Pharmakologe Sörgel: Da will der Fußball wieder eine Sonderrolle

Zuschauer in den Stadien? Laut dem Nürnberger Pharmakologen Fritz Sörgel wäre das bereits ab Herbst wieder möglich. Im AZ-Interview erklärt er seinen Plan und warum es jetzt schnell gehen müsste.
| Interview: Krischan Kaufmann
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"Im schlimmsten Fall könnte es sein, dass man tatsächlich nur mit einem positiven Antikörper-Test ins Stadion darf", erklärt Fritz Sörgel.
"Im schlimmsten Fall könnte es sein, dass man tatsächlich nur mit einem positiven Antikörper-Test ins Stadion darf", erklärt Fritz Sörgel. © imago

AZ-Interview mit Prof. Fritz Sörgel: Der Nürnberger Pharmakologe (69) ist einer der anerkanntesten Doping-Experten Deutschlands. Aktuell unterstützt er mit seinem IBMP-Institut viele Kliniken im Kampf gegen Covid-19.

AZ: Herr Sörgel, trotz oder gerade in der Corona-Krise sehnen sich viele Menschen nach Fußball und fragen sich, wann sie endlich wieder ins Stadion dürfen. Sie haben eine Idee, die dabei helfen könnte, diese Frage zu beantworten.
FRITZ SÖRGEL: Mir geht es darum: Wie und in welchen Schritten kann man größere Veranstaltungen wieder zulassen? Dafür benötigt man solide wissenschaftliche Daten. Die letzten Spiele im März, also das Champions-League-Spiel der Leipziger gegen Tottenham und der letzte Spieltag in der Bundesliga und der Zweiten Liga hätten sich für eine Untersuchung sehr gut geeignet.

Partien mit Zuschauern in der nächsten Zeit undenkbar

Wie das?
Man hätte drei Wochen gewartet und dann Zuschauer getestet, ob sie sich bei dem Spiel infiziert haben, beziehungsweise sich schon Antikörper gebildet haben. Daraus hätte man dann Rückschlüsse ziehen können, wie viele Zuschauer sich bei solchen Massenveranstaltungen wirklich infizieren.

Natürlich gab es damals noch keinen zuverlässigen Antikörpertest. Aber man hätte die Blutproben einfrieren können, für den Zeitpunkt, wenn diese Tests – vielleicht im Juli – massenhaft und vor allem validiert zur Verfügung stehen. Das ist so ein einfacher Test – innerhalb einer Woche hätten wir dann schon erste Ergebnisse, die in ein statistisches Modell der Epidemiologen eingespeist werden könnten.

Ist diese Chance nun vertan?
Nein, aber jetzt müsste es extrem schnell gehen. Denn mit größerem zeitlichem Abstand verwischen die Ergebnisse und man braucht viel höhere Zahlen an Testpersonen.

Selbst wenn es noch klappen sollte, für die aktuelle Saison käme die Untersuchung zu spät, oder?
Ja, es geht mir auch nicht um diese Spielzeit. Partien mit Zuschauern sind an den nächsten Spieltagen undenkbar. Aber ab dem kommenden Herbst womöglich mit kleineren Zuschauerzahlen schon. Man wird aber nicht gleich die Allianz Arena für 80.000 Zuschauer freigeben können.

Voraussetzungen für Zuschauer im Stadion

Sie glauben, dass man auf Basis dieser Ergebnisse mittelfristig wieder kleinere Gruppen in die Stadien lassen kann. Können Sie erklären, wie das gehen soll?
Sagen wir mal, aufgrund dieser Untersuchung wissen wir, dass wir 5.000 Zuschauer reinlassen können. Die Zuschauer müssen dann natürlich mit zwei Meter Sicherheitsabstand eingelassen werden und sitzen dann auch mit zwei Meter Sicherheitsabstand auf der Tribüne. Auch die Anreise ab Zutritt zur S-Bahn und ab Parkplatz – im Auto höchstens zwei Zuschauer und so weiter – muss genau gesteuert werden.

