Costa Cordalis über Rehhagel: "Er war unser Zeus"

Sänger Costa Cordalis erklärt Rehhagels Magie – und wie die EM Griechenland und Europa helfen kann. Das EM-Gespräch (4)
| Matthias Kerber
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Costa Cordalis - Schlagersänger und ehemaliger Dschungelkönig.
Stefan Menne, dpa Costa Cordalis - Schlagersänger und ehemaliger Dschungelkönig.

Sänger Costa Cordalis erklärt Rehhagels Magie – und wie die EM Griechenland und Europa helfen kann. Das EM-Gespräch (4)

AZ: Herr Cordalis, lassen Sie uns mal über die Euro reden! Und was Sie als Grieche sehr freuen wird: Es geht uns nicht um die Währung, sondern die Fußball-EM.

COSTA CORDALIS: Ich denke, man sollte die Themen gar nicht zwanghaft trennen, denn es geht in beiden Fällen ja um Europa. Griechenland ist nun mal die Wiege der Kultur Europas, es wäre traurig und dramatisch, wenn diese Geburtsstätte unserer gemeinsamen Kultur der Bannstrahl treffen würde und man aus der Gemeinschaftswährung raus müsste. Seit man von so etwas wie Europa sprechen kann, gab es etwa 3400 verschiedene Währungen. Ich hoffe, dass diese Währung bestehen bleibt und dass Griechenland ein Teil davon bleibt. Der Friede ist ein Produkt des Zusammenwachsens Europas. Ich hatte zwar schon damals meine Bedenken, als Griechenland dem Euro beigetreten ist, aber damals wollte keiner die Zweifler hören. Alle wollten ihr deutsches Auto fahren und ein Teil von Euro sein. Die Euphorie war enorm. Diejenigen, die das Menetekel an der Wand gesehen haben, waren die absolute Minderheit.

Da spricht ein Mann, der Philosophie studiert hat.

Philosophie öffnet die Augen und das Herz, so kann man manchmal Wege erkennen, die den puren Sinnen verborgen sind.

Einer Ihrer ersten musikalischen Erfolge hieß „Tränen in den Augen”. Das passt sehr gut auf die momentane Situation Griechenlands zu.

Ja, die Lage ist schwierig. Aber man muss hier ganz klar differenzieren. Wirklich leiden tun die, die immer chaotisch gelebt haben, die nicht sparen wollten, die Spinner. Der Rest der Griechen ist friedlich und meckert auch nicht. Protestieren tun nur die, die nie ein geregeltes Leben geführt haben. Ja, meiner Mutter wurde die Rente um die Hälfte gekürzt, ja, meiner Nichte, die Lehrerin ist, wurde das Gehalt halbiert, ja, man sieht Kinder aus ganz normalen Familien, die dich auf der Straße fragen: „Onkel, hast du etwas Geld für uns?” Das alles gibt es, aber die echten Griechen tragen das Los mit Stolz und sie wollen etwas bewirken. Die, die nur Krawall machen, das sind für mich keine Griechen. Sie zerstören unser Ansehen, sie haben nicht den Stolz ihrer Ahnen in sich.

Es gab schlimme Auswüchse, etwa Hitler-Vergleiche, die sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen musste.

Das war unerträglich und peinlich. Wir wissen, was wir an den Deutschen haben, sie sind unsere Freunde. Keine Nation kommt öfter zu Besuch, sie sind unsere Lebensader. Und die echten Griechen wissen, wie sehr Deutschland uns auch im Moment gerade mit Geldern hilft, da herrscht Dankbarkeit.

Wie sehr kann ein Sportereignis wie die EM jetzt eine Volksseele heilen?

Vollkommen. Sie kann eine Flamme sein für die Menschen, die ihnen das Licht in eine bessere Zukunft zeigt, die die Schatten der Finsternis vertreibt und so den richtigen Weg weist. Nehmen Sie das Jahr 2004. Griechenland holte sensationell den EM-Titel, wir hatten die Olympischen Spiele, gewannen den European Song Contest und ein Grieche wurde in Deutschland auch noch Dschungelkönig.

