Interview

Reporter-Legende packt über WM 1994 aus: "Diese Ego-Profis sind ihm auf der Nase herumgetanzt"

Reporter Uli Köhler spricht in der AZ über die WM 1994 – von skurrilen Szenen über eine obszöne Geste bis hin zu den Forderungen der Spielerfrauen und dem Trainer, der vergeblich versuchte, alles zusammenzuhalten.
Patrick Strasser |
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Bundestrainer Berti Vogts (li.) und Stefan Effenberg.
Bundestrainer Berti Vogts (li.) und Stefan Effenberg. © IMAGO

AZ: Herr Köhler, Sie sind eines der bekanntesten TV-Gesichter des deutschen Fußballs, auch mit ihren 75 Jahren immer noch für Sky als Reporter unterwegs. 1994, bei der ersten WM in Nordamerika - anders als diesmal komplett in den USA ausgetragen - waren Sie im Auftrag von Sat.1 vor Ort. Als meist staunender Reporter und Begleiter der deutschen Nationalmannschaft.
ULI KÖHLER: Allerdings! Im Grunde war das ganze Turnier vollkommen irre. Das ging mit Chicago, wo das deutsche Team sein Basecamp hatte, schon mal gut los.

Bundestrainer Berti Vogts hatte seine Mannschaft etwas außerhalb von Chicago einquartiert, in einem riesigen Hotelbunker namens "Oak Brook Hills", trainiert wurde auf dem Gelände der Hinsdale-Highschool.
Punkt eins war, und da konnte der arme Berti Vogts nun mal nichts dafür, es hatte in diesen Tagen eine gewaltige Hitze und eine gefühlte Luftfeuchtigkeit von 110 Prozent. Eine einzige Waschküche, einfach der Wahnsinn. Schon in den frühen Morgenstunden hatte es 26, 28 Grad. Direkt neben dem Mannschaftshotel war ein Golfplatz. Als ich an einem der ersten Tage vor Ort zu einem Termin dort in der Früh ankam, sehe ich die Spieler in Golf-Outfits durch die Lobby laufen - in der Früh um neun Uhr, halb zehn. Andy Brehme war einer aus der Gruppe, dazu Karl-Heinz Riedle, Martin Wagner, Mario Basler und Thomas Berthold, damals im Grunde fast schon Profigolfer (lacht). Ich habe die Jungs gefragt, wo sie herkommen und die meinten ganz selbstverständlich: "Wir spielen hier immer in der Früh." Und so wie das halt damals noch war, fragten sie mich: "Magst du mal mitspielen?" Den Wecker auf fünf Uhr gestellt, um sechs Uhr war Abschlag am ersten Loch – fast jeden Tag.

DFB-Stars spielten Golf vor dem Frühstück: "Das war nur der Anfang vom ganzen Chaos"

Wie fand der Bundestrainer das?
Bei der Hitze und der Luftfeuchtigkeit musstet du die 18 Loch mit dem Golfwagerl fahren, das konntest du nicht laufen. Trotzdem sind sie meist erst so um neun Uhr, halb zehn fertig geworden. Der Gag an der Sache: Also haben die Golfer Berti gefragt, ob er nicht das Frühstück ein bisschen nach hinten verlegen könnte, damit sie ihre Runde in Ruhe zu Ende spielen können. So war die Einstellung der Truppe. Und Berti hat dann auch noch Ja gesagt zu der ganzen Nummer – unglaublich, vor allem aus heutiger Sicht. Da fragen die Spieler, ob sie an ihrem freien Tag mal eine Runde golfen dürfen. Und überhaupt: Rund drei Stunden Golf vor dem Training, das dann, irgendwann um elf Uhr oder halb zwölf angesetzt war – die waren schon fix und fertig als sie zum Training erschienen. Das war nur der Anfang vom ganzen Chaos.

Ein ganz großes Streitthema nach der Ankunft in Chicago waren die Spielerfrauen. Bianca, die Ehefrau von Nationaltorhüter Bodo Illgner, Angela, die damalige Frau von Thomas Häßler und Martina, die damalige Frau von Stefan Effenberg, wollten möglichst nah dran sein an ihren Männern und gaben sich nicht mit einem Quartier, dem Hotel "The Drake", in der Nähe des Teams zufrieden. Ein Trio infernale. Bianca forderte öffentlich freie Kost und Logis im Mannschaftshotel.
Das ging eben nicht und deshalb war da ständig Unruhe, Stress. Für uns Medienschaffende natürlich ein Fest. Man kann nicht behaupten, dass es der so redliche, gutmütige und immer ehrliche Berti Vogts leicht gehabt hat. Andererseits hat er durch seine unbeholfene Rhetorik auch alles dafür getan, dass er es dann wirklich schwer hatte. Mit dem zähen 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Bolivien und dem 1:1 gegen Spanien in Spiel schleppte sich die Mannschaft durchs Turnier – oh, Wunder!

