"Unglaubliches Maß an Arroganz": Zwanziger zerlegt den DFB um Präsident Neuendorf und kündigt Aufarbeitung an

Herr Zwanziger, "Die Welt zu Gast bei Freunden" wurde mehr als ein Slogan, es wurde zur Lebenseinstellung für Millionen Menschen im Land. Wer hatte die Idee und wie wichtig war Ihnen auch der gesellschaftspolitische Aspekt?
THEO ZWANZIGER: Meiner Einschätzung nach kam die Idee schon aus der Bewerbungsphase. Es war sehr wichtig, weltweit die Menschen und auch die Entscheidungsträger der FIFA darauf aufmerksam zu machen, dass wir Deutschland nach der Wiedervereinigung anders präsentieren möchten. Wir wollten uns bei dem Turnier als Freunde treffen, gleich aus welchem Land die Menschen kommen. Das wurde großartig umgesetzt. Es gab unter anderem die 31-Länder-Reise, auf der Franz und DFB-Funktionär Wolfgang Niersbach jedes qualifizierte Land besuchten. Das wurde in Afrika und Asien gesehen. Gerade bei der Popularität, die Franz hatte. Und auch die Volunteers haben dazu beigetragen. Das gab gleich ein anderes Klima als bei professionellen Helfern. Dazu das Kunst- und Kulturprogramm, an dem sich die Bundesregierung beteiligt hat. Es hat gezeigt: Deutschland ist mehr als Fußball. Deutschland ist auch mehr als Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Wir hatten großartige Literaten und Künstler in unserer Geschichte. Und wir stehen auch nicht nur für die Nazi-Zeit. Die Menschen sollten begreifen, dass Deutschland nach den schrecklichen Jahren des Nationalsozialismus wieder da ist, wo es sein will und hingehört. Diese gesellschaftliche Verantwortung hat gezündet. Gleichzeitig war die WM auch wirtschaftlich erfolgreich. Wir konnten Spenden an den Deutschen Behindertenverband und den DOSB geben.

Sie haben also damit gerechnet, dass eine WM das Außenbild von Deutschland derart verändern kann?
Wir haben es gehofft. Aber, dass es wirklich so gut funktioniert hat, konnte ich erst in den Jahren danach feststellen. Ich erinnere mich da an die Frauen-WM im Jahr 2011, als wir mit Steffi Jones eine ähnlich starke Repräsentantin hatten. Wir haben die 31-Länder-Reise fortgesetzt und sind in die 15 qualifizierten Länder geflogen. Da war ich zum Teil dabei und habe erlebt, wie ehrenvoll wir dort begrüßt worden sind. Das war eine tolle Zeit und gründete auf der WM 2006.
Es gibt dieses Sprichwort: Wo Licht ist, ist auch Schatten.
In Deutschland wurde das Bild vom Sommermärchen durch den anschließenden Prozess getrübt. Es gab seit 2015 den Vorwurf, dass das Turnier gekauft worden sei. Sie standen in den vergangenen Jahren im "Sommermärchen"-Prozess vor Gericht. Im April 2025 wurde das Verfahren eingestellt. Sie wollten den Prozess zuvor nie abbrechen. Warum?
Es gibt dieses Sprichwort: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich war selbst lange genug Richter, dass ich verstehen kann, dass zweifelhafte Vorgänge untersucht werden. Allerdings war mir in diesem Fall von Anfang an klar, dass gewaltige Fehler gemacht worden waren. Insbesondere von dem sogenannten neuen DFB.

