Trinkpausen bei der WM: Nervig oder clever?
Trinkpausen? Kennt man. Ziemlich nervig. In Köln und Umgebung legt man einen Bierdeckel aufs Kölschglas, damit einem nicht sofort ein weiteres dieser Zwei-Schlucke-Gläser (0,2 l) hingestellt wird. Im Biergarten bedeutet eine Trinkpause die Zeit zwischen zwei Maß Bier. Also die Zeit, die man mit Anstehen und Warten verbringt. Am Ausschank, an der Kasse oder auf der Toilette.
Die bei dieser WM eingeführten Trinkpausen nutzen die Spieler tatsächlich zum Trinken. Es werden Wasser und Elektrolyt-Getränke gereicht, dazu gibt es – bei Bedarf – Energieriegel und taktische Anweisungen vom Trainer. Diese würde man als TV-Konsument, schön entspannt auf der Couch mit einem Getränk in der Hand, gerne verfolgen. Geht nicht – Werbung. Ist ja ´ne Werbepause.
"Lukrative Werbeinseln": Das Contra der WM-Trinkpausen
Cleverer Schachzug des Weltverbandes Fifa diese Trinkpausen (je drei Minuten Unterbrechung etwa ab der 22. und 67. Spielminute) bei der Endrunde in Nordamerika einzuführen. Bei den Kicks unter sengender Hitze muss die Flüssigkeitszufuhr gesichert sein. In Mexiko oder in den USA, zum Beispiel in Texas. Dabei betrug die Temperatur in der klimatisierten Arena von Houston angenehme 20 bis 22 Grad. Von wegen Fürsorgepflicht der Fifa für die Spieler – ein vorgeschobenes Argument.
Einmal eingeführt, lässt sich das (Werbe-)Rad nicht zurückdrehen. Nun haben wir vier Viertel statt zwei Halbzeiten samt zusätzlicher, lukrativer Werbeinseln. Die Kassen klingeln. Wann kommen die Trinkpausen in den europäischen Wettbewerben? In der Bundesliga? Bei Wind und Wetter? Sollen die Spieler doch ihren heißen (Pausen-)Tee mehrmals zu sich nehmen. Der wärmt, wenn ihnen bei mehrminütigen Unterbrechungen durch VAR-Überprüfungen richtig kalt geworden ist.
Patrick Strasser
"Trinkpause hat geholfen": Das Pro der neuen WM-Unterbrechungen
Wir sind in den USA – und dann darf man den Amerikanern ruhig entgegenkommen bei ihren Gewohnheiten. Sportveranstaltungen sollten da keine Ausnahme darstellen. Gerade erst sind die NBA-Finals zu Ende gegangen mit dem Triumph der New York Knick über die San Antonio Spurs. Und diese Serie war ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Partie in den jeweiligen Vierteln drehen kann. Die Knicks lagen mehrmals weit zurück – und drehten die Spiele. Das war spannend, mitreißend, spektakulär. Nicht zuletzt dank der Pausen, in denen Meistertrainer Mike Brown Korrekturen vornahm.

Bei der WM sehen wir jetzt einen ähnlichen Effekt. Es gibt keine Halbzeiten mehr, sondern Viertel. Die Trinkpausen, die laut offiziellen Fifa-Regeln Kühlpausen sind, dienen gerade in klimatisierten Arenen wie in Houston weniger der Getränkeaufnahme oder Erholung, sondern eher taktischen Anpassungen. Das kam der deutschen Mannschaft beim 7:1 gegen Curaçao zugute, als der Außenseiter nach dem 1:1 Druck machte. "Die Trinkpause hat tatsächlich geholfen", sagte Julian Nagelsmann. Mit dem Griff zur Taktiktafel habe er seinen Spieler verdeutlichen können, "was wir schon vorher angepasst haben".
Das Spiel wird sich durch diese Pausen zweifellos verändern. Aber ist das wirklich schlimm? Der Dramaturgie wird die Neuerung sicher nicht schaden, ein bisschen mehr Hollywood kann die WM vertragen. In Houston spielte in der Halbzeit sogar eine mexikanische Band und sorgte für Stimmung. Letztlich dürfte auch das Spielniveau steigen, wenn die Trainer häufiger eingreifen. Und die Fans? Die haben die Möglichkeit, einmal pro Halbzeit die Toilette aufzusuchen und Kaltgetränke zu holen. Das passt.
Maximilian Koch
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