"Deutschland - Ukraine: Traumfinale"

Wenn das DFB-Team auf den EM-Gastgeber trifft, sitzt Vitali Klitschko in Kiew auf der Tribüne. Hier spricht er zuvor über die Euro 2012 und seine Rolle als Politiker.
| Matthias Kerber
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Wenn das DFB-Team heute auf den EM-Gastgeber trifft, sitzt Vitali Klitschko in Kiew auf der Tribüne. Hier spricht er zuvor über die Euro 2012, seine Rolle als Politiker – und auch ein bisschen übers Boxen

AZ: Herr Klitschko, am Freitag empfängt Ihr Heimatland Ukraine Ihre Wahlheimat Deutschland, für wen schlägt an dem Abend Ihr Boxerherz?

VITALI KLITSCHKO: Matthias, wir kennen uns schon lange, und Sie wissen deshalb, dass das eine gemeine Frage ist. Sie würden meine Mutter doch auch nicht fragen, welchen Sohn sie lieber mag. Aber Spaß beiseite, es ist ein ganz schweres Spiel für mich emotional gesehen. Andererseits kann ich nur gewinnen, denn egal, wer als Sieger das Feld verlassen wird, ich kann mich mit ihm freuen. Ich werde trotz allem zur Ukraine halten. Ich bin aber so realistisch zu sagen, dass die Ukraine kaum eine Chance haben wird. Deutschland hat eine der stärksten Mannschaften der Welt, sie spielen tollen Fußball. Ich werde ziemlich sicher selber im Stadion sitzen. Und mich an einem tollen Fußballabend ergötzen. Aber eins möcht ich noch sagen: Ich habe einen großen Traum.

Den hatten schon andere berühmte Männer ...

Ja, aber mein Traum ist viel profaner, mein Traum ist, dass in einem knappen Jahr die gleichen Mannschaften, die jetzt gegeneinander spielen, das Finale bestreiten werden: die Ukraine und Deutschland, das wäre wirklich wunderbar.


Sie haben sehr hart dafür gekämpft, dass die Ukraine Ausrichter für die EM 2012 wird, sind Mitglied des EM-Organisationskomitees. Wie wichtig ist dieses Spiel als Testlauf für die Europameisterschaft?


Sehr wichtig, wir wollen der Welt zeigen, dass wir bereit sind für die EM. Es gibt ja jetzt auch keine Diskussionen mehr darüber, dass die Ukraine nicht rechtzeitig mit dem Stadionbau und der Infrastruktur fertig werden würde. Wir wollen jetzt schon zeigen, dass 2012 bei uns ein Fußballfest stattfinden wird. Ich habe selber die tolle Stimmung bei der WM in Deutschland im Jahre 2006 erlebt. Das war ein Volksfest, ein Fest der Menschen. Deutschland hat gezeigt, wie offen, tolerant, freundlich und unbekümmert das Land sein kann und ist.

Wie sieht es um Ihre fußballerischen Fähigkeiten aus?


Nun, als Kind habe ich sehr viel gespielt, das hat mir auch Spaß gemacht, aber seit meinem Kreuzbandriss vor zehn Jahren habe ich damit aufgehört, weil ich meine Karriere als Boxer nicht gefährden will.

Und Ihr Sohn Igor-Daniel?


Er mag Fußball, er bolzt gerne rum, aber noch mehr mag er Tennis und Tai-Chi.


Kürzlich gab es Gerüchte, Sie würden mit Boxen aufhören.


Da ist nichts dran. Es werden so viele Lügen verbreitet. Ich plane bereits meine nächsten Kämpfe für dieses Jahr.


Auch den Kampf der Riesen? Sie gegen den russischen Hünen Nikolai Valuev...


Ich kann nur so viel sagen: Es liegt an ihm. Ich würde den Kampf wollen, ich habe mir Termine freigehalten. Ich denke, das ist ein Kampf, den die Boxwelt sehen will, ein Kampf, den ich sehen will.


Sie trafen sich in dieser Woche mit Außenminister Guido Westerwelle, da ging es sicher auch um die politische Entwicklung in der Ukraine.


Ja, denn es herrscht Besorgnis über den Weg, den die Ukraine eingeschlagen hat, auch bei mir. Ich habe Herrn Westerwelle aus meiner Sicht erzählt, was alles in der Ukraine vor sich geht. Er ist ja bestens informiert, aber ich habe einen anderen Blickwinkel, ich erlebe das alles von innen, beobachte es nicht nur von außen. Wir stimmen überein, dass die EU eine Ukraine braucht, die wirtschaftlich und politisch stabil ist. Leider ist sie das im Moment nicht.


Sie warnten vor ein paar Monaten davor, dass die Ukraine auf dem Weg zu einer Diktatur sei...


Meine Worte haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Wenn die Machthaber und die Opposition nicht miteinander reden, wenn die Opposition im Knast landet, dann ist ein Land auf dem Weg zum Totalitarismus. Dem müssen wir alle entgegensteuern.


Der Prozess gegen Julia Timoschenko, eine der Ikonen der Orangenen Revolution, der Demokratiebewegung in der Ukraine, hat die westliche Welt erschüttert, die ehemalige Ministerpräsidentin wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.


Jeder weiß, dass die Motivation hinter dem Prozess und diesem Urteil nur politisch ist. Die Politik hat eine Verantwortung, sie muss für die Menschen agieren, sie darf nie in die Hände von Kriminellen fallen. Leider gibt es bei uns zu viele korrupte Menschen, die ihr eigenes Wohl vor das Allgemeinwohl stellen.


Beispiele bitte.


Gerne. Während sich die gesamte Welt in der schwersten Wirtschaftskrise seit vielen Jahrzehnten befindet, hat sich die Zahl der Milliardäre in der Ukraine vervielfacht. Wie kann das mit legalen Mitteln zugehen? Viele Beamte, die eigentlich ein überschaubares Gehalt erhalten, fahren die größten Luxusautos. Korruption, das ist unser allergrößtes Problem. Politik, das ist in der Ukraine längst zu einem Schimpfwort geworden.

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