Können Sie das konkretisieren?
Zunächst hat der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sein Wissen zu bestimmten Vorgängen im Wesentlichen auf die schönen Seiten beschränkt. Damit hat er die Möglichkeit für Spekulationen geschaffen. Gleichzeitig hat der "Spiegel" die Schlagzeile veröffentlicht, dass die WM gekauft ist. Das ist das Schlimmste, was man einer Weltmeisterschaft antun kann.
Hätte sich der DFB frühzeitig – und ich hatte darauf hingewiesen – mit denjenigen, die es betraf, zusammengesetzt, wäre das überhaupt nicht passiert.
Es gab anschließend vielfältige Ermittlungen.
Hätte sich der DFB frühzeitig – und ich hatte darauf hingewiesen – mit denjenigen, die es betraf, zusammengesetzt, wäre das überhaupt nicht passiert. Ich kann der Staatsanwaltschaft keinen Vorwurf machen, denn bei einem Verdachtsmoment ist es ihre Aufgabe, zu ermitteln. Aber die zuständige Richterin, Frau Distler, hat am Ende Folgendes herausgestellt: Es gab keinen WM-Kauf. Die Zahlung war eine Betriebsausgabe. Das heißt: Die Vorwürfe gegen Franz sind falsch. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihm gerade diese Vorwürfe viel von seinem Lebensmut genommen und seiner Gesundheit gewaltig zugesetzt haben.
Wie erklären Sie sich, dass es so weit kam?
Das Einzige, was man sagen kann: Die Zahlung war in gewisser Weise mit einem bewusst irreführenden Verwendungszweck versehen, weil man damals nicht zugeben wollte und konnte, dass es Korruption bei der FIFA gab und unser Zuschuss letztlich in die Hände des katarischen Fußballfunktionärs Mohamed bin Hammam geflossen ist. Das ist ein Korruptionsvorgang. Dieser war aber 2002 legal. Franz hat keine strafbare Handlung begangen. Die anderen auch nicht. Auslandsbestechung war zu dieser Zeit üblich. Es haben viele deutsche Unternehmen mitgespielt und sich Aufträge verschafft. Im Ergebnis waren es Betriebsausgaben. Der deutsche Staat hat das sogar geschützt. Am Ende wurde eine Kampagne daraus gemacht.

Wie erklären Sie sich, dass sich der Prozess so lange hinzog?
Man hat nicht miteinander geredet. Niersbach wollte nicht mit mir reden. Ich konnte mir keine Akten ansehen. Ich hätte manches ansonsten sofort klarstellen können.
Warum wollte Niersbach nicht mit Ihnen sprechen?
Er hat die Situation nicht überblickt. Er war immer der Meinung, dass es beim Sommermärchen überhaupt nichts gab, was man hätte beanstanden können. Dann kam ein hochrangiger DFB-Funktionär, der dafür sorgte, dass Niersbach aus dem Amt schied. Da wurden Machtspiele beim DFB gespielt. Der ganze Verband ist im Grunde genommen in den vergangenen Jahren in seinem eigenen Unsinn zusammengebrochen. Man hätte das alles vermeiden können, wenn man frühzeitig miteinander gesprochen hätte.
Insgesamt hat der neue DFB mit der Einholung von millionenschweren Gutachten völlig versagt.
Der DFB selbst wollte unter anderem mit Gutachten die Sommermärchen-Affäre aufarbeiten.
Insgesamt hat der neue DFB mit der Einholung von millionenschweren Gutachten völlig versagt.
Inwiefern?
Der DFB ist meiner Meinung nach dem Anspruch eines Verbandes, auf eine gewissenhafte und sorgfältige Aufklärung eines Vorgangs, nicht nachgekommen. Wäre es über den Kontrollausschuss gegangen, da sitzen exzellente Leute, hätte es viel schneller ein klares Ergebnis gegeben. Überhaupt ist der eingeführte Begriff von einem neuen DFB eine Beleidigung für die Menschen, die zuvor beim Verband gearbeitet haben. Das ist ein unglaubliches Maß an Arroganz. Da springen Leute herum, die leisten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln, was Franz oder auch DFB-Funktionär Horst R. Schmidt geleistet haben. Aber das ist die klassische Mentalität von Sanierern. Das sind Leute, denen es nicht darum geht, die Wahrheit auf den Tisch zu bekommen, sondern sie wollen nur an Macht gewinnen. Das erreicht man, indem man die Vorgänger kriminalisiert. Ich hatte immer ein reines Gewissen. Diese letzten Jahre werden mir die einzigartigen Erlebnisse bei dieser Weltmeisterschaft nicht zerstören. Und es wird noch weitergehen. Die Fehler bei der Aufarbeitung des DFB müssen ans Tageslicht kommen.

