"Özil hat alles richtig gemacht"

Erhan Önal war das erste türkische Migrantenkind, das es in die Bundesliga schaffte. Hier spricht er über seine Zeit beim FC Bayern und das Spiel am Freitag.  
| C. Landsgesell
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen

Erhan Önal war das erste türkische Migrantenkind, das es in die Bundesliga schaffte. Hier spricht er über seine Zeit beim FC Bayern, das Spiel am Freitag und den Streit um deutsch-türkische Talente

AZ: Herr Önal, Sie waren der erste türkische Profi beim FC Bayern. 1977 haben sie einmal gesagt: „Ich bin ein echter Bayer.” Gilt das noch?

ERHAN ÖNAL: Eigentlich schon. Ich stamme zwar aus der Türkei, habe aber meine ganze Jugend in München verbracht, meine Profilaufbahn beim FC Bayern begonnen. Es ist schon etwas von Bayern in mir geblieben.

Mittlerweile leben Sie wieder in der Türkei.

Ja, ich bin 1985 zurück zu Galatasaray Istanbul. Ich würde es eigentlich immer noch bevorzugen, in Deutschland zu leben. Aber es ist halt anders gelaufen. Nachdem ich aufgehört habe zu spielen, habe ich hier in der Türkei geheiratet, dann kam das Kind. Also sind wir geblieben.

Mit acht Jahren zogen Sie mit Ihrer Familie nach München. Wie lief die Integration?

Die Sprache konnte ich null. Aber ich war ein Kind, da lernt man schnell. Als ich in die erste Klasse kam, stand ich schon blöd da, weil ich nichts verstanden habe. Aber für die Kinder war ich ja auch was Fremdes. Die haben geschaut: Da ist einer, der kann kein Deutsch, was ist das für einer? Mit der Zeit hatte ich es raus.

Türk Gücü war Ihr erster Verein.


Nein, das wird immer falsch erzählt. Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, hat Türk Gücü noch gar nicht existiert. Mein erster Verein war 1969 Schwarz-Weiß München, dann bin ich zum TSV München Ost und bin 1972 durch einen Freund zu Bayern gekommen. Er war beim Probetraining angemeldet und hat mich überredet, mitzukommen. Ich habe gesagt: „Was soll ich bei Bayern? Da nimmt uns keiner.” Ich bin geblieben, er ist wieder zurück. Vier Jahre später war ich in der ersten Mannschaft.

Sie haben mit den Großen zusammengespielt: Beckenbauer, Müller, Hoeneß, Schwarzenbeck...

...Maier, Rummenigge, Dürnberger, Kapellmann.

Wie kamen Sie zurecht? Heute spielen bei Bayern Spieler aus verschiedensten Nationen, damals stammten fast alle aus Deutschland.

Wir hatten ein paar Skandinavier. Aber ich wurde sehr gut aufgenommen. Ich hatte keine Probleme in der Mannschaft, auch persönlich mit keinem. Man hat sich gut um mich gekümmert, selbst die Stars. Sepp Maier war ein lustiger Typ, Beckenbauer hatte schon damals auf dem Feld und außerhalb alle Qualitäten, er war ein richtiger Gentleman.

Haben Sie in den Stadien rassistische Anfeindungen erlebt?

Eigentlich nicht. Nur einmal. Werner Lorant (später Trainer beim TSV 1860 und in der Türkei, unter anderem bei Fenerbahce Istanbul d. Red.), der damals bei Eintracht Frankfurt gespielt hat, hat mich auf dem Platz „Türkisches Schwein” genannt. Das habe ich aber nie zur Sprache gebracht. Sonst hätte er später wohl in der Türkei nicht als Trainer arbeiten können.

Als Nationalspieler haben Sie aber für die Türkei gespielt. Wie war das damals? Heute haben Spieler wie Mesut Özil oder die Altintop-Brüder die Wahl, ob sie für Deutschland oder die Türkei auflaufen.

