Interview

Béla Réthy im AZ-Interview: "Da ist mir das Blut in den Adern gefroren"

Wie kommentiert man das Unkommentierbare? ZDF-Legende Béla Réthy erklärt in der AZ, wie er die dramatischen Szenen um Christian Eriksen erlebt hat – und warum er für eine Verschiebung plädiert hätte.
| Patrick Strasser
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Die dänischen Spieler eilen zum am Boden liegenden Eriksen.
Die dänischen Spieler eilen zum am Boden liegenden Eriksen. © dpa/AP Pool

Kopenhagen - Der Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen stellte das übertragende ZDF vor eine schwierige Prüfung. Wegen der Unterbrechung der Partie Dänemark gegen Finnland (stattdessen lief eine Folge des "Bergdoktor") wurde das Spiel Belgien gegen Russland (Anstoß 21 Uhr) zunächst bis zum Ende der Partie in Kopenhagen auf ZDFinfo gezeigt.

Zahlreiche TV-Zuschauer fanden, dass darauf nur unzureichend hingewiesen wurde. Einigen stieß sauer auf, dass ZDF-Kommentator Béla Réthy kurz vor Ende anmerkte, die Dänen seien "zeitweise unter Schock" gestanden. Zeitweise?

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AZ: Herr Réthy, während des EM-Spiels Dänemark gegen Finnland brach Christian Eriksen zusammen und musste reanimiert werden. Haben Sie solch eine Situation live am Mikrofon schon einmal erlebt?
BÉLA RÉTHY: Nein. Und dass man um das Leben eines Sportlers live im Stadion kämpft und bangt, will ich auch nie wieder erleben. In all den Jahren meines Berufslebens war das meine bisher schwierigste, weil emotionalste Übertragung.

Wie schwer fiel Ihnen in dem Moment das Kommentieren?
Mein Assistent und ich hingen zunächst im luftleeren Raum, das war ja vor der Gegentribüne, also von mir aus gesehen schräg gegenüber. An den Bewegungen der Ärzte, die eine Herzdruckmassage durchführten, konnte man erkennen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

"Es wurde von Minute zu Minute emotionaler"

Sie haben während der Unterbrechung der Partie lange geschwiegen.
Die Bilder haben leider für sich gesprochen. Manchmal fehlen einem auch die Worte. Auf solche Situationen kann man sich nicht vorbereiten.

Was sehr hat Sie das mitgenommen?
Sehr. Es wurde von Minute zu Minute emotionaler, weil er nicht aufstand. In dem Moment bist du ja nicht nur Reporter, sondern auch Mensch.

"Man konnte erkennen, das etwas Schlimmes passiert sein musste", sagt ZDF-Mann Béla Réthy über das Drama von Kopenhagen.
"Man konnte erkennen, das etwas Schlimmes passiert sein musste", sagt ZDF-Mann Béla Réthy über das Drama von Kopenhagen. © imago/Ritzau Scanpix

Was lief im Hintergrund ab mit der ZDF-Redaktion in Mainz?
Wir haben von dort versucht, mit gewissen Kontaktpersonen Telefonate zu führen, wie Eriksens Zustand ist und was nun passiert.

Waren Sie froh, dass relativ zeitnah ins ZDF-Studio zu Moderator Jochen Breyer geschaltet wurde?
Wir alle haben uns darauf verständigt, dass wir aus der Live-Übertragung aussteigen. Auch ich habe dafür plädiert. Ich konnte den Studio-Ton mitverfolgen und finde, dass man es dort sehr gut aufgefangen hat.

Réthy: Spielabbruch wäre besser gewesen

Allerdings. Hätten Sie persönlich für einen Abbruch, beziehungsweise eine Verschiebung plädiert?
Ja, das wäre meiner Meinung nach besser gewesen. Aber wie ich gehört habe, hat die UEFA die Spieler nicht gedrängt, sondern frei entscheiden lassen. Die Alternative wäre eine Fortsetzung am Sonntag um 12 Uhr gewesen. Ob das dann nach einer Nacht mit all den Gedanken, die sich die Spieler machen, besser gewesen wäre, ist die Frage.

Wie hat sich das Kommentieren nach dem Wiederbeginn angefühlt?
Schwierig, eine große Herausforderung. Plötzlich wurde wieder Fußball gespielt. Zunächst war da die Erleichterung, dass Eriksen stabil ist und mit seinen Mitspielern kommuniziert hat. Ich wollte dennoch möglichst angemessen kommentieren, sehr fachlich, sparsam. Ohne große Wortspiele oder Dönekes. Am Ende gab es mit dem 1:0 der Finnen eine große sportliche Überraschung zu vermitteln, das gehört zur Reporterpflicht. Aber dass die Dänen von den Vorfällen nachhaltig beeinträchtigt waren, konnte man sehen.

Béla Réthy kommentiert fürs ZDF.
Béla Réthy kommentiert fürs ZDF. © Axel Heimken/dpa

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die internationale Bildregie hätte zu lange auf die Spielertraube und Eriksens Frau draufgehalten?
Es ist ein schmaler Grat zwischen Informationspflicht und Sensationslust oder Voyeurismus, vergleichbar mit TV-Bildern von einem Autounfall. Ich fand die Bildführung überwiegend gelungen, es war nicht unangemessen. Einmal hat man für zwei Sekunden Eriksen mit aufgerissenen Augen gesehen, da ist mir das Blut in den Adern gefroren. Das geht sensibler.

Wie finden Sie nun in den EM-Alltag zurück?
Wir reisen nach München, am Dienstag kommentiere ich mit Sandro Wagner als Experte an meiner Seite Deutschland gegen Frankreich. Ich hoffe, es geht wirklich nur um Fußball. Das würde mich freuen.

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