Dänemarks überragende EM-Reise - Ärger über Schiri-Pfiff

So will niemand aus dem Turnier ausscheiden. Dänemark liefert auch in Wembley ein großes Spiel - und verliert durch einen zweifelhaften Elfmeter. Die Stimmung schwankt zwischen Stolz und Enttäuschung.
| Von Jan Mies, Nils Bastek, Miriam Schmidt und Steffen Trumpf, dpa
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
1 Kommentar Artikel empfehlen
Dänemark-Torhüter Kasper Schmeichel (M) wird von Tochter Isabella zurück auf heimischen Boden begleitet.
Dänemark-Torhüter Kasper Schmeichel (M) wird von Tochter Isabella zurück auf heimischen Boden begleitet. © Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix/AP/dpa
London

Mehrere Minuten lang standen die tief enttäuschten Dänen mit leeren Blicken vor ihren Fans. Das bittere Ende ihrer wundersamen Reise durch diese Fußball-EM - nach fast vier emotionalen Wochen taten sich die tapferen Profis schwer, ihre Gefühle einzuordnen.

Trainer Kasper Hjulmand wechselte spät am Abend mit ruhiger, nachdenklicher Stimme zwischen der Gratulation an die englischen Gewinner, seinen Gedanken an das Drama um Starspieler Christian Eriksen und der Empörung über die spielentscheidende Szene.

"Wir sind sehr enttäuscht, es ist hart für mich, darüber zu sprechen", sagte der 49-Jährige nach dem 1:2 nach Verlängerung im Wembley-Stadion und meinte den Elfmeter-Pfiff von Schiedsrichter Danny Makkelie. Dann aber seien da die anderen Dinge. "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich unseren Stab bewundere. Wir haben dort Menschen, die das Leben eines unserer besten Spieler gerettet haben", sagte Hjulmand. "Unsere Zukunft ist voller Hoffnung und Glaube."

Von riesigem Mitgefühl getragen

Bis ins Halbfinale - mit ein paar Tagen Abstand werden die Dänen ihre Leistung bei diesem Turnier begreifen, die weit über die EM-Spiele hinausging. Im ersten Gruppenspiel am 12. Juni, vor Tausenden Fans in Kopenhagen, war Eriksen auf dem Rasen kollabiert und hatte wiederbelebt werden müssen. Er überlebte, und Dänemark spielte sich in den folgenden Tagen frei von diesem Schock, getragen von riesigem Mitgefühl.

"Wir brauchten die Unterstützung, als das mit Christian passiert ist", sagte Hjulmand. "Diese Jungs sind außergewöhnlich, die ganze Nation kann stolz sein." In Kopenhagen, beim Public Viewing vor den großen Videoleinwänden, weinten am Mittwochabend Hunderte Fans, als das Aus in London feststand. Der Finaleinzug wäre der zweite nach dem Sensationstitel bei der EM 1992 gewesen.

"Das hier ist eine fantastische Reise gewesen. Natürlich sind wir unglaublich traurig, dass wir jetzt fertig sind, aber so ist das", sagte Kapitän Simon Kjaer beim Rundfunksender DR. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff war der 32-Jährige kaum zu trösten gewesen, als einer der letzten Spieler machte er sich auf den weiten Weg auf die andere Seite des Platzes zu den Fans. Sein Eigentor in der 39. Minute hatte England zurück ins Spiel gebracht, nachdem Mikkel Damsgaard (30.) die Dänen mit der Führung hatte träumen lassen.

Elfmeter-Pfiff verärgert Hjulmand

Der höchst umstrittene Elfmeterpfiff entschied das Spiel. Raheem Sterling war in der ersten Hälfte der Verlängerung im Strafraum zu Fall gekommen. Makkelie sah dabei ein Foul von Joakim Maehle, Harry Kane verwandelte im Nachschuss (104.). "Dass es so entschieden wird - ich habe die internationale Presse gelesen - es war ein Elfmeter, den es nicht hätte geben sollen, das macht mich ärgerlich", sagte Hjulmand über das Ende, das nicht recht passte zur dänischen EM-Reise.

Im Stadion hatten der dänische Kronprinz Frederik, seine Frau Kronprinzessin Mary und ihr ältester Sohn Prinz Christian mitgefiebert. Der 15-jährige Prinz trug dabei unter seinem Sakko ein Nationaltrikot mit der Nummer 10 - der Rückennummer Eriksens. "Danke an unsere Nationalmannschaft für eine fantastische EM", teilte das Königshaus auf Instagram mit. "Auch wenn das Fest jetzt (für dieses Mal) vorbei ist, sind wir alle stolz auf die fantastische Leistung, von der wir Zeuge geworden sind. Danke, dass ihr mit dem Herz gekämpft und alles gegeben habt, was ihr hattet."

Dänen blicken nach vorn

Ob Pierre-Emile Höjbjerg, Kjaer oder BVB-Profi Thomas Delaney, der im Interview am Spielfeldrand den Tränen nah war. Bei den dänischen Spielern schwankte die Gefühlslage irgendwo zwischen Stolz und Enttäuschung. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich solch ein Erlebnis im Fußball haben würde. Wir sind einfach zusammengerückt", sagte Delaney. Martin Braithwaite sagte: "Das müssen wir erst einmal verdauen, aber dann greifen wir wieder an."

Auch Hjulmand blickte noch im Wembley-Stadion voraus. In der WM-Qualifikation führt sein Team die Gruppe F mit drei Siegen aus drei Spielen an, die Mischung aus erfahrenen Spielern (unter anderem Kjaer, Torwart Kasper Schmeichel, Delaney, Braithwaite) und hungrigen Profis (Damsgaard, Kasper Dolberg, Maehle) stimmt. "Ich denke, dass große Dinge vor diesem Team liegen", sagte Hjulmand. "Ich denke, wir können das noch einmal schaffen. Ich habe das Gefühl, dass wir noch besser werden."

© dpa-infocom, dpa:210708-99-306821/2

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 1  Kommentar – mitdiskutieren Artikel empfehlen
1 Kommentar
Artikel kommentieren