Udo Lattek: Nachruf auf die Trainer-Legende

Udo Lattek († 80) war der erfolgreichste Trainer der Bundesliga und brachte den FC Bayern zu Weltruhm. Ein Nachruf von Patrick Strasser.
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Gestorben im Alter von 80 Jahren: Fußballtrainer Udo Lattek.
dpa Gestorben im Alter von 80 Jahren: Fußballtrainer Udo Lattek.

Udo Lattek († 80) war der erfolgreichste Trainer der Bundesliga und brachte den FC Bayern zu Weltruhm. Ein Nachruf von Patrick Strasser.

München - Udo Lattek hat sich und sein Leben einmal so reflektiert: „Ich bin ein Bauernsohn, aus dem Nichts gekommen. Ich habe dem Fußball alles zu verdanken.“

Dieser Bauernsohn, der sich zu Deutschlands erfolgreichstem Vereinstrainer emporgearbeitet hat, der den FC Bayern geprägt hat wie kaum ein anderer, ist tot. Am Samstag verstarb Lattek im Alter von 80 Jahren. Zuletzt lebte der gebürtige Ostpreuße in einem Pflegeheim in Köln, seine Frau Hildegard hatte ein Apartment neben der Altersresidenz angemietet. Seinen 80. Geburtstag hat er noch erreicht, gefeiert wurde am 16. Januar nur im ganz kleinen Familienkreis.

Udo Lattek hat viel durchgemacht in den letzten Jahren seines Lebens. Zwei Schlaganfälle, der erste im August 2010, sowie eine Gehirnoperation wegen eines gutartigen Tumors. 2013 wurde bei ihm die Parkinson-Krankheit diagnostiziert. Zudem litt er an schleichender Altersdemenz. Sein Körper verweigerte seinem Kopf die Gefolgschaft, und wie durch eine Sanduhr rann die Erinnerung an sein eigenes Lebenswerk – Sandkorn für Sandkorn, Anekdote für Anekdote.

Als ihn ein Reporter, der einst Latteks Memoiren verfasste, vor ein paar Wochen besuchen möchte, wird er nicht an Latteks Bett gelassen. Der Meister war zu schwach, durfte die Pflegestation nicht verlassen – nicht mal im Rollstuhl. Die Besuche der Kinder sowie der Enkel, die Sonntagsmesse in der Kirche, mal ein halbes Glas Kölsch, das waren die letzten Freuden in seinem Leben.

„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber vor dem Dahinsiechen“, sagte Lattek einmal. Laut seiner Frau Hildegard soll er „keine Schmerzen“ gehabt haben. Von seinem Lebensinhalt hatte er sich schon lang verabschiedet. „Mit dem Fußball hat er abgeschlossen“, sagte Frau Lattek in „Sport Bild“, „auch das WM-Fieber hat ihn nicht richtig gepackt. Wenn ein ganz interessantes Spiel war und ich meinte, er solle doch hinschauen, sagte er zu mir: ,Ich gucke doch hin.’ In Wirklichkeit hat er ins Leere geblickt. Ich hatte den Eindruck, es interessiert ihn nicht mehr so.“

Nach dem Champions-League-Finale 2013 zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund (2:1) in Wembley sagte ein schon sichtbar geschwächter Lattek: „Das war die letzte Reise meines Lebens.“

So wurde der große Trainer der 70er und 80er Jahre beim letzten großen Triumph einer seiner Mannschaften Augenzeuge. Bayern, Borussia Mönchengladbach und den FC Barcelona führte er zu 14 Titeln. Die Bayern coachte er 1974 zum ersten Landesmeister-Titel. Seine acht deutschen Meistertitel als Trainer sind bis heute Rekord.

Über den Job als Assistent von Bundestrainer Helmut Schön schaffte Lattek 1970 den Sprung in die Bundesliga. Franz Beckenbauer lotste ihn nach München, wo Lattek 1972 mit den Bayern den ersten seiner vielen Titel gewann – mit der berühmten Achse, bestehend aus Torwart Sepp Maier, Beckenbauer und Torjäger Gerd Müller. „Er war wie ein zwölfter Spieler. Ich habe ihn nie als einen Trainer empfunden, eher als einen Kumpel“, sagte Maier.

Lattek war in seiner Karriere zudem beim 1. FC Köln als Technischer Direktor tätig mit seinem legendären blauen Glücks-Pullover, den er bei einer Serie von 15 Spielen ohne Niederlage trug. Im Ruhrpott trainierte er sowohl Schalke als auch Dortmund. Den BVB bewahrte Lattek, dessen bei den Bundesliga-Spielen seiner Ex-Klubs in Köln und Dortmund gestern mit einer Ehrenminute gedacht wurde, im Jahr 2000 vor dem Abstieg. Danach zog er sich aus dem Trainergeschäft zurück, wechselte als Zeitungskolumnist und TV-Experte die Seiten.

Als ich das Glück hatte, den großen Bayern-Trainer als Bayern-Reporter der AZ im Januar 2013 ans Telefon zu bekommen, war seine Stimme leise und schwach. Er bemühte sich, so gut es ging, Antworten zu geben, hatte jedoch Schwierigkeiten, bestimmte Zusammenhänge herzustellen. Dennoch freute er sich damals, über Fußball zu sprechen. „Machen Sie es gut“, sprach er ins Telefon, „grüßen Sie mir München.“ Wenige Wochen später sagte mir seine Frau, dass es keine großen Sinn mehr mache, mit ihm zu sprechen. Die Erinnerungslücken wurden zu groß.

Zu seinem 75. Geburtstag sang Udo Jürgens Udo Lattek im „Doppelpass“, wo er bis Mai 2011 Experte war, ein Ständchen, schenkte ihm eine Melodie, schöne Worte und einen weißen Bademantel. Beide verband eine enge Freundschaft. „Die Welt ist reicher, weil es dich gibt“, sang Udo für Udo. Mögen sie beide in Frieden ruhen.

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