Verlierer, die gleichgültigen Verlierer.

Er – das ist Tommy Haas. Der einzige Deutsche, der am anderen Ende der Welt zwei Turnierrunden und vier Turniertage überlebt hat. Nur er, ausgerechnet er, hält noch die deutsche Fahne hoch. Drei Schulteroperationen hat er hinter sich, bis zuletzt war ihm und seinen Fans nicht einmal klar, ob er starten würde in Melbourne: Doch nun ist der 31 Jahre alte Veteran des Nomadenzirkus noch immer im Grand Slam-Einsatz, während die Jüngeren und ganz Jungen aus Deutschland schon ihre Knockout-Prämie einkassiert haben und größtenteils auf dem Heimweg sind.

Eine Herkulesaufgabe wartet nun auf Haas, den letzten, den einzig starken Deutschen. Am Samstagabend, zur besten Sendezeit in Melbourne, darf er in der dritten Runde auf den Centre Court marschieren, zur Verabredung mit der Nummer 1, zum Treffen mit Rafael Nadal, dem spanischen Tennis-Granden. Es ist eins der Spiele, für die Haas noch trainiert, für die er sich quält und schindet in der winterlichen Vorbereitungszeit. Es ist kein Spiel, das ihm den Angstschweiß auf die Stirn treibt, es ist die Kür, auf die er gewartet hat. „Zwei Runden habe ich mich hier eingespielt, jetzt geht´s richtig zur Sache“, sagt Haas, „dass da Nadal kommt, ist völlig okay.“ 6:1, 6:2, 6:1 hatte er zuvor am Donnerstag gegen den Italiener Flavio Cipolla gewonnen, in nur 98 Minuten, die kaum mehr als eine bessere Trainingseinheit waren.

Im Winter hat Haas ein eisenhartes Fitneßprogramm bei Schleifer Gil Reyes in Las Vegas absolviert, dem Mann, der auch hinter dem großen Comeback von Andre Agassi stand. Haas quälte sich bei Sprint- und Langstreckenläufen, er marterte sich mit Gewichten im Kraftraum. Aber als er nach Australien kam, trotz mancher Zweifel und Bedenken, war er körperlich so drahtig wie nie. Und er war bereit für die Aufgabe, anders als viele deutsche Profis, die verzagt und gequält wirkten, noch bevor sie ihre ersten Bälle auf den Plätzen schlugen – denen ganz einfach der letzte Biß fehlte. „Wenn man sich nicht mehr auf einen Grand Slam freut, ist man falsch in diesem Geschäft“, sagt Haas kopfschüttelnd.

Haas ist einer der wenigen Deutschen, die den Auftritt im Rampenlicht mögen. Die am besten spielen, wenn es in die großen Arenen geht, ob in Melbourne, in New York oder in Wimbledon. Das war schon immer so, nur fällt es jetzt so stark auf, weil seine deutschen Kollegen schon Angst bekommen, wenn sie mehr als nur ein paar Hundert Zuschauer auf einem Platz sehen. „Mickeymouse-Plätze“ nennt Haas die Courts in der Pampa, weit draußen, wo sich manche der Deutschen gern behaglich einrichten und selbstzufrieden ans Handwerk gehen. Er geht gern auf die drei, vier Top-Plätze, auf die Plätze, die den anderen weh tun. Centre Court: Das ist für ihn die Kür, der Weg dahin sein Ziel. Kohlschreiber, der potenzielle Erbe, ist auch aus diesem Holz geschnitzt. Aber wenn er nicht bald seine Karriere wirklich in den Griff bekommt und aufhört, über Dinge zu lamentieren, die er sowieso nicht beeinflussen kann, dann wird er die großen Arenen nur aus der Fernse zu sehen bekommen.

Haas hat schon viele große Spiele geliefert in Melbourne, am Schauplatz seiner stärksten Grand Slam-Kampagnen. 2002 schlug er Federer in fünf Sätzen, nachdem er einen Matchball abgewehrt hatte. 2005 zwang er den Schweizer Maestro erneut über die volle Distanz, verlor aber. „ich werde es genießen, da draußen gegen Nadal“, sagt Haas. Drei Spiele hat er gegen Nadal bisher bestritten, drei Mal hat er verloren, aber bei einem Grand Slam sind sich die beiden noch nie begegnet. „Er ist ein großer, ein gefährlicher Spieler. Ich habe Riesenrespekt vor ihm. Auch, weil er sich nach jeder Verletzung wieder zurückgekämpft hat“, sagt Nadal.

Eine stolze Zahl stand da, als die Grand Slam-Festivitäten am Montag begannen. 20 Deutsche waren am Start, elf Herren und neun Damen. Nun sind, eine rekordverdächtige Ausverkaufswelle, 19 von ihnen ausgeschieden. Haas ist geblieben, nachdem am Donnerstag auch noch Michael Berrer, Andreas Beck, Tatiana Malek und Teenagerin Sabine Lisicki den Australian Open-Abflug machten. Lisicki verlor auf dem Centre Court gegen die Australierin Samantha Stosur 3:6 und 4:6. Hinterher sagte sie, sie sei noch jung und bald kämen auch wieder bessere Zeiten. Haas redete auch so in seiner Jugend. Er vertröstete sich immer auf ein besseres Morgen. Heute sagt Haas: „Man muss die Chancen nutzen, wenn sie da sind. Nicht später, sondern sofort.“

Jörg Allmeroth

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