Tuchel: Van Gaal im Karneval

Mainz-Trainer Thomas Tuchel (37) ist der Senkrechtstarter der Liga. Jetzt fordert er die Bayern heraus. Die AZ stellt den Coach von A bis Z vor – und erklärt, was ihn mit Badstuber verbindet.
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Der Mann, der aus Mainz 05 so etwas wie den FC Barcelona formen will, ist erst 37 Jahre alt: Thomas Tuchel, bodenständiger Ehrgeizling und Trainer-Neuling.
dpa Der Mann, der aus Mainz 05 so etwas wie den FC Barcelona formen will, ist erst 37 Jahre alt: Thomas Tuchel, bodenständiger Ehrgeizling und Trainer-Neuling.

MAINZ - Mainz-Trainer Thomas Tuchel (37) ist der Senkrechtstarter der Liga. Jetzt fordert er die Bayern heraus. Die AZ stellt den Coach von A bis Z vor – und erklärt, was ihn mit Badstuber verbindet.

Kann ein Tabellenführer gleichzeitig noch ein Herausforderer sein? Thomas Tuchel kann. Der Trainer hat Mainz05 sensationell an die Spitze geführt, am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker bei abendzeitung.de) will er den nächsten Coup schaffen: die Bayern und Startrainer Louis van Gaal in deren Stadion aufs Kreuz legen. Die AZ stellt Tuchel vor – von A bis Z.

A wie Auto. Thomas Tuchel träumt davon, wieder einen Saab 9000 zu fahren. „Das Auto passt zu mir, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme.“

B wie Bodenständigkeit. Die lebt er Tag für Tag vor. In der Mainzer Wohlfühloase soll und darf niemand abheben. Der Trainer ist das Paradebeispiel: Bei seiner Vertragsverlängerung bis 2013 ging alles ganz schnell. „Ich habe 90 Sekunden den Vertrag durchgeblättert.“ Und den Kontrakt will er auch erfüllen: „Ich habe bei voller Gesundheit unterschrieben.“

C wie Charakter. Tuchel wird von seinen Weggefährten als geradlinig, ehrgeizig, aufrichtig, aber auch bescheiden beschrieben. Einen Auftritt im ZDF-Sportstudio lehnte er im vergangenen Jahr ab, schickte lieber einen Spieler. „Ich nehme mich bewusst zurück. Und nach Siegen lese ich kaum Zeitung, weil das die Gefahr birgt, sich verführen zu lassen.“

D wie Diplom. Er hat nicht nur die Lizenz zum Fußballlehrer (Notenschnitt 1,4), sondern auch das Diplom zum Betriebswirt. Das machte er an der Berufsakademie in Stuttgart. „Ich habe aber nur auf Ankommen studiert.“

E wie Eltern. Sind vor allem bei der Erziehung seiner Tochter wichtig. „Ich hatte ursprünglich geplant, deutlich mehr Zeit mit meiner Frau und dem Kind zu verbringen und meine Frau mehr zu unterstützen. Das haut nicht so hin. Meine Eltern sind aber da und helfen.“

F wie Fußball. Er ist ein klassischer Fußballlehrer, gilt als Taktik-Tüftler. „Er hat einen überragenden Fußballsachverstand, gepaart mit der ausgeprägten Fähigkeit der Kommunikation mit den Spielern“, sagt der Mainzer Manager Christian Heidel.

G wie Grundsatz. Den beschreibt Tuchel für seinen Verein so: „Wir wollen erste Anlaufstelle für 18- bis 23-jährige Talente in Deutschland werden, die nicht schon auf dem ersten Bildungsweg beim FC Bayern oder Werder Bremen den Durchbruch schaffen.“

H wie Hermann Badstuber. Den 2009 verstorbenen Vater des Bayern-Verteidigers Holger Badstuber nennt Tuchel als eines seiner größten Vorbilder. „Sein Tod war ein furchtbarer Verlust für mich.“ Selten habe er jemanden gesehen, der so viel Fachwissen in sich vereinte und dennoch so viel Querdenken zuließ. Tuchel: „Er war fleißig, hat sich selbst hinterfragt und blieb dabei stets bescheiden.“

I wie Identifikation. Tuchel passt perfekt zum selbst ernannten Karnevalsverein – weil er in dieser Rolle voll aufgeht und fast Narren-, naja: Handlungsfreiheit besitzt.

J wie jung. Mit 37 Jahren ist er der jüngste Bundesliga-Trainer. Und einer, der nicht höherklassig gespielt hat. Über den FC Augsburg kam er 1992 zu den Stuttgartern Kickers, für die er aber nur acht Spiele in der Zweiten Liga bestritt.

