Andreas Möller: "Vom Willen her waren wir überragend"

Andreas Möller, 1996 EM-Gewinner, verrät, was das deutsche Team so stark machte – und erinnert sich an seine persönliche Sternstunde.
| Julian Buhl
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"In erster Linie kam eins zum Ausdruck: Stolz!": Andreas Möller über seine spezielle Jubelpose nach seinem Elfertor gegen England.
imago "In erster Linie kam eins zum Ausdruck: Stolz!": Andreas Möller über seine spezielle Jubelpose nach seinem Elfertor gegen England.

Der mittlerweile 48-Jährige wurde in England zum Halbfinal-Held. Er arbeitet jetzt als Experte für "Sport1".

AZ: Herr Möller, Sie waren 1996 beim EM-Titelgewinn in England dabei. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

ANDREAS MÖLLER: Auf jeden Fall schöne, große Erinnerungen. Das war eine tolle Zeit. Das werde ich nie vergessen.

Das Erfolgsgeheimnis?

Das Gemeinschaftsgefühl und der Teamspirit, den wir hatten.

Wie kam das?

Die Mannschaft war ja überwiegend aus Spielern von Borussia Dortmund und Bayern München zusammengestellt. Die Bayern hatten 1996 den Uefa-Pokal gewonnen und wir Dortmunder ein Jahr später die Champions League. Das hat sich sehr gut ergänzt. Wir hatten herausragende Spieler in unseren Reihen. Jürgen Klinsmann war als Kapitän unser Anführer und auch Matthias Sammer hat eine überragende EM gespielt. Vom Spielerischen her waren wir vielleicht nicht überragend, dafür aber vom Kämpferischen und vom Willen. Das war eine Europameisterschaft der Willensstärke und der Willenskraft.

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Steht Sammer da symbolisch für jemanden, der das ganze Team mitreißen konnte?

Nicht nur deswegen war er wichtig. Er hat wie in Dortmund einen modernen Libero vor der Abwehr gespielt. Die Nationalmannschaft hat von ihren Persönlichkeiten gelebt. Andy Köpke hat ein herausragendes Turnier gespielt, Dieter Eilts wurde im Verlauf der EM immer stärker. Es war einfach eine tolle Gemeinschaft.

Welche Rolle hat Bundestrainer Berti Vogts dabei gespielt?

1996 war von den Erfahrungen geprägt, die er in den vorherigen Turnieren gemacht hat. Bei der EM '92 waren wir im Finale, bei der WM '94 unglücklich im Viertelfinale ausgeschieden. Daraus hat er seine Lehren gezogen. Vielleicht hat es uns gutgetan, dass wir nicht als großer Favorit nach England gefahren sind. 1996 hatte das Team ein anderes Gesicht als in den Turnieren zuvor, es war homogen und von einem tollen Mannschaftsgefühl geprägt. Vogts' Motto lautete: "Der Star ist die Mannschaft."


Nachdem er Deutschland ins EM-Finale geschossen hatte, fehlte Möller in dem Schicksalsspiel gesperrt. Foto: imago

 

Im Halbfinale gegen England, haben Sie den entscheidenden Elfmeter verwandelt und erlebten so Ihre persönliche Sternstunde.

Jürgen Klinsmann war ausgefallen. Dann als Kapitän in diesem Halbfinale aufzulaufen, war schon etwas ganz Besonderes für mich. Das war mein persönliches Endspiel. Es war eine unglaubliche Herausforderung, so ein Halbfinale zu gewinnen, gerade gegen England in deren heimischem Wembley-Stadion. Schade, dass ich aufgrund meiner zweiten Gelben Karte dann im Endspiel gesperrt war. Deshalb war eben schon das Halbfinale mein persönliches EM-Highlight.

Und wie waren die Momente vor ihrem Elfmeter für Sie?

Man kann sich ja vorstellen, dass auf dem Weg zum Elfmeterpunkt die Gefühle tanzen (lacht). Da steckt viel Anspannung im Körper, klar. In dem Moment wusste ich, dass wir im Finale sind, wenn ich den Elfmeter verwandele. Ich bin da mit voller Überzeugung rangegangen. Nachdem ich den Ball reingeschossen hatte, hat man ja auch gesehen, dass meine Reaktion darauf sehr von Stolz geprägt war (lacht).

Ein Bild für die Ewigkeit, das Sie mit Ihrer Jubelpose da hinterlassen haben!

Da werde ich heute noch oft darauf angesprochen. Das kam spontan, um zu zeigen: "Seht her, wir Deutschen haben es geschafft und sind jetzt im Finale. Wir haben euch hier in England aus eurem Heimturnier geworfen." Es kam aus dem Affekt heraus, ein Zeichen von Stärke und Stolz.

Mit dem Sie aber die provozierende Jubelpose von Englands Paul Gascoigne imitierten?

In erster Linie kam eins zum Ausdruck: Stolz. Ich habe das für uns alle gesehen, für das Team, für die Fans, für Deutschland. Da ging es nicht um mich. Man wundert sich natürlich heute nach so vielen Jahren und denkt sich: "Was hast du denn da gemacht?" (lacht) In dem Moment habe ich es eben so gefühlt und dementsprechend war meine Reaktion.

Mussten Sie ein wenig schmunzeln, als Sie den Italiener Mario Balotelli bei der EM 2012 haben jubeln sehen – und vielleicht sogar an Ihren Jubel von damals denken?

(lacht) Das kann man nicht vergleichen. Er ist körperlich doch in einer etwas anderen Verfassung. Das hätte damals nicht gepasst, wenn ich noch das Trikot ausgezogen hätte. Ich hätte da deutlich weniger Muskeln zeigen können.

Wie haben Sie dann das Finale erlebt, so als gesperrter Spieler von der Bank aus?

Das war nicht einfach. Wir haben ja lange 0:1 zurückgelegen. Der Ausgleich fiel dann relativ spät und dann kam in der Verlängerung dieses Golden Goal. Als Oliver Bierhoff das 2:1 geschossen hat, haben wir zuerst gar nicht so richtig verstanden, dass das Spiel zu Ende ist. Deshalb kam die Freude über das Siegtor erst relativ spät. Dann war das natürlich fantastisch und ein großes Erlebnis.

Was ist von der Titelfeier speziell im Gedächtnis geblieben?

Was mir in großer Erinnerung geblieben ist, ist die Kassette, die Mehmet Scholl im Bus eingelegt hat. Neue Deutsche Welle (lacht). Die haben wir auf der Rückfahrt ins Hotel gehört. Die Songs konnten wir alle mitsingen, das waren ja unsere Lieder aus unserer Jugendzeit.

Ist die deutsche Elf in Frankreich für Sie der Topfavorit?

Die Deutschen sind als Weltmeister automatisch auch bei der EM Favorit. Bei Turnieren, das wissen wir ja, ist ein deutsches Team immer vorne dabei.

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