Stielike: "Son kann jedem Gegner gefährlich werden"

Uli Stielike, bis 2017 Trainer der Nationalmannschaft aus Südkorea, erklärt im WM-Gespräch, was die Elf um ihren Superstar Heung-Min Son ausmacht – und sagt, was er von Fragen zu seinem karierten Sakko hält.
| Julian Buhl
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Südkoreas Hoffnungsträger: Heung-Min Son, der in Tottenham spielt.
Marius Becker/dpa/AZ Südkoreas Hoffnungsträger: Heung-Min Son, der in Tottenham spielt.

Moskau - WM-Gespräch mit Uli Stielike. Der jetzt 63-Jährige spielte von 1975 bis 1984 42 Mal für Deutschland, von 1998 bis 2000 war er Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, von 2015 bis 2017 trainierte er das Team der Südkoreaner.

AZ: Herr Stielike, wie und wo werden Sie das entscheidende Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft am Mittwoch (16 Uhr) gegen Südkorea verfolgen?
ULI STIELIKE: Ich bin mit meiner Mannschaft (dem chinesischen Erstliga-Klub Tianjin Teda; d. Red.) gerade in Japan im Trainingslager. Durch die Zeitverschiebung wird es hier 23 Uhr sein, aber dieses Spiel lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.

Sie standen als Nationalcoach der Südkoreaner eigentlich bis 2018 unter Vertrag, wurden aber im Juni 2017 entlassen. Schauen Sie deshalb auch ein wenig wehmütig auf die Partie? Unter anderen Umständen hätten Sie dabei an der Seitenlinie gestanden, bei der WM gegen Ihr Heimatland Deutschland!
Als Spieler bin ich ja 1982 mit der deutschen Nationalmannschaft Vizeweltmeister in Spanien geworden. Es wäre sicher ein weiterer Höhepunkt in meiner Fußball-Karriere gewesen, auch eine WM als Trainer erlebt zu haben. Aber da hatten die Koreaner was dagegen. Die WM wäre durchaus ein schöner Abschluss meiner Tätigkeit dort gewesen, zumal ich mich im Kreise der Mannschaft sehr wohl gefühlt habe, da der Umgang mit den Spielern von großem Respekt geprägt war.

Beide Teams können noch das Achtelfinale erreichen. Kann Südkorea Deutschland aus dem Turnier werfen?
Auf jeden Fall war die Leistung der Koreaner im zweiten Spiel weitaus besser als beim Auftakt. Um Deutschland zu schlagen, wäre aber nochmals eine gewaltige Steigerung nötig. Doch Überraschungen hat es ja schon genug gegeben bei dieser WM.

Worauf muss das deutsche Team gefasst sein?
Korea hat den Wandel vom offensiv ausgerichteten Team mit hohen Ballbesitzanteilen auf die defensive Ausrichtung noch nicht geschafft. Die Gefahr liegt eindeutig in den Sprinterqualitäten eines Son und Hwang, falls der mal im Sturm eingesetzt wird.

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Ist es also ein Schlüssel, Heung-Min Son, der gegen Mexiko ein Traumtor erzielte, auszuschalten?
Hat er Platz und Raum, kann er jedem Gegner gefährlich werden, hinzu kommt seine Beidfüßigkeit und seine Schusstechnik. Und gerade in der defensiven Kompaktheit hatte das deutsche Team in letzter Zeit ja große Schwierigkeiten.

Ihr Nachfolger Shin Tae-Yong, der anfangs sogar noch Ihr Assistent war, kritisierte Sie kürzlich scharf, unterstellte Ihnen unter anderem, keinen langfristigen Plan gehabt zu haben. Wie sehr haben Sie diese Aussagen überrascht?
Anscheinend hat er dies anlässlich der Pressekonferenz bei seiner Vorstellung als Nationaltrainer von sich gegeben. Wohl aus seiner Euphorie heraus, weil eigentlich keiner mit seiner Benennung gerechnet hat. Kurz danach hat man ihm aber bereits zwei spanische Trainer aus dem Staff von Vicente del Bosque zur Seite gestellt, zudem dürften ihn inzwischen die Ergebnisse eingeholt haben. Sollte er unsere Bilanz brechen wollen, müsste er die nächsten 20 Spiele in Folge gewinnen.

Stielike: Titelverteidigung Deutschlands ist möglich

Sie sagten kürzlich, der DFB habe ein Exempel an Ihnen statuiert. Wie haben Sie das genau gemeint?
Das Exempel bezog sich ganz klar auf 1977 und meinen Wechsel zu Real Madrid, nach dem ich knapp zwei Jahre lang kein Länderspiel mehr bestritt. Damals setzte man alle anderen Spieler, die sich im Kreis der Nationalmannschaft befanden, unter Druck. Nach dem Motto: Seht her, wer sich getraut, vor der WM ‘78 ins Ausland zu wechseln, dem passiert das Gleiche.

Trauen Sie Deutschland nach diesem schwachen Start und dem emotionalen Sieg gegen Schweden nun die Titelverteidigung zu?
Bei aller Anerkennung für die Energieleistung des deutschen Teams in der zweiten Halbzeit, insbesondere in den Minuten der Unterzahl, ist aber eins klar – um weit zu kommen, brauchst du auch das notwendige Quäntchen Glück. Wenn sich ihre Leistung stabilisiert und das Glück sich nicht einen anderen Partner suchen sollte, ist auch die Titelverteidigung im Bereich des Möglichen.

In Deutschland verbinden viele Ihren Namen eher mit einem karierten Sakko als mit Ihren sportlichen Erfolgen, die Sie hatten. Ärgert Sie das denn?
Anhand Ihrer Fragestellung erkennt man ja, dass dies für Nachhaltigkeit gesorgt hat. Komisch nur, das immer alle fragen, ob mich die Frage von Anderen stört, sie selbst aber die Gleiche stellen. Fast noch bizarrer als so ein Sakko.

Haben Sie es mal bereut, in der schwierigen Phase von 1998 bis 2000 als Assistent von Bundestrainer Erich Ribbeck gearbeitet zu haben?
Da gibt es nichts nachzukarten und zum Glück musste ich nicht mit zur EM 2000 in den Niederlande, denn da ging ja erst so richtig einiges drunter und drüber.

Wäre es für Sie vorstellbar, noch einmal in Deutschland zu arbeiten?
Eher nein, da ich noch dieses Jahr 64 werde und mir eigentlich vorgenommen habe, so wie jeder andere Bürger mit 65 in Rente zu gehen.

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