Spieler wie ich waren damals wie Falschgeld für die Türkei. Da kommt ein türkischer Spieler, der beim FC Bayern spielt, aber sie wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. In der Zeit, als ich in Deutschland gespielt habe, habe ich von der türkischen Nationalmannschaft auch keine Einladung bekommen. Die gab es erst, als ich zu Standard Lüttich gewechselt bin. Das ist heutzutage ganz anders. Der türkische Verband will von den Spielern profitieren, die in Deutschland aufwachsen. Aber das können sie nicht.

Warum?

Wenn ich einen Spieler beraten würde, der die Wahl hat, würde ich sagen: „Bleib’ in Deutschland, spiel’ für die deutsche Nationalmannschaft.” Die Mentalität ist eine ganz andere, die Kultur. Die Spieler sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, haben die deutsche Spielweise gelernt. In der Türkei bekommen sie Schwierigkeiten. Yildiray Bastürk (ehemaliger türkischer Nationalspieler, in Herne geboren, d. Red.) kam zur türkischen Nationalmannschaft und hatte Probleme, die Altintops (türkische Nationalspieler, geboren in Gelsenkirchen, d. Red.) hatten Probleme. Es ist nicht einfach, von einem Land in das andere zu kommen und dort zu spielen. Diese Probleme hatte ich als Spieler auch.

Welche genau?

Die Einstellung zum Spiel ist ganz anders. In Deutschland wird viel mannschaftsdienlicher gespielt als in der Türkei. Auch wenn mittlerweile ein Fortschritt erkennbar ist. Früher hat man in der Türkei für die Tribüne gespielt. Da ist man auf dem Platz 30 Prozent der Wege umsonst gelaufen, weil der Pass nicht kam.

Wenn Sie die Wahl gehabt hätten: Wären Sie für Deutschland angetreten, wie zum Beispiel Mesut Özil?

Ganz, ganz sicher. Özil hat alles richtig gemacht. Wenn die Situation damals so gewesen wäre wie heute, wäre ich wahrscheinlich auch zur deutschen Nationalmannschaft eingeladen worden. Aber ich war der Einzige. Sie haben nicht gewusst, wo sie mich hintun sollen.

Wobei Sie sowieso nie einen deutschen Pass hatten.

Mein Eltern haben deutsche Pässe, ich habe ihn nie beantragt. Warum? Keine Ahnung.

Sie haben einen Sohn aus einer früheren Beziehung, Patrick Mölzl. Er spielt im Moment in der Dritten Liga beim FC Ingolstadt.


Vor ein paar Monaten habe ich ihn besucht. Nächste Woche bin ich in München, dann werde ich ein paar Tage vorbeischauen. Wir sind ja beide beim FC Bayern Profi geworden. Vater und Sohn. Ich kann mich nicht an einen zweiten solchen Fall erinnern.

Was halten Sie von den Praktiken ihres Landsmanns Erdal Keser? Er versucht, türkischdeutsche Talente aus der deutschen U17 in die Türkei abzuwerben, bietet sogar Geld.

Man sollte die Entscheidung den Spielern und Eltern überlassen. Mit Geld jemanden anzuwerben, davon halte ich nichts. Man tut dem Spieler damit nichts Gutes.

Zum Spiel: Deutschland hat sich als Gruppenerster bereits für die EM qualifiziert, die Türkei hofft noch. Wem wünschen Sie den Sieg?


Da sind meine Sympathien gleich verteilt. Wenn Deutschland spielt, halte ich eigentlich zu Deutschland. Wenn die Türkei diesmal gewinnt, ist es gut, weil sie vielleicht noch die Qualifikation schaffen. Ich würde es mir wünschen.

Mesut Özil wird wohl auch spielen. Und es wird Pfiffe gegen ihn geben.


Das finde ich falsch. Es ist seine Entscheidung, für Deutschland zu spielen. Das muss den Leuten mal in den Kopf gehen: Der Junge ist in Deutschland geboren, aufgewachsen, die Schule besucht, Fußball gespielt. Was soll er in der Türkei?

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren