Gold und Tränen für Kanutin Ricarda Funk

Die Kanutin Ricarda Funk holt den ersten deutschen Olympiasieg in Tokio. Im Moment ihres größten Triumphes ist sie im Herzen bei ihrem verstorbenen Trainer und den Flutopfern in ihrer Heimat Ahrweiler.
| Matthias Kerber
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"Er gibt mir immer noch meine Tipps", sagt Funk über ihren früheren Trainer Stefan Henze († 35), der 2016 ums Leben gekommen ist.
"Er gibt mir immer noch meine Tipps", sagt Funk über ihren früheren Trainer Stefan Henze († 35), der 2016 ums Leben gekommen ist. © picture alliance/dpa

Tokio - Tränen des Glücks. Tränen der Freude. Tränen der Trauer. Tränen des Verlusts. Tränen des Mitgefühls, Tränen des Schocks.

Emotionen. So viele Emotionen. So unfassbare Emotionen. Ricarda Funk steckte nach ihrem Sensations-Gold, der ersten Goldenen für Deutschland bei diesen Olympischen Spielen in Tokio im tiefen Gefühlschaos.

Klar, da war die überbordende Freude über die Erfüllung eines Lebens- und Kindheitstraums. "Ich kann es gar nicht fassen", sagte sie. Als Schülerin hatte sie die Liebe zu diesem Sport entdeckt, in der Vorbereitung auf das Abitur hatte sie die Bücher in Klarsichthüllen aufs Boot geklebt. Sie wollte keine Zeit fürs Training verlieren. Kanu, das war ihr Sport, Wasser ihr Element.

"Kanuslalom ist eine Faszination, die man nicht erklären kann, sondern erleben muss", sagt Ricarda Funk, die die erste deutsche Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio geholt hat.
"Kanuslalom ist eine Faszination, die man nicht erklären kann, sondern erleben muss", sagt Ricarda Funk, die die erste deutsche Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio geholt hat. © imago images/AAP

"Das Wasser und seine Strömung ist unser Element, wir versuchen es zu nutzen aber auch zu überlisten. Kanuslalom ist eine Faszination, die man nicht erklären kann, sondern erleben muss. An das Kopfschütteln von Freunden hab ich mich schon gewöhnt, wenn ich mal wieder ein Treffen aufgrund von Training absagen muss", schrieb sie auf ihrer Homepage.

Doch diese Freude, das ist eben nur der eine Teil der Story von Ricarda Funk, die jetzt zu einer goldenen Erfolgsgeschichte geworden ist. Sie kennt die andere Seite nur zu gut - besser als ihr lieb ist. Und deswegen weinte sie, die zweimalige Europameisterin (2014 und 2018) und Weltmeisterin von 2018 eben nicht nur aus Glück an diesem 27. Juli 2021.

Ein Autounfall sorgt für Ricardas dunkelsten Tag

Im Moment ihres größten Triumphes war sie im Kopf, im Herzen, mit der Seele auch an einem ihrer dunkelsten Tage - am 15. August 2016. Der Tag, an dem ihr Trainer Stefan Henze bei den Olympischen Spielen in Rio verstarb. Drei Tage zuvor war Henze in einem Taxi gesessen, der Fahrer kam von der Straße ab, knallte fast ungebremst gegen eine Mauer. Der 35-Jährige erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er wurde umgehend notoperiert.

Stefan Henze († 35)
Stefan Henze († 35) © picture alliance / dpa

Drei Tage kämpfte Henze um sein Leben, sein Überleben. Dann verlor er den Kampf. Es brauchte einen Moment des Innehaltens, des Reflektierens, und es brauchte ein tiefes Durchatmen, ehe sie die Worte fand, um Henze zu würdigen. Worte des Herzens, die von Tränen begleitet wurden. "Er ist ganz tief im Herzen. Und er ist überall mitgefahren, auf der ganzen Reise, bei jedem Wettkampf und bei jedem Training", sagte Funk, als sie auf den einstigen Kajak-Bundestrainer, der im Lauf der Jahre auch ein Freund geworden war, angesprochen wurde.

Und da waren sie wieder die Tränen. Mit leiser, von Trauer erdrückter Stimme fügte Funk, die sich damals nicht für die Spiele qualifiziert hatte: "Und er gibt mir immer noch meine Tipps." Gold-Tipps.

Flutkatastrophe in ihrer Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler

Der Tod ihres früheren Trainers war aber nicht alles, was schwer auf der Seele von Funk lastete. Denn: Sie kam in Bad Neuenahr-Ahrweiler zur Welt. Ihr Geburtsort hat in den letzten Wochen traurige Weltberühmtheit erlangt. Kaum ein Gebiet wurde von der verheerenden und verrichtenden Flutkatastrophe derart mitgenommen, gepeinigt, verwüstet wie Ahrweiler.

"Es ist einfach unfassbar, was da passiert ist. Das ist supertraurig, da bin ich aufgewachsen und dort hat alles angefangen", sagte Funk: "Es tut im Herzen weh, die Heimat so zu sehen. Ich bin unfassbar traurig wegen all der Menschen, die so leiden momentan", sagte Funk", ich habe einige Tränen vergossen, als ich die Bilder der Katastrophe gesehen habe."

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Ihre Eltern leben noch heute im nur wenige Kilometer entfernten Bad Breisig, helfen momentan bei den Aufräumarbeiten mit. "Wenn man im Katastrophengebiet ist, denkt man sich schon: Welchen Wert hat jetzt noch eine olympischen Medaille", sagte Funks Vater Thorsten in der ARD: "Aber in diesem ganzen Schutt und Dreck glänzt dieses Gold dann schon wie ein paar Sonnenstrahlen."

"Ich schicke ganz viel Liebe nach Hause"

Und Funk hat nach ihrem Gold-Coup auch noch einige Worte, eine reine Botschaft, parat. Worte der Hoffnung, der Kraft, des Miteinanders. "Ich schicke ganz viel Liebe nach Hause. Der Kreis Ahrweiler ist stark, gemeinsam schaffen wir das", sagte die Sportsoldatin.

Und dann waren sie wieder da die Tränen - Tränen des Glücks. Tränen der Freude. Tränen der Trauer. Tränen des Verlusts. Tränen des Mitgefühls. Tränen einer starken, reflektierten Frau.

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