"Bruder, das ist unser Song"

Der Gangsta-Rapper Bushido schrieb für seinen freund Sami Kedira den Song „Fackeln im Wind“. Der ist jetzt das Lied des DFB-Teams.
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Großer Deutschland-Fan: Gangsta-Rapper Bushido, der eng mit Sami Kedira befreundet ist.
dpa Großer Deutschland-Fan: Gangsta-Rapper Bushido, der eng mit Sami Kedira befreundet ist.

Der Gangsta-Rapper Bushido schrieb für seinen freund Sami Kedira den Song „Fackeln im Wind“. Der ist jetzt das Lied des DFB-Teams.

AZ: beim Sommermärchen 2006 pushten sich die Spieler mit Xavier Naidoos „Dieser Weg“ vor den Spielen auf, jetzt ist Ihr „Fackeln im Wind“ die deutsche Motivationshymne. Wie stolz macht das den Fußball-Fan Bushido?

BUSHIDO: Das ist einfach unglaublich, Mann. Ich bin ja im Musikbereich schon seit einigen Jahren erfolgreich unterwegs, habe fast jeden Preis gewonnen, da ist der Erfolg sicher ein bisschen zum Alltag geworden. Aber dieser Moment hier, der hat dafür gesorgt, dass bei mir wieder die Freude einkehrt. Das ist für mich als extremen Fußballfan vielleicht der schönste Moment überhaupt. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt mal so stolz war, Musik zu machen.

Dabei fing alles ganz klein an, mit einen Song für einen Freund...

Genau, das war keine geplante Aktion, sondern ich bin mit Sami Khedira sehr gut befreundet und ich habe ihm dann extra für die WM ein Lied geschrieben und ihm für seinen MP3-Player mitgegeben. Er war dann so was wie der DJ bei der Nationalmannschaft und hat n den Song den anderen vorgespielt, die waren alle total begeistert. Da hat er mich angerufen und gemeint: „Bruder, das ist irgendwie unser Song geworden!“ Das war für mich der Ritterschlag. Früher sagte man, dass man sieben Fliegen mit einer Klatsche schlägt, das ist für mich wie gleich elf Fliegen mit einer Klatsche. Das ist alles so unglaublich. So unglaublich, wie auch die deutsche Mannschaft bei dieser WM spielt. „Fackeln im Wind, das ist für mich eine reine Liebesbekundung an das deutsche Team. Es reflektiert zu 105 Prozent einfach nur das reine Fan-Dasein meinerseits. Es hat auch keine versteckte politische Aussage. Es ist nur mein Versuch, mich als Fußballfan zu artikulieren.

Dabei gibt es ja eine richtige Inflation an WM-Liedern, jeder sogenannte Musiker – oft sind es aber nur versuchte Comedians – hat auch ein Song zur WM auf den Markt geschmissen.

Ja, und ich finde das auch relativ geschmacklos, dass jeder Trottel glaubt, da mitmachen zu müssen. Aber am Ende des Tages haben wir das als Konsumenten und Hörer zum Glück selber in der Hand. Wir können denen die Rote Karte zeigen. Der Fan sollte nicht jeden Quatsch mitmachen, nur weil vielleicht irgendwo im Video ein Fußball auftaucht. Für mich war es nur ein Song für einen Freund. Sami und ich telefonieren jeden Tag, sind wirklich sehr eng.

Sie sprachen die deutsche Nationalmannschaft an. Mit Spieler wie Cacau, Khedira, Özil, Boateng steht dieses Team auch für das veränderte Deutschland.

Definitiv! Vielleicht hätte es solche Veränderungen, dass Spieler mit Migrationshintergrund dabei sind, viel früher geben können. Aber das ist auch nichts, was auf Bestellung oder Anweisung passieren kann, beim Gerald Asamoah früher hatte ich etwa das Gefühl, dass man ihn aufgrund seiner Hautfarbe, aber nicht unbedingt seiner Leistung mitgenommen hat. Jetzt ist das eine Harmonie, etwas Gewachsenes.

Macht dieses Farbenfreude im Team, diese Mannschaft auch so sympathisch für alle Bevölkerungsschichten?

