"Können nicht zur Tagesordnung übergehen": DFB-Präsident äußert sich – Nagelsmann vor dem Aus?

Am Dienstag hieß es: Packen und Abreise. Der DFB-Tross verließ das WM-Quartier in Winston-Salem und flog nach Deutschland zurück. Eine Abschluss-Pressekonferenz gab es nicht. Bye, bye, USA! Und bald tschüss, Julian? War es das mit einem Bundestrainer Nagelsmann?
Die Spieler wie Kapitän Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger, Jonathan Tah und selbst der selten eingesetzte Ergänzungsspieler Nadiem Amiri akzeptierten die so bittere wie erschreckende Niederlage im Elfmeterschießen gegen Paraguay, sprachen dem Gegner ihre Anerkennung mit überlegten, klaren und selbstkritischen Worten aus. Noch wichtiger: Sie hinterfragten ihre eigene Leistung.
Trauriges Triple für das DFB-Team
Anders Nagelsmann. Selbst auf der Pressekonferenz, die meist rund eine Stunde nach Abpfiff – also dann, wenn die Emotionen etwas abgekühlt sein sollten – stattfindet, konnte er sich nach der spielerischen Analyse des Super-GAUs ("Es war zu wenig. Unser Spielvortrag war super langsam. Wir haben für die Pässe zu lange gebraucht. Nach dem Gegentor waren wir verunsichert") nicht zurückhalten und sagte über die Szene, in der ein Kopfballtreffer von Jonathan Tah beim Stand von 1:1 in der Verlängerung nach VAR-Überprüfung wegen eines (angeblichen) Stürmerfouls von Waldemar Anton am Torwart Paraguays einkassiert wurde: "Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das zweite Tor ein reguläres Tor war. Ein Vollwitz, dass das abgepfiffen wird." Zuvor hatte er im Fernsehen anhand der TV-Bilder gewütete: "Das ist ein Skandal, dass er das zurückpfeift. Es ist ein Vollskandal." Vollwitz. Vollskandal. So Nagelsmanns Worte. Doch für die Vollblamage ist er verantwortlich.
Wie beim Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland und 2022 in Katar verpasste die deutsche Nationalmannschaft beim XXL-Turnier mit erstmals 48 Mannschaften in Nordamerika zum dritten Mal nacheinander die Runde der besten 16 Teams. Ein ganz trauriges Triple.
Nagelsmann schloss einen sofortigen Rücktritt aus
Auf die Auswirkungen dieser Pleite in der Pressekonferenz angesprochen, holte Nagelsmann aus, sagte ausweichend, weil auf die Zeit vor seiner Zeit verweisend: "Wir haben seit zwölf Jahren gar nichts gerissen. Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball. Es wäre vermessen zu sagen, wir gehören noch zur Weltspitze. Das tun wir nicht. Wir sind gebrandmarkt von den Turnieren zuvor und haben nicht vor Selbstvertrauen gestrotzt."
Einen sofortigen Rücktritt schloss Nagelsmann noch im Stadion von Foxborough aus. "Ich möchte weitermachen, stehe bereit", sagte er bei MagentaTV und erklärte: "Aber im Fußball hat man nicht alles selber in der Hand. Wenn sie das nicht möchten, müssen sie es mir sagen." Später auf der Pressekonferenz fielen ähnliche Worte: "Ich bin keiner, der wegläuft. Ich stehe bereit, wenn der DFB das möchte." Um dann, wie so oft in einem schnippisch-beleidigt-ironischen Unterton hinzuzufügen: "Auch wenn sich vielleicht nicht so viele darüber freuen würden, wenn ich weitermache."
Völler verteidigt Nagelsmann: "Ein absoluter Toptrainer"
Nagelsmann fügte wissend hinzu: "Ich kenne die Mechanismen des Fußballs." Klingt danach, dass er weiß, was auf ihn zukommt. "Die drei Herren (Präsident Bernd Neuendorf, Sportdirektor Rudi Völler und DFB-Geschäftsführer Sport Andreas Rettig, d.Red.) haben aber Charakter und werden nicht zwischen Tür und Angel entscheiden", sagte Nagelsmann vorauseilend. Doch die Welle der Entrüstung und die Wucht der Kritik dürften ihn zeitnah aus dem Amt spülen.
Auch wenn Völler, Nagelsmanns Schutzschild, am Abend wie zu erwarten betonte: "Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Julian wahrscheinlich der Richtige ist, aber ich bin nicht der DFB alleine." Laut Gute-Laune-Onkel Völler, sei Nagelsmann "ein absoluter Toptrainer" und "die richtige Person am richtigen Ort". Bis zur unvermeidlichen Entlassung.
Dass es dazu kommen könnte, ließ auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Tag nach dem Peinlich-Aus durchblicken. "n den kommenden Tagen werden wir gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist", sagte Neuendorf in einem Statement: "Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen darüber sprechen, was die Gründe waren für dieses erneute frühe Ausscheiden bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, das uns alle zutiefst bewegt."
Folgt auf Nagelsmann der von vielen Fans als neuer Wunsch-Bundestrainer genannte Jürgen Klopp? "Ich verstehe, dass mein Name genannt wird, aber das ist nicht der Moment, darüber zu sprechen - und vor allem nicht mit mir", betonte der frühere Dortmund- und Liverpool-Coach bei MagentaTV. Klopp, seit langem der Schattenbundestrainer und nun der auserkorene Heilsbringer, sagte: "Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern. Da können wir bei der U10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt." Klingt nach: Packen wir’s an.