"Jetzt wird gef***t": DFB prüft rechtliche Schritte gegen viralen KI-WM-Song
Zu dieser Weltmeisterschaft gehört nicht nur der offizielle Song "Dai Dai" von Shakira und Burna Boy. Daneben kursiert eine Flut von Liedern – und ausgerechnet eines der meistgehörten stammt von einer Sängerin, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. "Jetzt wird gef***t" heißt das Lied, ein einziger Buchstabe trennt es von "gekickt".
Es rückt Nationalspieler wie Nick Woltemade, Lennart Karl und Nico Schlotterbeck in das, was der DFB einen "sehr konkreten sexuellen Kontext" nennt. Nach Informationen der AZ prüft der Verband rechtliche Schritte und zeigt sich "schockiert".
KI-Song von "Margot Huber" ging viral
Gesungen wird der Hit von "Margot Huber": Föhnwelle, Sechzigerjahre-Charme – und ein Geschöpf von Künstlicher Intelligenz. Unter ihrem Namen werden seit 2024 am laufenden Band Schlager produziert, ihre Stimme kommt aus dem Rechner. Auf den Streamingdiensten steht der Zähler im Millionenbereich, dazu kommen unzählige Kopien im Netz.
Vergangenen Donnerstag verschwand die drastische Huber-Urfassung von den großen Plattformen – offiziell im Umlauf ist seither nur noch eine entschärfte Version, hochgeladen von Mallorca-Star Ikke Hüftgold. Vor allem ein junges Publikum hält die alte aber am Leben: Auf Instagram und Tiktok wird mitgesungen, auf Reddit, einem Internetforum, debattiert, warum sie offline ging. Einen satirischen Kern erkennen viele. Aber eben nicht alle.

Doch wer steckt hinter Margot Huber? Die AZ hat den Schöpfer kontaktiert und offen mit ihm gesprochen. Wer er wirklich ist, weiß die AZ, macht die Identität jedoch auf Wunsch der Person nicht öffentlich. Sie stamme aus der Nähe von Braunschweig, sei 46 und arbeite in der Altenpflege, spiele dort älteren Menschen Schlager und Volkslieder vor.
Für den Schöpfer und Teile seiner Zuhörer ist es Satire
Musik mache der Schöpfer, seit er zehn ist, auch in Bands. Mit Margot Huber wolle er der Branche vorführen, dass sich mit KI und überschaubarem Aufwand ein Erfolg landen lasse. Als Vorbild nennt er "The Manual", die ironische Hit-Anleitung der Band The KLF, die Ende der 1980er mit "Doctorin' the Tardis" einen Nummer-eins-Hit landete.
Mit dem eigenen Erfolg fremdelt er. KI-Musik finde er beliebig, anhören mag er sie sich kaum – "höchstens im Auto, um mal den Sound zu checken". Besser als so manches reale Werk, sei seine Musik trotzdem: Zu Helene Fischer gehe er "nicht steil auf der Partymeile", lieber höre er dann Sportfreunde Stiller.
Für den WM-Song – mit Fußball könne er wenig anfangen – habe er die Kaderliste nach Reimen durchforstet: "Nick Woltemade kannte ich." Eine besonders deftige Zeile habe er dann eigentlich gar nicht schreiben wollen – dann tat er es doch. Verärgern wolle er damit niemanden, sagt er. Er sei gesprächsbereit, sollte sich jemand angegriffen fühlen.
Malle-Ikone Ikke Hüftgold schaltet sich ein
Dann mischte sich am Freitag ein bekanntes Gesicht ein. Ikke Hüftgold, bürgerlich Matthias Distel, veröffentlichte eine eigene, entschärfte Fassung – nach Angaben seines Managements "in enger Absprache mit dem Schöpfer von Margot Huber". Er sei "geschockt und fasziniert zugleich" gewesen, lässt der Ballermann-Star ausrichten.
Die Menschheit habe sich "mit KI ein Monster erschaffen, das keine moralischen Grenzen kennt". Den Text habe er so umgebaut, "dass er keine Persönlichkeitsrechte mehr verletzt, sondern von Satire und der Kunstfreiheit gedeckt ist". Margots Erfinder sei "sichtlich erleichtert" gewesen, "da der DFB sehr schnell mit vielen Anwälten antanzt".

Mit umstrittenen Liedern kennt Hüftgold sich aus. 2022 produzierte er den Sommerhit "Layla". Mit dem DFB lag er schon vor der EM 2024 im Clinch, damals ging es um ein Logo, das dem des Verbands ähnelte. Auf neuen Ärger freue er sich, so sein Management, "schon jetzt" – der DFB sei "für seine Doppelmoral in Sachen Alkohol und Glücksspiel ja schon lange bekannt".
DFB zeigt sich schockiert und prüft rechtliche Schritte
Beim DFB sieht man die Sache anders – und äußert sich auf AZ-Anfrage ausdrücklich nur zur ursprünglichen Version, nicht zu jener von Hüftgold. Man sei "schockiert über den Liedtext und die darin enthaltenen Darstellungen unserer Nationalspieler", teilt der Verband mit.
Eine zulässige Satire sei der Song nicht. Er nutze "das Format eines 'WM-Songs' als Vehikel, um Nationalspieler in einen sehr konkreten sexuellen Kontext zu stellen". Die "satirische Verpackung" heile diese Verletzung nicht. Auf die Frage nach einer möglichen strafrechtlichen Dimension lässt sich der Verband "alle Maßnahmen offen". Man wolle die Spieler schützen, "damit sie sich voll auf das laufende Turnier fokussieren können".
Rechtlich ist die Lage kompliziert. Susanne Beck, Professorin für Strafrecht an der Leibniz Universität Hannover, forscht seit Jahren zu Recht und Künstlicher Intelligenz. Die Plattformen hafteten nicht automatisch, müssten allerdings tätig werden, sobald "sie vom beleidigenden Inhalt Kenntnis erlangen", sagt sie. Wo Satire ende und Beleidigung beginne, lasse sich nur im Einzelfall sagen.
Strafrechtlerin spricht von "massiven Sexualisierungen"
Doch eines stellt Beck klar: "Derartige massive Sexualisierungen von einzelnen Personen haben natürlich demütigende und ehrverletzende Wirkung, die jedenfalls aus meiner Sicht niemand hinnehmen muss." Wichtig sei, dass sich "schnelle Löschung und Auskunftsansprüche gegenüber den Plattformen" auch durchsetzen ließen.
Man kann es nüchterner sehen: Wer in der Öffentlichkeit steht, muss Satire aushalten. Doch Satire hat Grenzen – und genau darum dreht sich der Streit. Erfunden ist allein die Sängerin, die Männer, die sie besingt, sind es nicht. Während die Nationalmannschaft um das Weiterkommen spielt, läuft der Song weiter, seine Fans verbreiten ihn im Netz. Ob am Ende ein Rechtsstreit steht oder eine stille Einigung, ist offen.

