Lothar Matthäus: Ich sitze in Dubai fest

Matthäus setzt wegen der Corona-Krise in Dubai fest, an seinen Wohnort Budapest darf er nicht einreisen. Von seinem Arbeitgeber Sky erhofft, er, dass "der Sender Geisterspiele frei empfangbar zeigt".
| Patrick Strasser
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Lothar Matthäus spielte von 1984 bis 1988 und 1992 bis 2000 für den FC Bayern, der Welt- und Europameister ist mit 150 Einsätzen deutscher Rekordnationalspieler, er ist jetzt als Sky-Experte tätig.

AZ: Herr Matthäus, als Deutschlands Rekordnationalspieler – wie erleben Sie diese absurden Zeiten aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie und den aktuellen Stillstand des Sports?
LOTHAR MATTHÄUS: Ich sitze aktuell mit meiner Familie, mit meiner Frau Anastasia und meinem Sohn Milan (fünf Jahre alt, d.Red.) in Dubai fest.

Wie kam es dazu?
Am Freitag vor einer Woche hat die DFL den Betrieb der Bundesliga bis Anfang April ausgesetzt und zwei Spieltage gestrichen. Mein Job als Sky-Experte ruht, daraufhin haben wir unsere Pläne geändert. Ursprünglich wollten wir Ende März Urlaub in Dubai machen – wie beinahe jedes Jahr, wenn in der zweiten März-Hälfte die Länderspiel-Pause ansteht. Also haben wir die Reise vorgezogen.

Kein Pass: Ungarn lässt Lothar Matthäus nicht einreisen

Und nun?
Kommen wir vorerst nicht mehr weg hier. Aus doppeltem Grund: Nach Budapest kann ich nicht mehr einreisen – obwohl dort seit 16 Jahren mein Hauptwohnsitz ist. Die Ungarn haben die Grenzen dicht gemacht für alle, die keinen ungarischen Pass besitzen. Also kann ich nicht in meine Wohnung dort. Meine Frau ist Russin. Für sie ist es schwierig, aktuell nach Deutschland einzureisen, da sie keinen EU-Ausweis hat. Also kann ich auch nicht nach München in mein zweites Zuhause. Kann man da einen Flug riskieren, wenn die Einreise unsicher ist? Das nächste Problem lautet: Flüge von Dubai nach Ungarn und Deutschland sind eingestellt, fast alle nach Europa auch. Da musst du Glück haben, um noch Tickets zu ergattern. Als letzte Möglichkeit blieben Privatflieger. Es ist sehr belastend. Seit wir abgeflogen sind, kommen aus Deutschland jeden Tag Schreckensnachrichten, neue Zahlen von Infizierten. In Dubai fühlen wir uns aktuell sicherer.

Inwiefern?
Die Fallzahlen sind in den gesamten Vereinigten Arabischen Emiraten (über 150 Infizierte, zwei Tote, Stand 22.03., d.Red.) nicht so hoch wie in Europa. In Dubai arbeiten sehr viele international anerkannte Ärzte, die aktuell nicht mehr ausreisen dürfen. Das ist kein DritteWelt-Land, die medizinische Versorgung ist exzellent. Bei der rasanten Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland stellen wir uns die Frage: Will man derzeit überhaupt nach Deutschland? Andererseits: Wir vermissen unser gewohntes Umfeld, die Familie, die Freunde. Man ist komplett auf sich alleine gestellt. Das macht einen sehr nachdenklich.

Matthäus über Corona-Krise: "Ales sehr traurig"

Wie leben Sie derzeit mit Ihrer Familie in Dubai, wie fühlt es sich dort an?
Ich komme seit rund 20 Jahren immer wieder nach Dubai, aber so habe ich die Stadt nie gesehen. Ausländer kommen nicht mehr ins Land, auch nicht mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Die Auslastung in den Hotels beträgt lediglich rund zehn Prozent, Restaurants haben noch geöffnet, sind aber ziemlich leer. Also ist der Sicherheitsabstand zwischen den Tischen auf natürliche Art gegeben. Fitnessstudios oder Kids Clubs haben geschlossen. Im Hotel oder in den Shopping Malls wird jede Türklinke alle zwei Minuten desinfiziert. Absolute Sicherheit gibt es aber derzeit nirgendwo auf der Welt.