Wie bereits erwähnt, wurde das Verfahren am Ende eingestellt. Ihr Image litt stark unter dem Prozess. War es ein Grund, dass Sie nie aufgaben?
In Deutschland leben über 80 Millionen Menschen, von denen mich durch die WM ein paar Millionen kennengelernt haben. Von diesen mag es ein paar geben, die sagen, der Zwanziger war kein guter Präsident. Aber es gibt auch genug Menschen, die sagen, der Zwanziger ist in Ordnung, der hat gute Arbeit geleistet. Entscheidend sind für mich immer die Menschen in meiner Heimat. Und da habe ich nicht den Eindruck, dass mein Image darunter litt. Die Menschen haben gesehen, dass ich mich gegen den Verdacht wehre. Der eigentliche Skandal ist, dass sich der Prozess so lange hinzog. Ich würde mich freuen, wenn Franz den Ausgang noch erlebt hätte. Das ist unglaublich schade.
Der DFB hatte unter anderem eine Schadensersatzklage im Streitwert von 24 Millionen Euro gegen Sie eingereicht. Sie wollen nun wiederum den Verband auf Schmerzensgeld verklagen.
Diese Klage des DFB gegen mich halte ich für völlig überflüssig und falsch. Unsere früheren Steuerberater haben klar ausgesagt, dass ich damit nichts zu tun hatte. Das geht meiner Meinung nach auch aus der Beweisaufnahme hervor. Von daher finde ich es unterirdisch schlecht, zu behaupten, dass man die Verpflichtung habe, gegen mich vorzugehen. Da muss ich sagen, da fehlt mir jedes Niveau, auch von Präsident Bernd Neuendorf.
Der eigentliche Skandal ist, dass sich der Prozess so lange hinzog.
Wie groß ist der Einfluss des DFB-Präsidenten bei so einer Klage?
Er muss sich bei so einer Thematik einschalten und nicht immer nur sagen: Das machen unsere Anwälte. Das hätte ich damals auch sagen können, dass es unsere Steuerberater machen. Aber das macht man als Präsident nicht. Deshalb wird dieser Prozess auch genutzt werden, alles, was in der Zeit zwischen Oktober 2015 und heute passiert ist, aufzuarbeiten. Der neue DFB wird da einiges erläutern müssen. Es gibt einfach keine klare Linie mehr beim Verband.
Wenn wir zurück auf die Veränderung des Außenbildes durch eine WM-Ausrichtung schauen: Denken Sie, dass Länder wie Katar oder Saudi-Arabien durch die WM in Deutschland erstmals richtig vor Augen geführt bekamen, wie sehr ein Land sein Image durch die Austragung verbessern kann?
Jedes Ausrichterland ist während der WM unter einem Brennglas. Vier Wochen ist man unter einer medialen Beobachtung, die es sonst nicht gibt. In dieser Zeit kann man für positive, aber auch negative Schlagzeilen sorgen. Und natürlich versucht ein Ausrichterland, gerade wenn es wie im Falle Katar umstritten ist, die positiven Geschichten hervorzuheben. Für mich stellt sich da immer die Frage, ob ein Weltverband wie die FIFA das honorieren sollte, oder ob es eher um die sportlichen Dinge gehen sollte. Für mich ist zum Beispiel eine WM in Saudi-Arabien viel eher verantwortbar, weil es ein Fußballland ist. Sie haben schon an vielen Weltmeisterschaften teilgenommen.