Sein Name: Costa Cordalis.

Ja, aber das war nicht wichtig. Damals brannte das Olympische Feuer in der griechischen Seele, das brauchen wir wieder. Und ich hoffe, dass unsere Fußballer diesen Funken wieder entzünden können und eine ganze Nation motivieren. Und es gibt kein Volk der Welt, das besser und schneller entfacht werden kann als wir Griechen. Wenn jetzt dieser Funke vom Sport ausgeht, kann er das Land erfassen und auch Europa helfen, damit Griechenland nicht noch andere Länder in die Krise zieht.

Eine gewaltige Aufgabe, aber wie Sie einst schon sangen: „Die süßen Trauben hängen hoch”.

Ja, und sie schmecken wunderbar, nur der Fuchs wusste das nicht, weil sie für ihn zu hoch zum Pflücken waren. Aber wer jemals die Süße des Erfolgs erlebt hat, weiß, wie herausragend diese süßen Trauben schmecken.

Ein Mann stand damals wie kein Zweiter für den Erfolg in Griechenland – Otto Rehhagel, der Trainer der Nationalmannschaft.

Er war unser Zeus, er hat den Weg vorgegeben, er hatte diese Aura, die mitriss. Die Spieler hingen an seinen Lippen. Er sprach, und die anderen führten das aus, was er als Vision hatte. So hatte Griechenland meist Erfolg. Als funktionierendes Kollektiv, das im Vertrauen zu seinem Visionär agiert.

Keiner hatte den Griechen damals den Erfolg wirklich zugetraut.

Das stimmt. Aber Rehhakles wusste, dass er auf vielen Ebenen keinen Chance gegen die großen Nationen hatte. Spielerisch konnten wir nicht mithalten, wir hatten nicht die großen Superstars. Aber genau wie die Griechen vor Troja, die die Mauer nicht knacken konnten, schlug er die Gegner mit seinen Stärken. Mit List, mit Verstand, mit der Fähigkeit, dem Gegner seine Stärken zu nehmen. Sein trojanisches Pferd war die starke Abwehr. Das war ein magischer Moment für Griechenland. Den könnten wir nun wieder gut brauchen, dass unsere Köpfe wieder den Glauben an uns selbst finden.

Wie wichtig ist dieser Glaube an sich selbst im Sport, aber auch in der Musik?

Extrem! Ich betreibe seit vielen Jahren Meditation. Nur die Seele, die in sich ruht, hat die Kraft für Großes. Ist sie wie ein aufgeschreckter Hund, verbreitet sie nur negative Energie – und nimmt auch nur solche auf. Ich bin mir sicher, das Champions-League-Finale wäre anders ausgegangen, wenn die Bayern-Spieler mehr in Meditation geübt wären. Ein Schweinsteiger muss sich beim Elfer nicht auf den Schuss konzentrieren, er muss den Kopf positiv füllen. Er muss sich selbst konditionieren, dann klappt das. Im heutigen Sport wird das Potenzial des Kopfes noch nicht wirklich genutzt. Leider.

Wenn man das Orakel von Delphi befragen würde, wer holt den Titel?

Das Orakel wäre wie immer kryptisch und die Interpretation offen. Es würde sagen. Spanien wird Europameister, Spanien wird es nicht, Deutschland wird es, Deutschland wird es nicht. Vielleicht sollte man lieber den Nachfahren der Krake Paul befragen, der war klarer in den Aussagen – und immer richtig. Ich würde es so ausdrücken: Die größte Energie im Universum ist die Liebe. Europameister wird der, der die größte Energie freisetzen kann, wer also am meisten Liebe geben kann. Liebe für das Spiel, die Fans, das Land. Und wenn dann der Sieger feststeht, werde ich in Mallorca ein großes Fest mit ganz vielen Freunde feiern und dabei versuchen, den Sirtaki-Weltrekord zu brechen.

Da wird aber auch viele Liebe produziert werden.

Da können Sie sicher sein.

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