"Wir lieben die Deutschen": Viel Euphorie für das DFB-Team in Winston-Salem
Seid Ihr aus Deutschlääänd? Gehört ihr gar zum Team? Downtown Winston-Salem, ein drückend heißer Montagmittag. Wir Reporter wurden an der Sprache erkannt. Oder vielleicht an der Kleidung? Auf jeden Fall wurden wir in Winston-Salem sehr freundlich willkommen geheißen, als wir von unserem Job als WM-Berichterstatter erzählten. Von den Einwohnern, die wussten, dass eine WM ansteht. Und – das on top – von denen, die davon gehört hatten, dass Deutschlääänd, sprich der DFB-Tross, sein WM-Quartier in der Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern in North Carolina nun bezogen hat.
Euphorie, und das ist etwas typisch Amerikanisches, hat man dann, wenn man von ihr erfährt. Doch, doch, sagte Studentin Sabrina, sie sei ein großer Fan der Nationalelf. Vor allem, weil die Germans beim letzten World Cup, also der WM 2022 in Katar, "so fantastic" gespielt haben. Nun ja, Ansichtssache. Und weil sie German politics möge. Das ist dann wiederum Geschmackssache – und immer eine Frage der Perspektive.
3.000 Fans durften zum ersten öffentlichen Training des DFB-Teams
Winston-Salem wirkt etwas ausgestorben als die AZ einen Rundgang durch Downtown macht. Zur Verteidigung des Bindestrich-Ortes ist zu sagen: Es ist heiß, sehr heiß. Und es ist Montagmittag. Was soll da schon los sein in der "Stadt der Kunst und Innovation"? Sarah McCoy, eine bekannte New-York-Times-Bestsellerautorin, lebt in Winston-Salem mit ihrem Mann Brian, mit Hund Gilbert und Katze Tularosa.
In der Fourth Street gibt es ein paar Bars und Restaurants, etwa den Japaner "Ramen Mafia" oder den Inder "Oh' Calcutta". Warum die Stadt etwas ausgestorben wirkt? Weil bereits Summer Break ist, Uni-Sommerferien von Juni bis Mitte August. Ein Viertel der Studenten ist weg, ab nach Hause, erklärte Sabrina und mit diesem Fakt hat sie ausnahmsweise mal Recht. Die Zurückgebliebenen vergnügen sich montags mit Karaoke im "Single Brothers", dienstags im "Thirsty Pallet und von Donnerstag bis Samstag im "Gatsby's Pub". Der soll recht groß sein.

Doch wer braucht schon Karaoke, wenn die Germans in der Stadt sind und in der noblen Unterkunft "The Graylyn Estate" unweit der feinen Trainingsplätze des Campus der Wake Forest University trainieren? Im Spry Stadium, dem mit dem ganz feinen Rasen, hielt Bundestrainer Julian Nagelsmann am frühen Montagabend in gewittrig-schwüler Luft ein öffentliches Training ab. Ein schöner, bunter Auflauf glücklicher Menschen in Fanartikeln aus diversen Jahrzehnten. 3.000 Glückliche durften zum Happening – die kostenlosen Karten waren binnen vier Minuten vergriffen.
"Winston-Salem war unsere erste Wahl als Basecamp"
"Winston-Salem war unsere erste Wahl als Basecamp", betonte DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor dem Trainingsstart über Mikrofon und erhielt dankbaren Beifall. Da man viele weitere Fans enttäuschen musste, erkundigten sich die Organisatoren beim DFB, ob man denn den Live-Stream des Verbandes auch in den hiesigen Pubs zeigen dürfe. Gefragt, genehmigt, getan. Etwa in der Sports Bar "Millers on Trade" oder im "Recreation Billiards". Crazy. Man stelle sich das mal back home, in good old Germany vor. Eine Kneipe überträgt eine Trainingseinheit!
Vor Ort auf dem Uni-Gelände bekamen die Anhänger Goodies vom DFB-Ausrüster, Deutschland-Trikots mit der Rückennummer 26 und der Aufschrift Winston-Salem. Dazu fürs Auge ein paar nette Trainingsspielchen und hinterher Autogramme plus Selfies. Der dafür vorgesehene Bereich musste aufgrund des starken Andrangs wegen Überfüllung gesperrt werden. So viel Euphorie hatte ein DFB-Team zuletzt 2010 kurz vor der WM in Südafrika erfahren, als man direkt nach der Ankunft in das Township nach Atteridgeville bei Pretoria fuhr, um die erste Einheit abzuhalten - offen für alle.
Winston-Salem wird auch "Camel City" genannt
In Winston-Salem zog die Idee "Make the Germans great again!" aber so richtig. "Wir lieben die Deutschen. Wir sind sehr stolz, dass sie hier sind", sagte Kathy, ein großer Fan mit einem kleinen Hund. "Dass sie hier sind, macht uns international. Bisher waren wir nur für Zigaretten bekannt." "Camel City" wird Winston-Sale genannt – nach der berühmtesten Marke, die einer der berühmtesten Menschen, die hier je gelebt haben, auf den Markt brachte: 1875 gründete Richard Joshua Reynolds an Ort und Stelle ein Tabakunternehmen. Alles Schall und Rauch? Nee, gibt’s noch. Am Reynolds Building, dem turmhohen Symbol der Tabakindustrie, weht in luftiger Höhe neben der – freilich größeren US-Fahne – dieser Tage auch die deutsche Fahne.
Toby, der kecke Chihuahua von Kathy, sei auch ein Fußball-Fan, behauptete das Frauchen. Der Hund ist – gemäß seiner Größe - ein lokales Berühmtheitchen, hat einen eigenen Instagram-Kanal und mehr als 1600 Follower. Kathy orderte bei Amazon jüngst ein Germany-Hundetrikot, wohl in XXS. Vielleicht wird Toby ja Deutschlääänds Glücksbringer.
