Günter Koch: Der Club und der Abgrund

Günther Koch kommentierte 1999 den legendären letzten Spieltag. Im AZ-Interview spricht der Nürnberger Aufsichtsrat über die Chancen des Clubs – und warum er immer noch hofft.  
| Frank Hellmann
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Günther Koch kommentierte 1999 den legendären letzten Spieltag. Im AZ-Interview spricht der Nürnberger Aufsichtsrat über die Chancen des Clubs – und warum er immer noch hofft.

Nürnberg Günther Koch kommentierte am letzten Spieltag der Saison 1998/99 von seinem Tisch in der achten Reihe des Frankenstadions in der ARD-Schlusskonferenz ein Abstiegsdrama, das in der Bundesliga-Geschichte einzigartig ist. Am 34. Spieltag wechselten die Absteiger ständig, Eintracht Frankfurt schien zuvor die schlechtesten Karten zu haben, zeitweise war Hansa Rostock abgestiegen, ehe der 1. FC Nürnberg unvorbereitet in die zweite Liga taumelte. Mit dem Club leidet Koch immer noch, obwohl er nicht mehr am Mikrofon, dafür aber im Aufsichtsrat sitzt. Die Reportage mit seinen Kollegen Manfred Breuckmann in Bochum und Dirk Schmitt in Frankfurt ist preisgekrönt.

AZ: Herr Koch, Wie oft werden Sie noch auf ihre Worte aus dem Mai 1999 angesprochen? Die Sätze sind so legendär wie präsent: „Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund.“

GÜNTHER KOCH: Laufend. Als ich einmal den heutigen DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig traf, hat der mir genau vorgebetet, was ich gesagt habe: „Ich pack’ das nicht. Ich halt’ das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen.“ Das hat sich ins Gedächtnis der Leute eingebrannt, die Schlusskonferenz hatte damals einen sehr hohen Stellenwert, und die meisten Hörer erzählen mir auch immer, wo sie gerade gewesen sind.

Sie haben oft gesagt, Sie seien parteiisch in der Stimme und objektiv in der Sprache gewesen.

Beides habe ich in meinem Reporterdasein immer bewusst getrennt. Deshalb bin ich nach dem Abstieg auch ruhig geblieben. Im Auto habe ich angefangen zu heulen, aber erst dann. Ich wohne nicht weit weg, direkt in Langwasser. Meine Frau konnte mich nicht trösten, die war damals in Urlaub gefahren.

Sie haben an diesem Spieltag früh geahnt, dass es für den 1. FC Nürnberg noch schiefgehen könnte.

Ja, ich hatte so ein Bauchgefühl. Am Mittwoch vorher habe ich die Tragik des FC Bayern im Champions-League-Finale aus Barcelona gegen Manchester übertragen und daran muss ich oft denken. Zur Halbzeit – da stand es in Frankfurt noch 1:1 und die Eintracht musste ja vier Tore aufholen – habe ich von dunklen Wolken gesprochen, die nun in Nürnberg aufziehen. Da haben die Kollegen endgültig gedacht: „Der Koch, der spinnt“. Aber dann nahm das Unheil seinen Lauf, immer wieder hat der Kollege Dirk Schmitt ein Tor aus Frankfurt vermeldet. Otto Rehhagel war Trainer in Kaiserslautern, das war alles merkwürdig mit dem FCK, der sich auf einmal abschießen lässt.

Was ist damals aber im Frankenstadion falsch gelaufen?

Der Verein hat das viel zu locker genommen. Und dann haben sie auch noch die Durchsagen der anderen Ergebnisse verbieten lassen, so dass in der Schlussphase niemand Bescheid wusste. Ich mache mir bis heute Vorwürfe deswegen, dass ich die armen Kerle da unten auf dem Platz nicht gewarnt habe. Ich war verkabelt und wusste über mein Headset doch Bescheid – ich hätte einfach alles abkabeln und runterrennen müssen, mich kannte ja jeder und dann wäre ich in den Innenraum gekommen.

Wann wussten Sie um den legendären Status Ihrer Worte?

Am Tag danach hatte mich der Journalist Claus Strunz, der damals noch bei der „Welt“ gearbeitet hat, angerufen. Der Bayerische Rundfunk wollte ihm die Aufzeichnung nicht sofort geben, da habe ich sie ihm am Telefon vorgespielt. Am Montag war alles in der Zeitung.

Wie wäre es denn, wenn sich 15 Jahre später alles umdreht? 1999 schien der Club auch für Außenstehende gerettet, jetzt haben ihn alle abgeschrieben.

Davon träume ich ja; und bis zum vergangenen Samstag habe ich auch fest daran geglaubt. Es wäre die Quintessenz aus meinen ganzen Erfahrungen im Abstiegskampf, dass noch etwas Verrücktes passiert. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jetzt wieder alle drei Vereine da unten verlieren. Irgendetwas Unerwartetes passiert. Ich bin übrigens sicher, dass Braunschweig in Hoffenheim gewinnt, vor der Eintracht ziehe ich sämtliche Hüte. Den Hamburgern traue ich in Mainz nicht so viel zu.

In Nürnberg scheint die Stimmung im Keller. Sie sind stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat: Ist die Kritik an Sportvorstand Martin Bader eigentlich gerechtfertigt?

Ich führe auch das Protokoll in diesem Gremium. Und glauben Sie mir: Ich bin ein kritischer Geist. Aber was mit Martin Bader passiert, ist mir zu billig. Er ist ein akribisch arbeitender, kompetenter Mann, der alles für den Club tut – es ist nicht gerecht, ihn zum Sündenbock zu stempeln. Über alles andere muss man sich später unterhalten.

Was erwarten Sie von Ihrem Verein?

Dass Trainer Roger Prinzen vielleicht einige von den jungen Spielern aufstellt. So wie Heinz Höher das 1984 nach der Spielerrevolte gemacht hat. Wenn der Club untergeht, dann wenigstens mit fliegenden Fahnen. Vor dem Spiel auf Schalke sind wir, so würde ich es ausdrücken: „04 Zentimeter“ vor dem Abgrund.

Wo verfolgen Sie das Abstiegsfinale 2014?

Eigentlich wollte ich erst ein Hörspiel machen. Dann habe ich überlegt, ob ich nach Schalke fahre. Aber will ich das meinen Nerven antun?

Sie könnten ja noch mal kommentieren!

Das würde mich wirklich reizen. Ganz aus der Übung bin ich ja noch nicht. Für das Fußballradio „90elf.de“, das es ja leider nicht mehr gibt, habe ich fünf Jahre gearbeitet. Meine Stimme hat nicht gelitten. Aber nur wenn mir einer garantiert, dass es diesmal für den Club – anders als 1999 – gut ausgeht (lacht).

 

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