Urs Meier: "Ich habe Ballack zum Märtyrer gemacht"

Der frühere Top-Schiedsrichter Urs Meier spricht in der AZ über die tragische Szene bei der WM 2002 und den Videoassistenten: "Die Fifa geht ein sehr hohes Risiko ein. Das System ist nicht ausgereift."
| Interview: Maximilian Koch
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Urs Meier.
Urs Meier.

München - Der 59-jährige Schweizer Urs Meier gehörte zu den besten Schiedsrichtern der Welt. Er ist WM-Experte des ZDF.

AZ-Interview mit Urs Meier

AZ: Herr Meier, Sie begleiten die WM in Russland als Experte beim ZDF. Was war eigentlich Ihr schönster WM-Moment als Schiedsrichter? Sie waren ja bei den Turnieren 1998 und 2002 im Einsatz.
URS MEIER: Das war mein erstes WM-Spiel 1998 zwischen den USA und Iran. Eine brisante Partie aufgrund der politischen Lage. Auf meinen Wunsch hin gab es vor dem Spiel ein gemeinsames Bild der Teams, das anschließend um die Welt ging. Es war 21 Jahre mein Ziel, zu einer WM zu kommen. Das war damals ein ganz toller, ein ganz tiefer Moment. Ich erinnere mich noch genau an die Geräuschkulisse im Stadion in Lyon.

Gab es auch einen besonders negativen Moment?
Das war ebenfalls 1998, als es am Ende des Turniers darum ging, welcher Schiedsrichter das Finale pfeift und wer das Spiel um Platz drei. Ich war der einzige Europäer unter den letzten vier Schiedsrichtern und wurde dann beim Spiel um Platz drei als vierter Mann eingesetzt. Das war enttäuschend. Es war Politik im Spiel.

Gelbe Karte gegen Ballack: Urs Meier "hatte keine Wahl"

Den deutschen Fans sind Sie noch in Erinnerung, weil Sie Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 die Gelbe Karte zeigten - und der beste DFB-Spieler dadurch das Endspiel verpasste.
Das war natürlich eine Entscheidung mit Folgen, ich werde heute noch oft darauf angesprochen. So etwas macht man nicht gerne, du verhinderst einem Menschen ein WM-Finale. Aber als Schiedsrichter musste ich es machen, es war eine Szene, in der Ballack eine klare Torchance der Südkoreaner verhindert hat. Ich hatte das ganze Spiel über den Maßstab für Gelbe Karten ganz oben angesetzt. Aber in der Szene hatte ich keine Wahl. Ballack hat danach auch nie gesagt, dass es eine falsche Entscheidung war. Und außerdem: Ich habe ihn damit zum Märtyrer für Deutschland gemacht.

Bei der WM in Russland kommt nun erstmals der Videoassistent zum Einsatz - obwohl viele Schiedsrichter noch keine Erfahrung damit haben. Ein Risiko?
Die Fifa geht zweifellos ein sehr hohes Risiko ein. Aber: Den Mutigen gehört die Welt. Ich hoffe, wir sprechen während des Turniers weniger über die Schiedsrichterentscheidungen und mehr über großartigen Fußball, aber es besteht die Gefahr, dass es anders kommen wird. Ich denke, wir werden sehr viele Diskussionen über den Videobeweis erleben.

Meier: Das System Videobeweis ist nicht ausgereift

In der Bundesliga gab es in der vergangenen Saison immer wieder Fehlentscheidungen - trotz Videobeweis.
Das ganze System ist noch nicht ausgereift. Man hätte die Testphase, die es gab, etwa in der Bundesliga, nun erst einmal aufarbeiten müssen: Was war gut, wo gibt es Verbessungsbedarf? Und dann hätte man den Video-Schiedsrichter bei der nächsten WM einsetzen können. Man muss ja auch eines bedenken.

Und zwar?
Es kommen bei der WM einige Schiedsrichter aus kleineren Nationen zum Einsatz. Die haben ohnehin schon Probleme, sich an das hohe Tempo und den hohen Druck einer WM zu gewöhnen. Und nun müssen Sie auch noch mit dem Videobeweis umgehen. Das wird sehr schwierig.

Sehen Sie denn generell Verbesserungsbedarf beim Thema Videobeweis?
Durchaus. Ich halte die Möglichkeit der Challenges für eine sehr gute Variante. Damit würde man den Druck ein Stück weit von den Schiedsrichtern wegnehmen. Ich würde den Trainern die Möglichkeit geben, zwei Challenges pro Halbzeit zu nehmen. Wenn es dann in der Schlussphase eine strittige Entscheidung gibt und der Trainer seine Challenges schon aufgebraucht hat, ist es seine Verantwortung - nicht die des Schiedsrichters.

Bei der WM kommen nun noch mehr Video-Schiedsrichter als in der Bundesliga zum Einsatz, um strittige Szenen zu überprüfen. Eine gute Idee?
Es könnte sein, dass die Entscheidungsfindung jetzt noch länger dauert. Meine Meinung ist: Viele Köche verderben den Brei. Ich habe nicht das Gefühl, dass mehr Schiedsrichter für bessere Entscheidungen sorgen. Die Qualität ist entscheidend.

Urs Meier.
Urs Meier.
Urs Meier. Foto: dpa

Manch einen Fan dürfte es überrascht haben, dass Felix Zwayer als Video-Schiedsrichter zur WM fährt - nach seinem Fehler im Pokalfinale.
Zwayer ist der richtige Mann als Video-Schiedsrichter, er verfügt über die nötige Erfahrung und das Fußballverständnis. Innerhalb der Uefa hält man viel von Zwayer. Die deutschen Video-Schiedsrichter sind den anderen Referees ohnehin voraus, weil das System in der Bundesliga bereits getestet wurde. Und die Szene aus dem Pokalfinale wird Zwayer weiterhelfen, durch solche Erfahrungen wird man noch stärker.

Meier: Felix Brych ist ein Mann fürs WM-Finale

Als Schiedsrichter kommt der Münchner Felix Brych zum Einsatz. Nachvollziehbar?
Das ist eine gute, logische Wahl. Brych hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass er zur Weltspitze gehört. Er macht sich wenige Gedanken, geht ganz gelassen in so ein Turnier. Brych ist natürlich davon abhängig, wie weit die deutsche Mannschaft kommt. Generell ist er ein Mann fürs Finale.

Wie sehen Sie denn die Chancen des deutschen Teams?
Der WM-Titel geht nur über den Weltmeister. Deutschland hat ein sehr starkes Team, für die Gegner wird es ganz schwer.

Im Achtelfinale könnte es ja bereits zum Duell mit Ihren Schweizern kommen...
Ich gehe davon aus, dass die Schweiz und Deutschland ihre Gruppen überstehen. Da herrscht bei mir jetzt schon Vorfreude auf dieses Spiel - und keine Angst. Ich hätte richtig Bock drauf!

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