Klopps Testlabor: DFB-Elf gefangen im Mittelmaß

Jürgen Klopp ist ein Mann der Worte. Er schafft mit Sprüchen Vergleiche, kreiert Bilder im Kopf der Zuhörer. Auch seine Körpersprache setzt er gezielt ein.
Der Mann kann aber auch ernst – und demonstrativ. Im Moment der Niederlage, als seine Nationalspieler nach dem 0:1 im zweiten Nations-League-Gruppenspiel gegen Außenseiter Griechenland mit hängenden Schultern und Köpfen vor der Fankurve der Augsburger WWK-Arena standen und neben aufmunterndem Applaus auch eine Menge Pfiffe aushalten mussten, stellte er sich vor seine Mannschaft. Und applaudierte lange. Ein Symbol, um für den eingeschlagenen, für seinen Weg zu werben. Was er hinterher wortreich erläuterte.
Klopp über Pfiffe gegen das DFB-Team: "Das ist in Ordnung, aber nicht nötig"
"Ich war überrascht, als sie (seine Spieler, d. Red.) ein bisschen bedröppelt dastanden. Also, in Sack und Asche müssen sie nicht gehen", sagte der neue Bundestrainer, dafür gäbe es "keinen Grund." Klopp weiter: "Wir haben alles versucht. Da ist es nicht so, dass sie sich zig Minuten entschuldigen müssen. Es waren auch ein paar Pfiffe dabei, vielleicht hat jemand laut ausgeatmet oder hatte Asthma. Das ist in Ordnung, aber nicht nötig." Typisch Klopp – einen Kalauer hat er immer im Köcher. Ob dieser gut ankommt, ist ihm egal. Wichtiger war ihm die Botschaft: Meine Mannschaft, meine schützende Hand.
"Wer pfeifen will, soll mich auspfeifen", meinte er, "dass Jürgen Klopp nicht mit Handauflegen alle Probleme löst – ich wusste das vorher. Falls jemand es nicht wusste, weiß er es jetzt." An die Reporter gerichtet, sagte er: "Ich nehme alles auf meine Kappe. Kritisiert mich, aber nicht die Spieler!" Der Heilsbringer weiß, dass er zum jetzigen Zeitpunkt kein Heilsbringer sein kann. Schlau. Denn wenn er dann eines Tages das Momentum wieder auf seine Seite ziehen kann, hat es an ihm gelegen – am harten Arbeiter und kreativen Vordenker Klopp.
Erster Länderspiel-Sieg der Griechen gegen Deutschland
Die Griechen, auf Platz 41 der Fifa-Weltrangliste, für die letzten drei Welt- und Europameisterschaften nicht qualifiziert, feierten den ersten Länderspiel-Sieg gegen Deutschland. Ein Erfolg mit einfachen, cleveren Mitteln. Ein tiefer Block, der gewissenhaft und leidenschaftlich verteidigte, nach vorne mit Kontern Akzente setzte. Das reichte gegen diese deutsche, wild zusammengewürfelte Mannschaft mit wenig Erfahrung.
"Insgesamt war es zu statisch, zu wenig kreativ, zu wenig Bewegung", sagte Kapitän Joshua Kimmich über das eigene, zähe Spiel, "uns ist nicht so viel eingefallen, wir hatten Schwierigkeiten gegen den tiefen Block." Dagegen, so Klopp, helfen "feste Abläufe. Die haben wir uns in der Kürze der Zeit nicht so erarbeiten können, wie es notwendig wäre." Letzten Montag fand im DFB-Camp in Herzogenaurach die erste Einheit an, am Donnerstag holte man ein respektables 1:1 in Amsterdam gegen die Niederlande, die erst in der Nachspielzeit ausglichen.
"Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen"
Die Ausgangslage ist mittlerweile eine ganz andere. Was angesichts der vier Weltmeistertitel in den Annalen des DFB wohl die wenigsten wahrhaben wollen, brachte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger, im DFB-Dress 2014 Weltmeister geworden, auf den Punkt: "Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben diese Spieler nicht mehr, die den Unterschied ausmachen." Eine berechtigte Analyse? "Ja, muss man so sagen", begann Kimmich, darauf angesprochen und erläuterte seine Sicht: "Wir sind sehr, sehr früh bei der WM ausgeschieden. Eine Top-Mannschaft zeichnet aus, dass sie vermeintlich schwächere Gegner schlägt und auch die vermeintlichen Top-Teams schlägt. Wichtig ist, dass wir uns wieder dahin entwickeln."
Unter Klopp, dem Forscher, der ein Entwickler werden muss – weil er "kein Zauberer" ist und sein kann, wie Schweinsteiger feststellte. Psychologe Klopp betonte: "Es gibt für mich keinen Grund, in Depressionen zu verfallen. Aber wir sind auch noch nicht dort, wo wir gerne wären." Und zwar? "Wir sind nicht das Bayern München des europäischen Fußballs – wir sind eine Fußballmannschaft, die sich finden muss."
Klopps erster Sieg ist überfällig, nächster Versuch am Donnerstag in München gegen Serbien. Sonst ist die Euphorie im Land futsch. "Wenn sie jetzt weg ist", sagte Klopp, "dann tut's mir echt sehr leid."