Die FIFA selbst ist politisch wie wohl nie zuvor. Präsident Gianni Infantino nimmt an politischen Friedensgipfeln eng an der Seite von Staatschefs wie Donald Trump teil. Er hat ihm sogar einen eigens initiierten Friedenspreis verliehen. Wie bewerten Sie das?
Das, was sie machen, hat mit Sport nur noch wenig zu tun. Es ist Kommerz und Klamauk. Gleichzeitig haben sich dort sogar kriminelle Strukturen eingeschlichen. Mit so etwas kann und will ich mich nicht identifizieren.
Beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada wird diese Kommerzialisierung des Fußballs unter anderem bei den hohen Ticketpreisen deutlich. Kann die FIFA das nach Belieben weitermachen, weil die Menschen das bezahlen?
Sie kann es machen, weil die Welt so ist, wie sie ist. Es gibt Menschen, die jeden Preis bezahlen, um bei einem WM-Spiel dabei zu sein. Es ist für sie das Größte, das es gibt. Manche Leute wissen gar nicht, was sie sich mit dem Kauf dieser preislich völlig überzogenen Tickets antun. Die FIFA spielt genau mit diesen Gefühlen, unbedingt dabei sein zu müssen, koste es, was es wolle. Sie nutzt damit das Verhalten dieser Menschen aus. Das nenne ich unsozial.
Für die Fans, für die der Slogan des ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun gilt, dass Fußball mehr als das 1:0 ist, verliert er definitiv an Bedeutung.
Verliert der Fußball so seine Identität als Sportart für alle Gesellschaftsschichten?
Für die Fans, für die der Slogan des ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun gilt, dass Fußball mehr als das 1:0 ist, verliert er definitiv an Bedeutung. Und ich habe das Gefühl, dass es immer mehr werden. Das ist auch die einzige Chance, die Vermarkter zum Nachdenken zu bringen. Was da auf der kommerziellen Ebene abläuft, ist für mich inakzeptabel.
Die FIFA selbst rechnet beim Turnier mit einem Rekordumsatz von 11 Milliarden US-Dollar. Die Ausrichterländer profitieren davon aber wenig.
Schon zu der Zeit von Blatter hat die FIFA durch das Aufkommen des Privatfernsehens immer mehr verdient. Aber Blatter hat auch Wert daraufgelegt, dass die Mitgliedsverbände davon profitieren. Er hat unter anderem den Frauenfußball in Afrika gefördert. Ich durfte eines der Projekte in Ruanda begleiten, wo großartige Sportanlagen entstanden sind. Ich mache das mit meiner Stiftung nun weiter, weil ich festgestellt habe, dass Plätze von damals völlig vergammelt sind. Es ist schlimm, dass die FIFA das nicht weiterführt.

Kann sich der DFB um Neuendorf dagegenstellen oder ist die Macht zu gering geworden?
Es ist eine Stimme von vielen, aber wir haben immer Wert daraufgelegt, zu betonen, dass wir der größte Verband der Welt sind. Also, man kann den Mund schon aufmachen. Man hat immerhin nichts zu verlieren. Es heißt zwar nicht, dass man dann gleich die Mehrheit gewinnt, aber man könnte durchaus mal gegen einen Vorschlag stimmen.
Was meinen Sie damit, dass man nichts zu verlieren hat?
Den Klubs bringen die Weltmeisterschaften nicht viel. Sie sind durch die Uefa mit ihren Wettbewerben gut abgesichert. Bei den Jugendturnieren ist die FIFA sogar meistens daran interessiert, dass wir diese austragen, weil diese nicht so viele Interessenten hat. Dann gibt es die Frauen-WM und die Männer-WM. Jetzt muss ich ganz offen sagen: Man will sich zwar wieder für die WM 2038 oder 2042 bewerben, aber ob diese Bewerbung so aussichtsreich ist, das ist völlig offen. Und deshalb nicht den Mund aufzumachen, halte ich für unklug. Das ist Opportunismus. Da lege ich meine Werte neben mich, nur weil ich etwas anderes haben möchte. Wenn das ein großes Männerturnier, wie 2006, wäre, das kurz bevorstehen würde, hätte ich noch ein gewisses Verständnis, aber so nicht. Der Verband sollte, auch im Interesse der Fans, das sagen, was ihm nicht gefällt.