"Ich bin der Buhmann": Reservist Rüdiger findet auf DFB-Pressekonferenz klare Worte

Es ist ein geflügeltes Wort: Die Mannschaft hinter der Mannschaft. Womit der gesamte Staff, der Trainerstab, die medizinische und die Medien-Abteilung, plus all die fleißigen Helfer der Nationalelf im Hintergrund gemeint sind. Die eigentliche Mannschaft hinter der Mannschaft ist die zweite Elf, die Bank. Auf die kommt es oft noch mehr an als auf die Stammelf.
Tah und Schlotterbeck bei DFB-Team gesetzt
Bleiben die Enttäuschten im Verlauf der langen Wochen einer WM ruhig, loyal und hilfsbereit? Als Anführer der Ersatzspieler gilt Antonio Rüdiger, der Innenverteidiger von Real Madrid. Der 33-Jährige geht mittlerweile als Edelreservist im DFB-Team durch. Ein Vize-Kapitän mit der Erfahrung von 83 Länderspielen ist ins zweite Glied des WM-Kaders gerutscht, als erster Stellvertreter des gesetzten Innenverteidiger-Duos Jonathan Tah (30) vom FC Bayern und Dortmunds Nico Schlotterbeck (26).
Dass sich Rüdiger mit seiner neuen Situation, die ihm Bundestrainer Julian Nagelsmann bereits im März im Rahmen der individuellen Rollengespräche mitgeteilt hatte, abfinden würde, war Grundvoraussetzung für sein WM-Ticket. Im Herbst seiner Karriere, gerade wurde sein Vertrag bei Real Madrid ("Darauf bin ich stolz, Madrid ist mein Zuhause“) um ein weiteres Jahr bis 2027 verlängert, bekennt sich Rüdiger in der Nationalmannschaft zu seiner Rolle als Ersatzmann, Unterstützer und Mentor für die Jüngeren.
Jeder hat seine Zeit, jetzt ist deren Zeit – es sei den Jungs gegönnt.
Rüdiger freut sich, Teil des DFB-Teams zu sein
"Jeder hat seine Zeit, jetzt ist deren Zeit – es sei den Jungs gegönnt. Ich kann nur unterstützen", sagte er in Winston-Salem. Natürlich gestand Rüdiger, dass es "nicht einfach" sei, auf der Bank zu sein. Wenn man von außen Input geben kann, umso besser. Rüdiger schätzt seine Situation realistisch ein, versteht seine Aufgabe. Er wirkt dabei mit sich im Reinen, fast schon demütig betonte er, dass er versuche, „mit den Leuten Spaß zu haben und gute Vibes zu verbreiten“.
Als Motzki oder Stinkstiefel würden seine Einsatzchancen auf null sinken, das weiß er. "Es freut mich, Teil dieser Mannschaft zu sein", wiederholte Rüdiger, "jeder ist wichtig." Beim 7:1 gegen Curaçao kam er ab der 73. Minute zum Einsatz.Auch Leon Goretzka (31) und David Raum (28) erleben ein ähnliches Fußballer-Schicksal wie Rüdiger. Sie wurden aktuell von der jüngeren Generation abgehängt.

Rüdiger bezeichnet Tah als neuen Abwehrboss
Der 23-jährige Nathaniel Brown hat Raum den Stammplatz auf der linken Abwehrseite weggeschnappt. Der 25-jährige Nmecha verdrängte Goretzka, dessen Vertrag bei Bayern über diesen Juni hinaus nicht verlängert wurde, auf einer der beiden Sechser-Positionen. Mit einem Erfolg am Samstag in Toronto gegen die Elfenbeinküste hätte die Nationalelf bereits das Sechzehntelfinale erreicht. Ein Etappenziel - auch für Rüdiger, Goretzka und Raum. Teamerfolg schlägt Ego.
Dass Rüdiger gegenüber denen, die ihm den Stammplatz weggenommen haben, derartige Lobeshymnen ausschüttete, muss ihm hoch angerechnet werden. "Nico hat einen überragenden Spielaufbau, sein linker Fuß ist Gold", sagte er über Schlotterbeck, "bei Offensiv-Standards ist er immer eine Gefahr." Dessen Nebenmann Tah nannte Rüdiger ganz offen den "neuen Chef" und lobte ihn: "Jona stellt einfach was dar. Allein von der Physis her, das kann schon eklig werden."
Jona stellt einfach was dar. Allein von der Physis her, das kann schon eklig werden.
DFB-Abwehrspieler betitelt sich als Buhmann
Ekelhaft waren zahlreiche der Kommentare, die Rüdiger im Netz seit langem über sich lesen - und ertragen muss. Weil er mit so manchen Ausrastern und Aussagen auch mal übers Ziel hinausschoss, kassiert er Häme und Spott. Gelassen sagte der gebürtige Berliner: "Ich weiß: Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Aber ich respektiere Meinungen, seriöse Kritik ist bei mir immer willkommen." Er weiß: "Mein Name bekommt viele Klicks. Manchmal ist schlechte Presse auch gute Presse."
Aber all der Hass – wie steckt er das weg? "In der Social-Media-Welt bin ich der Buhmann, das ist für mich auch okay", findet Rüdiger, der darauf verwies, dass er in den Stadien für harte Tacklings gefeiert wird. Seine Schlussfolgerung: "Lassen wir Social Media Social Media bleiben - und wir bleiben in der realen Welt." Der Clip dieser Aussage dürfte im Netz ordentlich Reichweite machen.