„Holland wird Kopf stehen“

Hier spricht Jos Luhukay, Trainer des FC Augsburg, über bittere Fußball-Momente für Oranje – und einen verdienten WM-Sieg. Das Finale sieht er nicht daheim in den Niederlanden, sondern in Niederbayern
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Auf dem Weg zum ersten Titel? Die Holländer Snejder (hinten) und Mathijsen freuen sich mit Torschütze van Bronckhorst, der zum 1:0 gegen Uruguay traf.
firo/Augenklick Auf dem Weg zum ersten Titel? Die Holländer Snejder (hinten) und Mathijsen freuen sich mit Torschütze van Bronckhorst, der zum 1:0 gegen Uruguay traf.

Hier spricht Jos Luhukay, Trainer des FC Augsburg, über bittere Fußball-Momente für Oranje – und einen verdienten WM-Sieg. Das Finale sieht er nicht daheim in den Niederlanden, sondern in Niederbayern

Von Florian Kinast

AZ: Herr Luhukay, war ja am Ende doch noch knapp im ersten Halbfinale. Haben Sie beim 3:2 gegen Uruguay sehr um Ihre Holländer gezittert?

JOS LUHUKAY: Es war ein sehr schweres Spiel, ja, am Ende aber haben wir verdient gewonnen. Holland war einfach besser und in der Chancenverwertung effektiver.

Genau das zeichnet ja das Team Oranje 2010 aus. Mehr Effizienz als Attraktivität.

Es ist sicher nicht der Fußball, den man sich erhofft hatte, aber wie oft haben wir es in der Vergangenheit erlebt, dass wir schön spielten und trotzdem keinen Titel holten.

Sehr oft. Zuletzt bei der EM 2008. In der Vorrunde alles an die Wand gespielt, um dann an den Russen zu scheitern.

Eben. Jetzt haben sie endlich den goldenen Mittelweg gefunden. Das ist nicht mehr der Hurra-Fußball, das ist sachlicher, das ist kontrollierte Offensive.

Das klingt jetzt ja schon nach Otto Rehhagel – und das bei Holland. Hilfe!

Ja, aber diese Strategie und Philosophie ist doch einfach unheimlich erfolgreich. Das ist fantastisch, was Bert van Marwijk seit seiner Amtsübernahme nach der EM geleistet hat. Holland ist in 25 Spielen ungeschlagen, bei der WM haben wir sechs Siege gesehen, jetzt stehen wir im Finale, und wenn wir den Titel holen, dann fragt doch niemand mehr, ob wir offensiv oder defensiv gespielt haben.

In Brasilien tun sie das schon. Da haben sie Trainer Carlos Dunga ja auch bei Siegen der Selecao zum Teufel gewünscht, weil er das schöne Spiel einem nüchternen Zweckfußball geopfert hatte.

Das ist in Holland anders. Er wurde von Anfang an akzeptiert. Trainer, Spieler, alle haben ein Ziel, und dem wird alles untergeordnet. Und wenn es nicht geht, schön zu spielen, dann muss man auf das Ergebnis achten. Das ist das moderne Konzept. Und bitte vergessen Sie nicht die individuelle Qualität unserer Spieler. Wenn ein Robben wie gegen Uruguay schon mit dem Kopf trifft, dann muss ja jedem Gegner bange werden.

Robben hat nach dem Spiel noch einmal dem FC Bayern gehuldigt.

Sein Jahr in München war sensationell, überragend. Er kann beim FC Bayern ein Spiel allein entscheiden – und bei der holländischen Nationalmannschaft auch. Spieler seiner Art gibt es kaum welche auf der Welt. Es wäre für ihn die Krönung, wenn er nun auch noch Weltmeister werden würde. Beim dritten Finale hätte es sich Holland auch verdient.

In den Siebzigern lebten Sie noch in jungen Jahren in Holland, welche Erinnerungen haben Sie denn an die beiden verlorenen Endspiele?

Keine guten natürlich. Ich war 11 und 15, schon damals fußballverrückt.

Hatten Sie Johan-Cruyff-Poster bei sich im Kinderzimmer hängen?

Nein, so weit ging das dann doch nicht. Ich habe die Endspiele bei meinen Eltern daheim geschaut. Von den 74er-Mannschaften kann ich Ihnen aus dem Stand noch die Aufstellungen sagen, von den Deutschen und Holländern. Die Holländer um Cruyff hatten auch eine höhere Qualität als die von 1978. Mit dem totalen Fußball von Rinus Michels war Holland das große Vorbild für die Welt, jeder dachte, Holland wird Weltmeister.

Und bei der WM in Argentinien? War doch so knapp, als Rensenbrink bei 1:1 in der 90. Minute nur den Pfosten traf.

Da war es da eher überraschend, dass wir ins Finale kamen. Cruyff hatte kurz zuvor seine Nationalmannschafts-Karriere beendet, die Mannschaft war im Umbruch mit vielen jüngeren Spielern.

Nach 32 Jahren erstmals wieder im Finale: Die Chance ist groß, das alte holländische Trauma zu überwinden.

Ein WM-Titel würde in jedem Land eine enorme Euphorie auslösen, das wäre doch in Uruguay nicht anders. Ich bin mir aber sicher, wenn es wirklich klappt am Sonntag, dann wird Holland Kopf stehen.

Und wo werden Sie das Finale anschauen? Auch auf einer Fanmeile in der Heimat?

Nein, wir fahren am Sonntag von Augsburg aus ins Trainingslager. Da schauen wir abends dann im Hotel.

Wo geht es denn hin ins Trainingsqaurtier?

Nicht so weit weg. Nach Bad Gögging. Ich war da noch nicht, aber mein Assistent hat mir gesagt, dass es da sehr schön sein soll.

Ist es.

Gut. Mir macht das nichts, dass ich nicht in Holland bin. Dann schaue ich eben statt in den Niederlanden in Niederbayern.

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