"Fußball ist manchmal ein Drecksgeschäft"

Hier erzählt Ansgar Brinkmann, einer der letzten schrägen Typen im Profi-Fußball, über seine wilde Jugend – und seine Zweifel an Jupp Heynckes. Am Mittwoch liest er im „Stadion” aus seiner Autobiografi.
| Thomas Becker
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Bei der Aufstiegsfeier mit Arminia Bielefeld 2002 gönnt sich Ansgar Brinkmann eine Zigarre. Am Mittwochabend liest "der weiße Brasilianer" aus seiner gleichnamigen Biographie im "Stadion an der Schleiheimer Straße".
firo/Augenklick Bei der Aufstiegsfeier mit Arminia Bielefeld 2002 gönnt sich Ansgar Brinkmann eine Zigarre. Am Mittwochabend liest "der weiße Brasilianer" aus seiner gleichnamigen Biographie im "Stadion an der Schleiheimer Straße".

Hier erzählt Ansgar Brinkmann, einer der letzten schrägen Typen im Profi-Fußball, über seine wilde Jugend – und seine Zweifel an Jupp Heynckes. Am Mittwochabend ist er Gast in der Sky-Sendung "Mein Stadion" im „Stadion an der Schließheimer Straße”, danach liest er dort aus seiner Autobiografie.

AZ: Großartige Fußballspiele, aber auch immer wieder irre Geschichten von wilden Nächten, traurigen Pleiten und Gerichtsterminen: Herr Brinkmann, passen Ihre letzten 40 Jahre überhaupt zwischen zwei Buchdeckel?
ANSGAR BRINKMANN: Du kannst mit so einem Buch ja in 18, 19 oder 20 verschiedene Richtungen gehen. Du musst so viel weglassen. So ein Buch wird meinem Fußballerleben sicher nicht gerecht.

Wie kam es zustande?
Gefragt worden bin ich witzigerweise schon vor gut zehn Jahren. Da hab’ ich gesagt: „Leute, ich spiel’ noch! Fragt mich, wenn ich mit Fußball fertig bin.” Mit 37 hab’ ich aufgehört und irgendwann gesagt: Okay, machen wir.

Scheint so, als würden Sie sich jetzt viel mehr Gedanken machen als früher. Sie galten als unbelehrbar...
Als Spieler siehst du ja kaum über den Tellerrand. Die letzten vier, fünf Jahre waren sehr lehrreich für mich, weil man einen anderen Blick bekommt und erkennt, dass Fußball manchmal auch ein Drecksgeschäft ist. Als Fußballer siehst du das nicht so. Du trainierst, bist fit, hast relativ viel Zeit – ist schon angenehm.

Sie arbeiten nun als Scout für die Agentur „Colours of soccer”. Bleiben Sie im Fußball?
Es macht mir halt Spaß. Ich habe jetzt die B- und A-Lizenz erworben und will nach dem Praktikumsjahr dann 2012 den Fußballlehrer machen.

Gab's auch mal Ideen, etwas anderes zu machen?
Ist schief gegangen. Ich habe Leuten vertraut, war ein bisschen naiv, nicht so geschäftstüchtig und musste Lehrgeld zahlen. Aber ich habe keinem was weggenommen. Jetzt mache ich das, was ich kann: Fußball.

Die ersten Seiten Ihres Buchs zeichnen das Bild einer heftigen Jugend: Mit elf schliefen Sie als jüngstes von sieben Geschwistern noch am Fußende im Bett der Eltern und litten unter dem wilden Leben Ihrer älteren Brüder.
Die 70er waren schon etwas wilder, rebellischer – und das hab’ ich mitbekommen. Jedes 1000-Einwohner-Dorf hatte sechs, sieben, acht Kneipen, es wurde viel getrunken und geraucht. Das war schon unkontrollierter als heute.

Und die wilden Brüder?
Zum Kindergeburtstag wurde halt nie einer von uns eingeladen. Aber meine Brüder haben heute brav Familie. Auch ich bin ja jetzt in Osnabrück sesshaft geworden.

Und das nach einer beispiellosen Odyssee mit 15 Vereinen in 20 Profi-Jahren. Im Buch beschreiben Sie unter anderem auch Ihr inniges Verhältnis zu Jürgen Klopp, mit dem Sie in Mainz gespielt haben.
Den hast du im Training als Erstes gewählt, weil du ihn nicht gegen dich haben wolltest. Bei dem kamen ja die Adern raus! Der war schon als Spieler ein Highlight – weil er authentisch war, sich mehr Gedanken gemacht hat, neugierig ist und Türen aufmacht.

Unter dem Trainer Klopp hätten Sie wohl gerne gespielt.

Wer würde das nicht? Als ich in Frankfurt spielte, kam er mich besuchen und gratulierte mir, dass alles so gut läuft: „Mensch Ansgar, dich kennt ja jeder in der Stadt. Ich wohne auch hier, aber mich kennt kein Mensch.” Ein vollkommen neidloser Mensch, der Kloppo. Zwei Jahre später hab’ ich ihn angerufen: „Heute stehst du mit Pele und Beckenbauer im Fernsehen und machst die Nationalmannschaft.” Dann lachen wir.

Wie wäre das mit Ihnen und Louis van Gaal ausgegangen?
Ich mag den van Gaal. Wenn du Leistung bringst und individuell stark bist, toleriert und fördert er das. Aber wenn du solche Persönlichkeiten wie Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer und Breitner hast, dann muss auch ein van Gaal mal sagen: „Leute, ihr habt auch schon mal was gewonnen. Lasst uns doch mal reden. Was meint ihr denn?” So stelle ich mir einen Bayern-Trainer vor. Aber das mit Heynckes verstehe ich gar nicht.

Warum das denn?
Heynckes und Hoeneß kennen sich seit 32 Jahren, sind befreundet, gehen essen, stimmen sich ab, alles ist gut, es gibt kein Kontra mehr – aber bringt das Bayern weiter? Die neue Generation von Spielern? Kann ich mir nicht vorstellen.

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