Absolut. Das Deutschland, das viele noch im Kopf haben und das wirkliche Deutschland, das sind zwei Dinge. Deutschland hat sich verändert und diese Mannschaft steht für diese Veränderung. Wir alle dürfen daher nicht in der Vergangenheit verharren, sondern müssen uns an der Gegenwart orientieren und dürfen vor allem keine Angst vor der Zukunft haben. Und was ich im Moment sehe, ist wunderbar. ich habe noch nie so viele Ausländer gesehen, die die deutsche Flagge zeigen, das Trikot tragen, wie jetzt. Die alle sagen: Das ist unser Land und wir sind stolz drauf. Sie identifizieren sich mit diesem Team, diesem Land. Nicht weil Özil türkische Abstammung hat, sondern weil das jetzt eben alles Deutsche sind. Das ist alles sehr schön, sehr befreiend für Kopf, Herz und Seele.

Das klingt alles so, als wären Sie lieber Kicker als Rapper!

Da haben Sie recht. Ich habe über zwei Millionen Platten verkauft und bin mit dem Beruf sehr zufrieden, aber wenn ich beim Fußball vor dem Fernsehen sitze, wünsche ich mir einfach, ich wäre der, der da im deutschen Trikot spielt.

Was bedeutet für Sie Deutschland?

Das ist einfach meine Heimat. Das war sie immer, wird sie immer sein. Klar, mein Vater ist Tunesier, aber für mich hat sich nie die Frage gestellt, was passiert in Tunesien, sondern nur, was in Deutschland abgeht. Die Deutschen sind sehr offen, sehr tolerant. Es gibt so vieles, worauf man stolz sein kann, aber trotzdem neigen wir leider dazu, immer zu schimpfen, depressiv zu sein, den Teufel an die Wand zu malen. Ich finde es toll, dass uns diese WM jetzt vier Wochen die Chance gibt, einfach Spaß zu haben. Überall hängen Flaggen, man grüßt sich, man winkt sich zu. Das sind vier Wochen Freiheit, die uns diese WM schenkt. Das sollte noch viel öfter passieren.

Wie muss man sich den Gangsta-Rapper Bushido beim Fußballschauen vorstellen?

Doch!

Ich bin immer kurz vor dem Herzinfarkt. Das sind die 90 längsten Minuten meines Lebens und in denen altere ich gefühlte vier Jahre. Beim Argentinien-Spiel musste ich sogar vor lauter Aufregung und Nervosität zwischenzeitlich spazieren gehen. Ich lade zu den Spielen, dann immer meine Freunde zu mir in den Garten ein. Meine Mutter bereitet das Fleisch vor, wir grillen und lachen und weinen und schreien und schimpfen und drohen den Gegnern durch den Fernseher. Maradona zum Beispiel, den ich als Spieler immer verehrt habe, war mir bei der WM absolut unsympathisch. Der hat seinen Charakter so offenbart, dass ich von dem gar nichts mehr wissen will. Wir haben einfach unglaublich viel Spaß.

Der Gangsta-Rapper im eigenen Garten, sehr heimelig!

Ich bin da Spießer, ja. Ich halte an Werten fest, die viele von der Kunstfigur des Gangsta-Rappers nicht erwarten. Ich mag ein sauberes, korrektes Inneres in meinem Haus, ich lege wert auf Anstand. Ich gehe regelmäßig zum Steuerberater und zum Arzt, ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht, nehme keine Drogen und bin sehr gerne mit meiner Mutter zusammen. Ich liebe es, in meinem Garten zu liegen, die Hecke zu schneiden. Ich bin da wie Heinz Rühmann. Der wollte abseits der Bühne auch seine totale Ruhe. Der hat auf der Bühne sein Programm abgezogen und eine Person gespielt, die er nicht ist.

Die Bühnenfigur Bushido provoziert dauer.

In Deutschland stößt man ja ganz schnell an Grenzen. Da zu provozieren, ist nicht schwer. Ich sehe das so, solange mir meine Mutter nichts vorwirft, ist die Welt für mich in Ordnung. Aber ihr gefällt der Text von „Fackeln im Wind“ sicher besser als manches, was ich sonst geschrieben habe.

Ihr Körper ist von Tattoos bedeckt, würden Sie sich zur Feier des WM-Titels wieder was stechen lassen?

Nun, man sollte sich sicher nicht aus der Euphorie des WM-Sieges heraus tätowieren lassen, aber ich würde mich eventuell mit Khedira bequatschen und wenn wir der Meinung sind, dass wir eine Basis dafür gefunden haben, würde ich mich auch tätowieren lassen. Ich bin da für alles offen, sofern Samis Vater ihm das erlauben würde.

Interview: Matthias Kerber

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