Interview

Moonspell-Sänger Ribeiro: "Deutschland hat das Hirn, Portugal das Herz"

Moonspell-Sänger Ribeiro spricht in der AZ über seine Heimat, Ronaldo und das Duell. "Ohne Drama geht es bei uns einfach nicht."
| Matthias Kerber
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"Ich denke, dass hinter der Fassade ein Mensch mit vielen Facetten steckt", sagt Fernando Ribeiro, Sänger und Mastermind der Band Moonspell über seinen Landsmann Cristiano Ronaldo.
"Ich denke, dass hinter der Fassade ein Mensch mit vielen Facetten steckt", sagt Fernando Ribeiro, Sänger und Mastermind der Band Moonspell über seinen Landsmann Cristiano Ronaldo. © Rui Vasco/ho

Moonspell begann als Black-Metal-Band und erlebte dann zunehmend den Wandel zum Vertreter des melodischen Dark Metal oder Gothic Metal. Sänger und Texter Fernando Ribeiro (46) im EM-Gespräch.

AZ: Herr Ribeiro, Portugal und Deutschland treffen aufeinander, Sie sind nicht nur Sänger der portugiesischen Dark-Metal-Legende Moonspell und Dichter, sondern auch großer Fußball-Fan, wie unterscheidet sich der deutsche vom portugiesischen Fußball?
FERNANDO RIBEIRO: Unser Fußball spiegelt unsere Seele wieder, wir können nicht ohne Drama, nehmen Sie das EM-Finale 2016. Wer wird zum Helden? Eder! Niemand in Portugal konnte ihn davor ausstehen, weil er im Nationalteam immer versagt hat. Dann wird dieses hässliche Entlein zum Freudenschenker einer Nation, während Ronaldo, der der Held sein sollte, weinend am Spielfeldrand stand - von Motten umschwirrt. Sinnbildlicher ging es gar nicht mehr. Das ist Portugal, selbst, wenn wir erfolgreich sind, strapazieren wir das Glück und die Nerven. Die Deutschen sind anders. Sie haben die Muskeln, das Hirn, die Strategie, wir haben nur das Herz. Aber das kann reichen. Ich erinnere mich gerne, an das Finale 1986, als mein Verein - der FC Porto - im Champions League-Finale die Bayern besiegt hat, dank dieses Hackentreffers von Madjer. Wir haben gesiegt, durch unser Herz und magische Kräfte. Anders hätte man den deutschen Drachen nicht erlegen können. (lacht) Das war einer dieser Momente, als die Melancholie, die bei uns Portugiesen in fast allem mitschwingt, sich aufgelöst hat.

Ribeiro: "Das portugiesische Chaos lebt auch in uns"

Die Melancholie zeichnet ja auch den Fado, die portugiesische Volksmusik aus.
Diese Melancholie rührt daher, dass uns bewusst ist, dass wir nicht das Beste aus dem machen, was uns gegeben ist, wir aber letztlich nicht wissen, warum wir es nicht hinkriegen. Die einen bezichtigen den Teufel, die anderen schieben die Schuld auf Gott und seine undurchsichtigen Pläne, die anderen halten unser Versagen den Politikern vor. Aber letztlich wissen wir tief in uns, dass wir an uns selber scheitern. Das portugiesische Chaos lebt auch in uns. Aber irgendwo lieben wir das auch.

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Melancholie ist nicht gerade etwas, was Ronaldo umweht.
Nein. Wir hatten viele tolle Spieler, etwa Luis Figo, der mir von der Spielweise besser gefällt, aber unsere Enkel werden trotzdem nur von einem reden: Ronaldo. Es gibt den amerikanischen Traum, aber auch den portugiesischen - Ronaldo ist Sinnbild dieses Traumes. Er ist in einer der ärmsten Gegenden Portugals aufgewachsen. Wenn ich arm sage, meine ich so arm, dass die Familie nicht wusste, wo man Essen herkriegt. Und doch ist er der berühmteste Portugiese der Neuzeit geworden. Er kümmert sich rührend um seine Familie. Er ist Manns genug, hemmungslos zu weinen, wenn das Schicksal ihn hart trifft - er ist in seiner Art authentisch.