Keine Angst, dass wie in anderen Ländern der Welt bald die Hotels geschlossen werden?
Nein. Noch nicht. Hier am Jumeirah Beach legen Hotelketten aber ihre Gäste zusammen, etwa aus fünf Häusern in eins. Es ist grotesk: Wir haben rund 30 Grad, herrliche Sonne, eigentlich wunderbar. Ich sitze auf der Terrasse und schaue aufs Meer – aber ins Ungewisse. Es ist kein Ende der Pandemie absehbar. Wer weiß, was morgen ist? Alles sehr traurig.

Wie sehr belastet Sie die Trennung von Ihrer Familie, vom Freundeskreis?
Sehr, ich vermisse sie alle. Wir sind hier blockiert. Meine Mutter ist 89, sie lebt in meiner Heimatstadt Herzogenaurach weitestgehend isoliert, geht kaum mehr raus und bekommt von dem Wahnsinn zum Glück wenig bis nichts mit. Mein Bruder Wolfgang lebt ebenfalls dort, auch sehr zurückgezogen.

Was bekommen Sie vom Fußball und den Entscheidungen der Funktionäre mit?
Weniger als sonst natürlich, aber ich informiere mich übers Internet und Telefonate. Für mich wäre die beste Lösung, die Vereine machen jetzt einen Cut, sagen den Spielern: "Das ist jetzt eure Sommerpause!" Hoffentlich kann dann Ende Mai, vielleicht auch erst im Juni, wieder Fußball gespielt werden. Dann zieht man die Saison bis Ende Juli durch. Bei den Spielerverträgen müsste man sich einigen, dass sie einen Monat weiter gültig sind. Und im August startet, ganz ohne Pause, die neue Spielzeit.

Matthäus: Auch Sky hat eine Verantwortung

Denken Sie, dass alle Vereine sich solidarisch zeigen und eine gemeinsame Lösung bei Terminen, Transfers, Verträgen und TV-Geldern wirklich möglich wäre?
Ja, wenn nicht jetzt in dieser weltweiten Krise – wann denn dann? Wenn sie das nicht hinkriegen zum Wohle der Vereine und um Arbeitsplätze der Angestellten zu retten, dann kannst du den Fußball, ach, das ganze System Fußball vergessen. Aber die Solidarität beginnt ja bei der Gemeinschaft. Und was ich da, auch aus München, gehört habe, schockt mich. Dass junge Leute CoronaPartys feiern oder zu Tausenden an der Isar sitzen, kann doch nicht sein. Was geht in diesen Köpfen bloß vor? Sie gefährden damit ältere Menschen. Da schäme ich mich.

Noch mal zum Fußball: Wären aus Ihrer Sicht auch Geisterspiele über zwei Monate sinnvoll, um die Existenz der Vereine zu retten, weil dann wenigstens die TV-Gelder flössen?
Aus meiner Sicht hat auch Sky, mein Arbeitgeber, eine Verantwortung. Zum Wohle der Gesellschaft sollte Sky dann die Bundesliga, wenn das rechtlich und technisch möglich ist, für alle frei empfangbar ausstrahlen. Nach dem Motto: Wir sind solidarisch, wir rücken zusammen. Das wäre doch auch eine große Chance für den Sender, weil es ein riesiger Image-Gewinn wäre. Für vier Wochen oder mehr macht man sozusagen auf und erreicht damit ein Millionen-Publikum, von denen sich so mancher womöglich in der Zeit nach der Krise ein Abo holt. Ganz abgesehen davon, dass Sky so viel mehr für die Werbespots verlangen könnte. Aber wer weiß – da kommt in mir eben der Fußballromantiker durch.

Über die aktuellen Entwicklungen des Coronavirus in München und Bayern halten wir Sie in unserem Newsblog auf dem Laufenden

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