"Sollten keine Rolle mehr spielen": Hamanns rote Liste für den DFB

AZ: Herr Hamann, das 104. WM-Spiel wird am Sonntag das Finale zwischen Spanien und Argentinien sein. Haben sich die beiden besten Mannschaften am Ende durchgesetzt?
DIETMAR HAMANN: Die Spanier haben die Franzosen auseinandergenommen, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Es war wahrscheinlich das einseitigste K.o.-Spiel dieser WM – und das im Halbfinale. Frankreich war chancenlos, in allen Belangen unterlegen. Eine Machtdemonstration der Spanier. Auf der anderen Seite hast du die Argentinier, die Lionel Messi mit einem zweiten Weltmeistertitel krönen können. Was Messi im Halbfinale gegen England geleistet hat mit seinen beiden Vorlagen, war außergewöhnlich. Er ist ein Genie, der beste Spieler der vergangenen 20 Jahre. Um so ein Spiel gegen England zu drehen, da brauchst du Herz und Wille. Ich tendiere daher im Finale leicht zu Argentinien, es wird ein tolles Endspiel.
Sehen Sie Messi auch als besten Spieler des Turniers?
Selbst wenn Argentinien das Finale verlieren sollte, gibt es da wenig Diskussionen. Messi hat acht Tore erzielt, mehrere Treffer vorbereitet, er bindet immer zwei, drei Spieler. Wie er im Halbfinale mit seinem schwachen Fuß in der Nachspielzeit die Flanke zu Lautaro Martínez geschlagen hat, das war einfach Weltklasse. Messi hat die Auszeichnung verdient, ich wüsste keinen anderen.
"Die innige Beziehung zu Kane hat Tuchel diesmal nicht geholfen"
Der englische Coach Thomas Tuchel stand nach dem 1:2 gegen Argentinien in der Kritik, weil er sein Team nach der Führung sehr defensiv agieren ließ. Geben Sie den Kritikern Recht?
Nach dem 1:0 dachte ich eigentlich, dass die Engländer Argentinien genau da haben, wo sie sie haben wollen. Mit Marcus Rashford und Bukayo Saka hatte Tuchel noch schnelle Spieler auf der Bank, die Argentinien hätten wehtun können. Die hat er aber nicht eingewechselt. Es war vergleichbar mit dem EM-Finale 2021 zwischen England und Italien, als Tuchel-Vorgänger Gareth Southgate ähnlich defensiv gewechselt und dann ebenfalls verloren hat. Es hat mich gewundert. Wenn Tuchel so defensiv spielen will, hätte er Rashford für Harry Kane bringen müssen, einen schnellen Spieler für Konter. Die innige Beziehung zu Kane hat Tuchel diesmal nicht geholfen.
Kane bleibt damit der ungekrönte Kapitän im englischen Nationalteam. Wie haben Sie seine WM-Leistungen gesehen?
Man muss mal schauen, ob er die WM 2030 noch spielt, er wird bald 33. In der Vorrunde und im Sechzehntelfinale mit zwei Toren gegen DR Kongo hat er es gut gemacht und insgesamt sechs WM-Tore geschossen. In der K.o.-Runde war er dann aber kaum noch zu sehen mit Ausnahme seines Elfmetertores im Achtelfinale gegen Mexiko. Da waren andere Superstars wie Messi deutlich präsenter.
Hamann: Deutschland war die große Enttäuschung dieser WM
Tuchel soll trotz der Enttäuschung bis zur EM 2028 in England weitermachen. Die richtige Entscheidung?
Ich gehe davon aus, dass es noch heftigen Gegenwind für Tuchel geben wird. Ihm wird vorgehalten, dass er der Southgate 2.0 ist. Das tut weh. Man muss sich in den kommenden Wochen mal anschauen, ob er sich das wirklich antun möchte, wenn die öffentliche Stimmung so schlecht ist. Das Aus wird ihm angelastet.
Wer war für Sie die negative Überraschung bei der WM?
Die Österreicher haben mich enttäuscht, da hätte ich mehr erwartet. Genauso von den Brasilianern, die gegen Norwegen ausgeschieden sind. Aber die größte Enttäuschung war sicher die deutsche Mannschaft.