Ribeiro: "Immanuel Kant hat die Sicht der Welt fundamental verändert"

Wie sehen Sie Deutschland?
Der wichtigste Beitrag den Deutschland zur Menschheitsgeschichte beigetragen hat, sind seine Dichter, Denker, Philosophen. Die Welt wäre ohne Deutschland philosophisch ein sehr viel düsterer Ort. Ich habe ja Philosophie studiert.

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Ihr Lieblingsphilosoph?
Immanuel Kant. Er hat die Sicht der Welt fundamental verändert. Viele sagen, er hat ein langweiliges Leben geführt. Ich sage: Wer solche Gedanken in sich trägt, kann nicht langweilig sein. Auch Max Ernst bewundere ich. Der für mich vielleicht interessanteste Deutsche war Friedrich Nietzsche. Viele, die ihn zitieren - um nicht zu sagen missbrauchen -, haben ihn und sein Werk nicht verstanden. Die Faschisten haben ihn teils vereinnahmt und seine Gedanken pervertiert.

"Wir scheitern an der großen Aufgabe der Mitmenschlichkeit"

Einer der meistzitierten Sätze von Nietzsche ist: Gott ist tot. Sie haben sich auf Ihrer Platte "1755" mit dem Erdbeben, das Lissabon zerstört hat, auseinandergesetzt, diese Katastrophe hat damals eine Diskussion über Gottes Plan entfacht. Auch jetzt sind religiöse Eiferer dabei, Corona als Strafe Gottes umzudeuten.
Zwischenzeitlich hat Portugal seinen Corona-Albtraum erlebt. Es war ein bisschen das 1755 von heute. Ich denke, dass die Menschen sehr viel mehr Pläne haben, wie ihr Gott zu sein hat, als Gott für uns Pläne hat. Das Erdbeben von 1755 hat so viele Unzulänglichkeiten offenbart, vielleicht war das der Plan. So viele Arme starben, weil den angeblich Gottgläubigen das Schicksal der Leidenden egal war, obwohl Christus das Gegenteil verlangt hätte. Portugal hat sich erst im Zuge des Erdbebens von der Inquisition befreien können, vielleicht war das der Plan, dass sich Gott der Gräuel in seinem Namen entledigen konnte. Mit Covid sehen wir die gleichen Mechanismen. Die reichen Länder interessiert das Schicksal der armen Nationen nicht. Wir scheitern an der großen Aufgabe der Mitmenschlichkeit. Der Impfstoff wird an die bedürftigen Länder nur wie Almosen verteilt. Das ist nicht menschlich, nicht christlich. Spätestens bei der nächsten Pandemie - und die wird kommen - werden wir den Preis für diesen Egoismus zahlen. Wir versagen, weil der Gesellschaft einfach echte Empathie fehlt.

Ribeiro: "Auch Ronaldo fasziniert mich"

Wer ist für Sie der interessanteste Portugiese überhaupt?
Die Helden der Nelkenrevolution, die am 25. April 1974 gegen die Diktatur des Estado Nova putschten. Ich wurde im August geboren, konnte nur so in Freiheit aufwachsen. Es gibt Vasco da Gama, König Johann II., aber wenn ich mich für einen entscheiden muss, dann Sebastião de Mello. Der Politiker, der nach dem Erdbeben den Wiederaufbau begonnen, der für ein Umdenken gesorgt hat. Sein Wirken hat am meisten Nachhall aufs heutige Portugal. Er stellte die Lebenden, die Überlebenden in den Mittelpunkt. Und wissen Sie was?

Was?
Auch Ronaldo fasziniert mich. Ich denke, dass hinter der Fassade ein Mensch mit vielen Facetten steckt.

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