„Küsst den Buren“ – in Soweto!

AZ-Reporter Putsch wohnt seit Jahren in Südafrikaund berichtet in einer sechsteiligen Serie über das Leben im Land – und in den WM-Städten. Zum Auftakt geht es um die Versöhnung im Township.
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In Soweto sind die Schwarzen meistens unter sich – doch Buren gegenüber aufgeschlossen.
AP In Soweto sind die Schwarzen meistens unter sich – doch Buren gegenüber aufgeschlossen.

JOHANNESBURG - AZ-Reporter Putsch wohnt seit Jahren in Südafrikaund berichtet in einer sechsteiligen Serie über das Leben im Land – und in den WM-Städten. Zum Auftakt geht es um die Versöhnung im Township.

Die Straßenleuchten scheinen schwach vor der Kneipe, am Eingang steht ein Schild: „Keine Waffen!“ Es kommt selten vor, dass sich Weiße hierher verirren, in die Lokalität einen Kilometer vom Orlando Stadion von Soweto entfernt.

Nun aber sitzt Riana van Zyl mit 30 anderen Rugbyfans aus Pretoria in blauer Fanmontur auf Plastikstühlen. In der Hand eine große Flasche Bier.

Gerade haben die Blue Bulls aus Pretoria gegen die Crusaders aus Neuseeland das Halbfinale des „Super14“-Turniers gewonnen, die größte Klubmeisterschaft der südli-chen Hemisphäre, Pflichttermin für jeden Rugby-Fan. Normalerweise hätte das Spiel im Versus Loftus Stadion von Pretoria stattfinden sollen. Doch die Heimspielstätte der Blue Bulls wird wie alle großen Stadien für die WM gebraucht.

Und so blieb nur der Umzug nach Soweto, das viele konservative Buren weiterhin meiden – trotz enormer Infrastrukturmaßnahmen. „Viele von uns waren noch nie in einem Township“, erzählt van Zyl: „Besonders die Älteren hatten Bedenken, hierher zu kommen.“

Zwei Wochen ist das erste große Rugby-Spiel in einem Township nun her. Der Sport wurde während der Apartheid von der weißen Minderheit dominiert. Für die Schwarzen war in den Stadien damals ein abgetrennter Bereich reserviert: Von dort jubelten sie den Gegnern der südafrikanischen Nationalmannschaft „Springboks“ zu.

Welch ein Kontrast bietet Soweto in diesen Tagen. Vor einer Woche fand das Finale statt, die Bulls gewannen mit 25:17 gegen die Stormers aus Kapstadt. Wieder war die 40000 Zuschauer fassende Arena ausverkauft. Wieder winkten die Bürger des Townships den Bussen mit den weißen Fans zu. Und wieder gab es keine Zwischenfälle.

Präsident Jacob Zuma begrüßte vor dem Anpfiff jeden Spieler per Handschlag – und die Nation fühlte sich an die vereinende Kraft der WM 1995 erinnert. Damals gewann Südafrika sensationell das Turnier im eigenen Land und Nelson Mandela überreichte im grünen Springbok-Trikot die Trophäe. „Die Spiele in Soweto waren ein Beleg dafür, wie Südafrikas neue Mitte (...) die Grundfeste unserer Gesellschaft nicht nur teilt, sondern auch praktiziert“, schrieb die „Sunday Times“.

Längst ist Rugby kein alleiniger Sport der Weißen mehr, selbst in den Townships haben sich Vereine gebildet. Als Barriere bleiben eher die sozialen Unterschiede. Südafrikas Rugby-Verband und Sponsoren hatten den Township-Vereinen für beide Spiele jeweils rund 400 Freikarten zur Verfügung gestellt. „Ein Ticket kostet mindestens 250 Rand (27 Euro, d.Red.) “, sagt EldoRonians-Trainer Leon Visagie, „das kann sich keiner leisten.“

In der rechten Hand hält Visagie eine Vuvuzela-Tröte, die nun auch beim Rugby immer präsenter wird. „Wir haben schon lange vor dem Ende der Apartheid gespielt“, erzählt er nach dem Spiel. Dann ein Grinsen: „Unser Verein hat vier Mannschaften, und wir gewinnen oft gegen überwiegend weiße Teams.“

Es dominiert die sportliche Rivalität und damit ein Stück Normalität, so wenige Tage vor der WM. „Das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß ist längst nicht das wichtigste Thema Südafrikas“, sagt John Carlin. Er hat das Buch „Der Sieg des Nelson Mandela“ geschrieben – die Vorlage für den Film „Invictus“, der die Geschichte der Rugby-WM 1995 aufgreift.

Natürlich wäre es schön, wenn es mehr soziale Interaktion zwischen den ethnischen Gruppen gäbe, sagt Carlin. Im Jahr 2010 aber seien Themen wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit und das Verbrechen weit wichtiger für die Zukunft des Landes: „Nach den Dreharbeiten zu „Invictus“ haben mir auch die amerikanischen Filmemacher erzählt, dass sie das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß in Südafrika als natürlicher empfinden als in den USA.“

Angenehm fern scheinen bei Spielen wie in Soweto die Hetzereien des Populisten Julius Malema gegen die weiße Minderheit. Auch die Anspannung nach dem Mord an dem Rechtsextremisten Eugene Terre-blanche im April hat sich wieder gelegt. Selbst Malema, Jugendorganisationschef der Regierungspartei ANC, hat einen neuen Ton angestimmt. Anstelle des umstrittenen Liedes „Tötet den Buren“ sang er kürzlich: „Küsst den Buren.“

Christian Putsch

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