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Effenberg nach Stinkefinger-Skandal aus dem Kader geworfen

Das ganze DFB-Desaster gipfelte dann im dritten Vorrundenspiel gegen Südkorea. Der Stinkefinger von Stefan Effenberg gegenüber einigen deutschen Fans.
Das war in Dallas, auch da war ich vor Ort. Dort hatte es 40 Grad, auf dem Platz in der Sonne gefühlt 50 - eine total trockene Hitze, anders extrem. Nach einer souveränen 3:0-Führung sind die DFB-Jungs dann in der zweiten Hälfte total eingebrochen, die Südkoreaner kamen auf 2:3 heran. Der Skandal mit Effes Stinkefinger, wohl eine Reaktion auf Fans, die ihn mit "Effe raus!" angepöbelt haben, kam ja erst Stunden später raus.

DFB-Präsident Egidius Braun musste erst unter den Fans "ermitteln", ob sich das wirklich so zugetragen habe. Er sprach dann von einem "entsetzlichen Verhalten" und sagte: "Wenn ein Mensch eine solch obszöne Geste macht, dann hat er in der Nationalmannschaft nichts mehr zu suchen" Effenberg wurde aus dem Kader geworfen.
Ich erinnere mich noch, wie Thomas Berthold nach dem Spiel fluchend wie ein Rohrspatz durch die Katakomben gelaufen ist. Aber nicht wegen Effes Aktion, sondern weil seine rechte Seite nach der Auswechslung von Effenberg völlig offen war und ständig zwei Südkoreaner mit ungefähr 80 km/h auf ihn zugerannt kamen und er gar nicht mehr wusste, wen er verteidigen sollte. Für uns Fernseh-Leute war das große Problem, dass es keine Fotos, keine TV-Bilder von Effes Stinkefinger gab – auch in der heutigen Zeit mit zig Video-Content-Creators am Spielfeldrand und den Handykameras der Fans unvorstellbar. Den Kollegen von Premiere ist dann ein Coup gelungen, weil sie die Effenbergs in einem Auto des Produktionsteams mit zum Flughafen genommen und dabei interviewt haben.

Martina Effenberg gab dann noch zahlreiche Interviews, sagte unter anderem hämisch: "Wir freuen uns nun auf New York. Danke, Berti!"
Die haben noch während des Turniers in den USA schön Urlaub gemacht – auch total irre.

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"Es war keine Mannschaft, kein Teamgeist vorhanden": DFB-Elf an Außenseiter Bulgarien

Wie lief denn die Arbeit von Ihnen als Reporter ab? Hatten Sie 1994 überhaupt schon ein Handy dabei, so einen kleinen Kompakt-Knochen?
Gute Frage. Mein erstes Handy habe ich Ende 1992 bekommen oder 1993. Aber ob das in Amerika funktioniert hat - keine Ahnung mehr. Eigentlich haben wir nur über das Hoteltelefon mit der Redaktion telefoniert oder aus unserem Studio vor Ort. Wir haben in den USA eine tägliche Sendung für die beste Fernsehzeit am Abend in Deutschland, um 22 oder 23 Uhr, produziert. Sat.1 hatte keine Rechte für Live-Spiele, dafür haben wir mit bunten Beiträgen eine runde Zusammenfassung des Tagesgeschehens geliefert. Im Mietwagen sind wir übrigens schön mit einer Straßen- und Landkarte durch die Gegend gefahren. Wir hatten ein Cabrio, da waren die Spieler recht neidisch. An meiner Seite, auch für Sat.1 unterwegs, Uli Voigt der spätere Mediendirektor des DFB. Wir hatten eine tolle Zeit, vor allem am Anfang. Chicago ist eine geile Stadt, wunderbare Steakhäuser. Und es war noch nicht so teuer. Amerika war und ist immer teuer, aber nicht so wie jetzt. Nur das Wetter, die Hitze, das hat einen fertig gemacht.

Nach dem 3:2 im Achtelfinale gegen Belgien kam der Schock: Der amtierende Weltmeister schied im Viertelfinale mit 1:2 gegen den krassen Außenseiter Bulgarien aus. Das Überraschende: Berti Vogts wurde nicht entlassen.
Die Erwartungshaltung nach dem WM-Titel in Italien 1990 war riesig. Und dann hatte Berti auch noch den Spruch vom Kaiser, von Franz Beckenbauer, im Kreuz, der damals in Rom tönte, mit den Spielern, die aufgrund der Wiedervereinigung aus der ehemaligen DDR hinzukommen würden, wäre die deutsche Mannschaft nun "auf Jahre hinaus nicht zu besiegen". Und dann vergeigt es diese mit Top-Spielern gespickte Truppe so krass - gegen Bulgarien! Es war keine Mannschaft, kein Teamgeist vorhanden, zu viele Nebengeräusche. Allein die Geschichte mit den Spielerfrauen! Die Jungs hätten nicht unterstützen dürfen und sagen müssen: Ja, haben wir einen Vogel? Warum sind wir denn eigentlich hier? Berti hat das leider alles nicht in den Griff gekriegt mit seiner nicht vorhandenen Autorität. Diese Ego-Profis, die bei ihren Vereinen Top-Verträge hatten, sind ihm komplett auf der Nase herumgetanzt.

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