Tacheles in Toronto: Was für das DFB-Team gegen die Elfenbeinküste auf dem Spiel steht

Vor der Abreise nach Kanada blickten die Nationalspieler am Freitagmittag beim Essen in ihrer noblen Unterkunft "The Graylyn Estate" in Winston-Salem noch einmal auf die frisch eingetroffene Motivation in Bunt. Schülerinnen und Schüler aus der 250.000-Einwohner-Stadt in North Carolina haben der deutschen Nationalmannschaft zahlreiche Grußbotschaften geschrieben – auf Deutsch.
"Willkommen in Winston-Salem" oder "Viel Glück und viel Spaß beim Fußballturnier" können die DFB-Stars in ihrem Speisesaal an der Wand lesen.
"Eine sehr starke Mannschaft": Elfenbeinküste der erste Härtetest für die DFB-Elf
Nach der Abschlusseinheit am Vormittag ging es am Nachmittag mit dem Fifa-Charterflieger vom Smith Reynolds Airport (rund zehn Minuten Fahrt vom Hotel entfernt) nach Toronto. Mit der Elfenbeinküste wartet am Samstag (22 Uhr, ZDF & MagentaTV) "eine sehr starke Mannschaft auf uns", sagte Torhüter Manuel Neuer, "wir wissen, was uns erwartet - aber die Elfenbeinküste weiß auch, was sie erwartet".

Dass die Aufgabe deutlich schwieriger und herausfordernder wird als beim letztlich locker-souveränen WM-Auftakt, dem 7:1 gegen Außenseiter Curacao, ist allen klar. "Wir müssen im ganzen Spiel stets hellwach sein", warnte Kapitän Joshua Kimmich. Mit dem Kantersieg baute die Nationalelf ihre Serie auf zehn Erfolge in Folge aus. Häufiger siegte das DFB-Team lediglich in der Länderspiel-Saison 1979/1980: zwölf Mal hintereinander. Nun folgt mit dem Afrika-Cup-Sieger von 2024 eine echte Prüfung.
Es wird: die Stunde der Wahrheit – Tacheles in Toronto. Wie gut ist die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann wirklich?
Letztmals 2006 zwei Siege zum WM-Auftakt für Deutschland
Das mit dem zweiten Spiel einer deutschen Nationalmannschaft in der Gruppenphase einer WM ist so eine Sache in der jüngeren WM-Geschichte: Wenn die Auftaktpartie in die Hose ging, wie 2018 in Russland (0:1 gegen Mexiko) und 2022 in Katar (1:2 gegen Japan) erfolgte daraufhin eine starke Reaktion. Vor acht Jahren besiegte die Auswahl von Joachim Löw Schweden mit 2:1, vor vier Jahren reichte es für das Team von Hansi Flick gegen Spanien immerhin zu einem 1:1.
Andersherum genauso: Glückte der Auftakt wie 2014 in Brasilien (4:0 gegen Portugal) und 2010 in Südafrika (4:0 gegen Australien) gelang danach kein Sieg. 2014 kam man gegen Ghana nicht über ein 2:2 hinaus, 2010 verlor man gar - 0:1 gegen Serbien. Man muss bis 2006 zurückgehen, ehe man Back-to-Back-Erfolge findet wie man im US-Sport sagt, also zwei Siege hintereinander. Das Sommermärchen startete mit einem 4:2 gegen Costa Rica, darauf folgte das 1:0 gegen Polen.
Frankreich droht: "Wir wollen Erster werden und uns auch nach der Gruppenphase behaupten"
Diesmal ist die Elfenbeinküste der Gegner im verflixten zweiten Spiel - nach dem furiosen 7:1-Startsieg gegen Curacao. Ein schlechtes Omen aufgrund der Historie? Damit braucht man jemandem aus dem DFB-Team nicht kommen. Das Ziel ist klar: Mit einem weiteren Sieg vorzeitig die K.o.-Runde, sprich das erstmals ausgetragene Sechzehntelfinale (gegen einen der Tabellendritten aus der Gruppe A, B, C, D oder F), erreichen.
Dass das DFB-Team als Gruppensieger bereits im Achtelfinale auf Vize-Weltmeister und Topfavorit Frankreich treffen könnte? Einerlei. "Wir wollen Erster werden und uns auch nach der Gruppenphase behaupten", sagte Sportdirektor Rudi Völler. Der Turnierbaum? Egal.
Ostküsten-Hattrick wartet auf die DFB-Elf bei Gruppensieg
Der Weg ist immer das Ziel. Bei dieser Mammut-WM kommt der Wegstrecke (inklusive der Flugkilometer) eine entscheidendere Bedeutung zu - im Sinne der Logistik der Reisen sowie der Trainingssteuerung und Regenerationsphasen.
Packt die Nationalelf den Gruppensieg, hießen die Austragungsorte Boston, Philadelphia und wieder Boston – bis zum Halbfinale.
Bei einer Pleite wäre der Elfenbeinküste, aktuell auf Rang 33 der Fifa-Weltrangliste, Platz eins der Gruppe beinahe schon sicher, weil man den direkten Vergleich gegen Ecuador (1:0) gewann und dann auch gegen Deutschland gewonnen hätte.
Reisewege bei Platz zwei in der Gruppe komplizierter
Als Zweiter (von Platz drei soll an dieser Stelle nicht die Rede sein - dazu müsste am Samstag und gegen Ecuador verloren werden) würde die deutsche Nationalelf im Sechzehntelfinale auf den Zweiten der Gruppe I treffen, womöglich Norwegen oder der Senegal. Im Achtelfinale könnten dann Brasilien, Marokko oder die Niederlande warten. Komplizierter wäre in dem Fall auf jeden Fall die Reiserei. Dallas, New Jersey, Miami.
Längere Flüge, gänzlich unterschiedliche Klimaverhältnisse – im Vergleich zu einem möglichen Ostküsten-Hattrick.
17.000 Wackelplätze auf Stahlriesen
So manchem waren die neuen Tribünen des BMO Field noch nicht so ganz geheuer. Wenn der Wind vom nahe gelegenen Lake Ontario in Torontos WM-Stadion hineinbläst, ist es auf den provisorischen Stahlkonstruktionen dann doch etwas wacklig. Für die erste WM auf kanadischem Boden brauchte das "Bee Mo Field", wie es die Einheimischen nennen, aber einfach mehr Platz für die Fans.
17.000 zusätzliche Sitze wurden hinter den Toren eingebaut. Mit einer Kapazität von rund 45.000 Zuschauern ist die Arena dennoch die kleinste der 16 WM-Standorte. Dort oben auf den steilen Emporen kann man sogar die Flugzeuge im Landeanflug auf den kleinen Billy Bishop Airport sehen. Zweifel bezüglich der Sicherheit.
"Die Tribünen werden absolut sicher sein", hatte Nick Eaves, COO von MLSE, dem Eigentümer des MLS-Teams Toronto FC, vor dem Turnier bei "The Athletic" gesagt. Den Spielern könnten die Umbauten eventuell sogar helfen. "Wir wissen, dass es in diesem Stadion normalerweise sehr windig ist. Es ist also definitiv ein angenehmeres Erlebnis, wenn man diesen Wind zumindest teilweise abschirmen kann", sagte Kanadas Ersatztorwart Dayne St. Clair.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Besucher auf den gigantischen Stahlkonstruktionen komplett der Witterung ausgesetzt sind, nur die Haupttribünen sind überdacht.