Kritik

Grazie mille! Ein Sommer in Italien: Eine Reise in die unbekümmerte Vergangenheit

Am Montagabend feierte die Dokumentation "Ein Sommer in Italien" in München Premiere. Die persönliche Filmkritik der AZ-Reporter Patrick Strasser und Kilian Kreitmair.
von  Patrick Strasser, Kilian Kreitmair
Legendär! Die Weltmeister von 1990 auf der Premiere von "Ein Sommer in Italien".
Legendär! Die Weltmeister von 1990 auf der Premiere von "Ein Sommer in Italien". © IMAGO

Grazie mille! Und nur nicht schluchzen!

Ich geb’s zu, mich hat’s erwischt, total gepackt. Feuchte Augen während des gesamten Films. Erhöhter Puls. Die Premiere von "Ein Sommer in Italien – WM 1990", der Dokumentation über den Titelgewinn der deutschen Fußballnationalmannschaft vor 36 Jahren, war für mich eine ganz harte Prüfung in Sachen Selbstkontrolle.

"Notti Magiche" war damals die Turnier-Hymne 

Denn: Es reicht bereits, wenn ich dieses erste, nur ein paar Sekunden lange Riff von "Notti Magiche", der damaligen Turnier-Hymne von Gianna Nannini höre, dem Sound der 90er WM. Ta-ta-ta-taaaaa! Schon ist es um mich geschehen. Ich bekomme einen Ganzkörperanzug aus Gänsehaut. Ta-ta-ta-taaaa!

Unruhig rutschte ich am Montagabend auf meinem Sessel, viel breiter und bequemer als in der Holzklasse im Flieger, umher. Nur nicht schluchzen, ermahnte ich mich innerlich. Nur nicht abheben. Von Anfang an dieser großartigen Doku ging ich auf eine Zeitreise, bin geflogen. Grazie mille für dieses Ticket in meine eigene Jugend. Ich bin 1975 geboren, war 15, als Matthäus, Klinsmann, Völler & Co. den Goldpokal gewannen. Deren Tore im Turnier sehe ich heute noch vor meinem inneren Auge fallen.

Machte Deutschland 1990 zum Weltmeister: Andreas Brehme.
Machte Deutschland 1990 zum Weltmeister: Andreas Brehme. © IMAGO

Maier filmte die Kabinenparty von Rom

Damals habe ich sämtliche sieben WM-Spiele der DFB-Elf auf VHS aufgezeichnet, die Kassetten liegen irgendwo im Keller. In der Doku sieht man Spiel-Szenen mit dem Original-Kommentar. Von Heribert, ("Guten Abend allerseits") Faßbender, Dieter Kürten oder Gerd Rubenbauer, der den verwandelten Brehme-Elfer im Duett mit Experte Kalle Rummenigge mit einem simplen "Jaaaaaaaaa!" begleitete. Einfach schön.

Die Bilder von damals, diese teils verwackelten, krisseligen Privataufnahmen meiner damaligen Helden in pinker Ballonseide mit ihren Vokuhilas, weckten in mir zahllose Erinnerungen. An meinen Onkel Michael, der mit einem Gläschen in der Hand, bei Familienfesten genauso fröhlich-unbeholfen in die Videokamera grüßte wie damals Bundeskanzler Helmut Kohl während der Kabinenparty von Rom nach dem Titelgewinn – aufgenommen von Sepp Maier, dem Hobbyfilmer und Torwarttrainer.

Zurück in die Zeit der Röhrenfernseher und viel zu engen Sporthosen

An die zu kurzen, viel zu engen Sporthosen, die man damals trug. An den Röhren-Fernseher bei uns zu Hause, ohne Fernbedienung. An meine eigenen, bescheidenen Fußballkünste auf dem Bolzplatz. An meine Teenagerzeit, in der ich 1990 dank Rudi, Andy, Lothar & Jürgen noch mal ein ganz kleiner Junge mit großen Träumen sein durfte. Ich muss nochmal ins Kino, meinem Sohn diese Dokumentation zeigen. Ihm wird die Reise in eine Welt ohne Handys, ohne Internet sehr, sehr weit vorkommen.