Was muss sich ändern? Geht es darum, ganz neue Strukturen zu schaffen im Nachwuchs?
Wir haben die Strukturen ja eigentlich erst geändert mit Hannes Wolf, dem Sportdirektor für Nachwuchs und Entwicklung. Man hat im Jugendfußball umgestellt, dass zunächst ohne Torwart gespielt wird. Aber das braucht natürlich Zeit. Wir müssen wieder lernen, uns zu beweisen, uns durchzusetzen. Wir brauchen den Drang, uns mit den Besten zu messen. Wenn man mal unsere beste Elf nimmt, war die Mannschaft nicht so schlecht. Klar, wir hatten keinen Rechtsverteidiger dabei. Da hätte ich mir Yann Aurel Bisseck von Inter Mailand gewünscht. Genauso Said El-Mala in der Offensive. Mir wird aber insgesamt zu viel schwarzgemalt. Unsere Mannschaft ist sehr viel besser, als sie gemacht wird und als sie bei der WM gezeigt hat. Nur: Wenn du einen Trainer hast, der wenig Interesse hat und sich nur wenige Spiele anschaut, brauchst du dich nicht wundern, wenn am Ende so ein Ergebnis dabei herauskommt.
Hamann: Trio um Kimmich hat in der Nationalmannschaft nichts mehr verloren
Das heißt, dass Sie große Hoffnungen in den Trainerwechsel von Julian Nagelsmann zu Jürgen Klopp setzen?
Absolut. Ich glaube nicht, dass wir uns vom Potenzial her vor den meisten Mannschaften verstecken müssen. Wenn man schaut, wie die Engländer oder Argentinier ins Halbfinale gekommen sind – das war ja kein glanzvoller Fußball. Aber sie hatten Zusammenhalt und Herz. Das kannst du als Trainer beeinflussen, das ist seine Aufgabe. Daher setze ich auf Klopp.
Wer soll die deutsche Mannschaft in Zukunft anführen? Wird Joshua Kimmich der Kapitän bleiben?
Das wird Klopp in aller Ruhe entscheiden. Ganz wichtig ist zunächst der Torwart: Stellt er Alexander Nübel rein oder Jonas Urbig, der irgendwann die Nummer eins beim FC Bayern sein wird? Und dann bin ich der Meinung, dass Kimmich, Leon Goretzka und Leroy Sané keine Rolle mehr spielen sollten. Mit Kimmich waren wir bei den letzten fünf Turnieren nie weiter als bis im Viertelfinale. Da frage ich mich, warum das in zwei Jahren anders sein soll.
"Was ich höre, ist schon, dass es zwischen Real und Olise heiß werden könnte"
Wer wäre geeignet als neuer Kapitän?
Nico Schlotterbeck vielleicht, er füllt die Rolle in Dortmund schon aus. Auch Felix Nmecha wäre eine Option, um ihn herum im zentralen Mittelfeld sollte man das Team der Zukunft bauen. Da werden sich schon zwei, drei Kandidaten herauskristallisieren.
Waren Sie überrascht, dass Michael Olises Leistungen im Turnierverlauf stark nachgelassen haben?
Er war im Halbfinale gegen Spanien der schwächste Mann auf dem Platz, Didier Deschamps hätte ihn früher auswechseln sollen. Es gibt ja die Gerüchte um Real Madrid, vielleicht hat er die im Kopf gehabt.
Falls Real dem FC Bayern wirklich eine riesige Summe von 150 bis 200 Millionen Euro für Olise bieten würde: Sollte Bayern über einen Verkauf nachdenken?
Was ich höre, ist schon, dass es zwischen Real und Olise heiß werden könnte. Natürlich hat er einen laufenden Vertrag, Bayern muss ihn nicht verkaufen. Aber der Klub hat wohl versucht, mit ihm zu verlängern – und Olise hat wenig Interesse gezeigt. Er scheint ein ziemlicher Einzelgänger zu sein. Wenn er sagen würde, dass er unbedingt zu Real will, wäre es wahrscheinlich am besten, eine gute Lösung für alle Seiten zu finden.