Das kommt natürlich auch auf das Stadion an. Aber wenn man zum Beispiel das Stadion "meines" 1. FC Nürnberg mit einer Kapazität von ungefähr 50.000 Zuschauern nimmt, wäre das möglich. Man kann das sicher gestalten. Ich finde, wer Ultras und Gewaltbereite in den Griff bekommt, sollte auch in der Lage sein, 5.000 sich auf Live- Fußball freuende Leute zu kanalisieren.

Diese Zuschauer müssen zwangsläufig vorher getestet worden sein?
Das ist die große Frage. Es hängt von den Ergebnissen der Untersuchung ab. Im schlimmsten Fall könnte es sein, dass man tatsächlich nur mit einem positiven Antikörper-Test ins Stadion darf. Das ist natürlich hart – aber ich finde, dass alles was dazu beiträgt, dass die Menschen wieder raus dürfen, genutzt werden sollte. Der Wunsch nach Großveranstaltungen wird kommen – und er wird sehr groß sein. Und das nicht nur im Fußball.

Einen anderen Plan verfolgt laut Medienberichten die DFL, um im Mai die Saison fortsetzen zu können. Die Verantwortlichen überlegen, die Spieler dreimal die Woche zu testen. Ist das aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll?
Dreimal in der Woche ist schon sehr intensiv. Außerdem müssen dabei ja auch Corona- und Antikörpertests kombiniert werden. Im Moment sind in Deutschland ja die Test-Kapazitäten für beides noch sehr knapp, weil das Personal dazu fehlt. Also da sollte jetzt erstmal die Bevölkerung zählen. Da will der Fußball schon wieder eine Sonderrolle.

Problematisch: Doping-Tests kaum möglich

Problematisch sieht es auch beim Thema Doping aus, engmaschige Kontrollen der Athleten sind aktuell kaum möglich. Wirft uns die Corona-Krise im Anti-Doping-Kampf um Jahre zurück?
Um Jahre würde ich nicht sagen. Aber es wird eine Verschiebung geben. Die Sportler aus der zweiten Reihe, die Athleten ab Platz 20, für die ist die jetzige Situation natürlich eine große Chance, unbemerkt zu dopen. Denn sie wissen, es werden in erster Linie nicht die B-Kader-Athleten getestet werden.

Die Nada hat ja kurz vor der Olympia-Absage bereits angekündigt, dass sie jetzt vor allem die A- und Olympia-Kader prüfen werden. Außerdem hat das Ganze noch einen medizinischen Aspekt: Für diese Sportler, die jetzt verstärkt dopen, um in höhere Sphären zu kommen, besteht eine große gesundheitliche Gefahr, weil sie in der jetzigen Situation kaum Kontakt mit ihren Sportmedizinern haben.

Das sind ja tolle Aussichten für Tokio 2021.
Meiner Meinung nach wird es die Olympischen Spiele nächstes Jahr gar nicht geben, oder es wird eine Veranstaltung, die die wichtigsten Ideale des Sports wie Chancengleichheit schwer verletzt.

Sie beschäftigen sich aktuell nicht nur aus sportlichen Gesichtspunkten mit der Corona-Krise. Mit Ihrem Institut prüfen sie die Wirksamkeit der Malaria-Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin gegen Covid-19. Können Sie uns Hoffnung machen?
Für eine Hoffnung ist es zu früh. Aber ja, es wird bereits in Deutschlan verwendet. Wir bieten den Klinken unsere Hilfe an, dass wir die Konzentrationen im Blut messen. Aber beide Mittel haben natürlich teils massive Nebenwirkungen, zum Beispiel Herz-Rhythmus-Störungen, die man durch die genaue Kenntnis der Menge im Blut und den Geweben vorherzusagen versucht. Da muss der Arzt ganz genau abwägen.

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