von Patrick Strasser 

Auf Zeitreise: Die WM-Helden von 1990 auf der Premiere von "Ein Sommer in Italien".
Auf Zeitreise: Die WM-Helden von 1990 auf der Premiere von "Ein Sommer in Italien". © Kilian Kreitmair

Eine Reise in eine unbekümmerte Welt

Gänsehaut am ganzen Rücken. Und das, obwohl ich den Moment nicht selbst im Stadion oder vor dem Fernseher erlebt habe. Wie auch? Im Sommer 1990 war ich minus elf Jahre alt. Ich kenne den Elfmeter von Andy Brehme nur aus Highlightclips und Erzählungen meiner Eltern. Trotzdem: Der Schuss zum dritten Stern, zum WM-Titel von Rom löst etwas in mir aus. Es fühlt sich an, als wäre ich an jener Sommernacht dabei gewesen, als hätte ich damals mitgefiebert. Die Aufnahmen zuvor hatten mich so in diese Zeit gebeamt, dass ich kurz vergessen hatte, dass ich damals noch nicht geboren war.

Mir wurde klar, warum mein Vater auf dem Boltzplatz immer Lothar Matthäus sein wollte und warum meine Mutter damals ein riesiger Klinsmann-Fan war. Es waren Charaktere, die beeindruckten. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Spieler, die in den gemeinsamen Wochen, diesem Sommer in Italien, von Mitspielern zu Freunden wurden. Weil sie Trainer und Kaiser Franz Beckenbauer machen ließ. Vor allem aber, weil es die damalige Zeit erlaubte. Das zeigt der Film an verschiedenen Stellen. Für mich ist es wie eine Reise in eine unbekümmerte Welt.

DFB Team während der WM 1990 im Mannschaftsquartier in Erba bei Como: Torwart Raimond Aumann, Frank Mill, Co-Trainer Holger Osieck und Hansi Pflügler.
DFB Team während der WM 1990 im Mannschaftsquartier in Erba bei Como: Torwart Raimond Aumann, Frank Mill, Co-Trainer Holger Osieck und Hansi Pflügler. © IMAGO

Zurück in eine Zeit ohne Smartphone

Matthäus, so erzählen seine Mitspieler, düste an trainingsfreien Tagen ungestört mit dem Boot über den Comer See. Eine Crew um Torwart Bodo Ilgner schnappte sich von Fans drei klapprige, aber frisierte Mofas und unternahm eine Spritztour durch Como, wo das DFB-Team seine Unterkunft hatte. Selbst ein von Rudi Völler eigens verlängerter Aufenthalt in Rom, wo er zuvor mit Matthäus vergeblich Einspruch gegen seinen Platzverweis aus dem Achtelfinale gegen die Niederlande (2:1) einlegte, blieb ohne Skandal.

Und das, obwohl sich beide dort in einem Restaurant zwei, drei (!) Flaschen Wein genehmigten. Heutzutage völlig unmöglich. In den sozialen Medien würden die Videos davon viral gehen. Doch gefilmt wurde damals ja kaum. Man hatte kein Smartphone. Noch nicht mal eine Videokamera hatte jeder. Ilgner war einer der wenigen Nationalspieler, der damals Videos von seinem unaufgeräumten Hotelzimmer drehen konnte oder die Teamkollegen am Pool filmte, wie sie Zeitung (!) lesen.

Littbarski legte damals Schlager-Schallplatten auf 

Team-DJ Pierre Littbarski legte noch Schlager-Schallplatten für die gute Stimmung auf. Dazu die Frisuren und Outfits. Völler mit seiner blonden Lockenmähne, Matthäus und Klinsmann mit gewagten Outfits (knallbunte Krawatte oder Kappe). Da wird man schon ein bisserl neidisch, dass man diese Zeit nicht selbst erlebt hat. Gleichzeitig versteh ich jetzt, warum die Weltmeister von Rom die Helden meiner Eltern waren.

von Kilian Kreitmair

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