K wie Krumbach. Geburtsort von Tuchel, Kleinod in Schwaben. Alte Gassen, Fachwerkhäuser, eine schnuckelige Kirche: Läge Krumbach nicht so versteckt, irgendwo zwischen Ulm und Augsburg, es wäre wahrscheinlich berühmt für seine Märchenhaftigkeit.

L wie Lehre. Anfänglich machte Tuchel eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, parallel zum Englisch- und Sportstudium. Beides war aber wegen der Doppelbelastung als Fußballer nicht zu kombinieren, so brach er die Ausbildung vorzeitig ab.

M wie Matchplan. Entwirft der Erfolgstrainer für jeden Gegner. Jeder Spieler erhält konkrete Handlungsanweisungen. Heidel: „Unsere Jungs haben ein klares taktisches Konzept. Und ganz wichtig ist: Sie wissen, wo sie hinlaufen und warum sie da hinlaufen sollen.“

N wie Normalität. Ist Tuchel fast heilig. Deshalb erzählt er gerne, dass er früher auch als Barkeeper in der „Radiobar“ in Stuttgart kellnerte. „Zweimal die Woche habe ich ausgeholfen. So, wie es jeder normale Student auch macht. Der Job war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe Anerkennung von Leuten gefunden, die gar nicht wussten, dass ich Fußball gespielt habe.“

O wie Ordnung. Tuchel ist beim Fußball ein Ordnungsliebhaber wie Louis van Gaal. Ein Credo lautet: „Ich will eine hervorragende Ordnung gegen den Ball.“

P wie Philosophie. Die beschreibt er selbst so: „Wir wollen ein laufintensives Spiel pflegen. Das angelegt ist, aggressiv nach vorne zu verteidigen, schnell und flach in die Spitze zu spielen, das Umschaltspiel in beide Richtungen zu kultivieren.“

R wie Rangnick. Tuchel sagt: „Ich bin schon infiziert und inspiriert von Ralf Rangnick.“ Erst der heutige Trainer der TSG Hoffenheim riet ja Tuchel dazu, es nach der aktiven Karriere im Trainermetier zu versuchen. Im Jahre 2000 übernahm Tuchel die U15 beim VfB Stuttgart, Rangnick war zu dieser Zeit Cheftrainer der Schwaben.

S wie Sissi. Die Ehefrau. Die Tuchels sind seit 2009 verheiratet. Tochter Emma kam im Juli vergangenen Jahres zur Welt – kurz nachdem die deutsche Meisterschaft mit den A-Junioren des FSV Mainz geschafft war. Jetzt haben die beide gerade verraten, dass das zweite Mal Nachwuchs unterwegs ist. Geburtstermin ist Ende Februar.

T wie Tuchel-Turm. So wird der provisorisch mit Folie umwickelte Stapel Holzpaletten genannt, der am Trainingsplatz steht. Mindestens einmal die Woche findet ein Geheimtraining statt, vom Turm werden dann Spielzüge und Laufwege gefilmt.

U wie Ulm. Beim SSV Ulm 1846 spielte Tuchel zwischen 1994 und 1998 in der Regionalliga Süd. Unter Trainer Ralf Rangnick zählte er drei Jahre lang zur Stammformation in der Abwehrkette. Als das Team in die Zweite Liga aufstieg, musste Tuchel seine Karriere wegen eines Knorpelschadens im Knie und eines Patellaspitzensyndroms beenden. Da war er gerade mal 25 Jahre alt.

V wie Vorbilder. Tuchel sagt: „Barcelona kann ein Modell für Mainz sein.“ Damit meint er, dass der FC Barcelona 50 Prozent selbst ausgebildete Spieler in der ersten Mannschaft habe, „warum soll das nicht auch für Mainz 05 möglich sein?“ Die Nachwuchsarbeit liegt ihm besonders am Herzen. Jungstar André Schürrle hat er von den A-Junioren direkt zu den Profis mitgenommen.

W wie Werte. Tuchel nennt als Schlagworte Respekt, Vertrauen und Anerkennung. Und er hat einige Grundsätze: Im Training darf es keine Revanchefouls geben, niemand wird mit dem Nachnamen angesprochen, bei der Begrüßung muss man sich in die Augen schauen.

Z wie Zähigkeit. Tuchel ist ein Ehrgeizling. Er strebt nach Perfektion – und gibt nie auf. Selbst als die Mannschaft am zweiten Spieltag 0:3 beim VfL Wolfsburg zurücklag, predigte er in der Halbzeit, dass sein Team dieses Spiel noch gewinnen werde. Am Ende siegten die rheinhessischen Überflieger mit 4:3.

Frank Hellmann

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