Spanien: Ein Lupfer, viele Fragen

Sergio Ramos rettet die Spanier mit seinem Elfmeter ins EM-Finale – dabei lahmt das Spiel des Titelverteidigers.
| Frank Hellmann
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Sergio Ramos rettet die Spanier mit seinem Elfmeter ins EM-Finale – dabei lahmt das Spiel des Titelverteidigers

DONEZK Sie nennen ihn bei der „Selección” den „Zigeuner”. Soll aber nett gemeint sein. Sergio Ramos hat sich immer zu seiner Heimat bekannt, die in Camas, einer Gemeinde von Sevilla liegt. Dort lieben sie Flamenco. Und Stierkämpfe. Was schon viel erklärt. Die Andalusier mögen Spielchen, die zwischen Held oder Versager trennen.

„Sergio, wie bist du dazu gekommen, diesen Elfmeter so zu schießen?” Es ist gleich die erste Frage weit nach Mitternacht gewesen im Presseraum der Donbass-Arena. Ramos hatte selig lächelnd unten am Podium Platz genommen, ihm kam die Ehrung zum „Man of the match” zuteil. Dafür hatte der 26-Jährige bereits frisch geduscht. Wo andere danach kaum einen geraden Satz rausbringen, hat er sich hingesetzt und geplaudert. Und erzählt, wie er den portugiesischen Torhüter Rui Patricio beobachtet habe („Er hat sich immer in eine Ecke bewegt”), dass er sich alles so ausgemalt habe („Ich hatte den Plan schon, als ich zum Punkt gegangen bin”), ja und dann habe er eben auch den Ball so lässig gelöffelt wie vier Tage zuvor erst Andrea Pirlo.

Und doch hat der 4:2-Sieg im Elfmeterschießen gegen Portugal nicht nur Nerven gekostet. Sondern auch an der Substanz genagt. Abwehrchef Gerard Piqué hatte von „einer großartigen Mentalität” berichtet – doch seine Augen waren matt und müde. Kapitän Iker Casillas sagte, „es ist einfach nur wichtig, dass wir im Finale sind” – aber sein Gesicht wirkte blass und leer. Allein Cesc Fabrégas, der Schütze des finalen Strafstoßes, redete „von einem Wunder, dass wir wieder im Endspiel” sind.

Unklar, ob der Eingewechselte am Sonntag im Finale wieder in der Startelf stehen witd. Sicher ist nur, wie die Selección in der Abwehr antritt. Fünf Spiele, ein Gegentor, das spricht für sich. „Wir haben unsere Defensive verbessert”, sagt Vicente del Bosque. Ehrlicherweise müsste der Nationaltrainer anfügen, dass die Offensive dafür gerade umso schlechter aussieht. Den kläglich gescheiterten Versuch mit Stoßstürmer Alvaro Negredo brach del Bosque nach nicht einmal einer Stunde ab. Dominanz stellte der 61-Jährige erst mit den Hereinnahmen von Jesus Navas und Pedro Rodriguez her – zwei wieselflinke Trumpfasse. Auch für eine Anfangself?

Ein stilsicheres Positionsspiel verkommt zum sinnfreien Selbstzweck, wenn der Strafraum so tunlichst gemieden wird. Eine Ursache ist der derzeit erkennbare Abnutzungsprozess einer zentralen Figur: Xavi Hernandez (32), Herzstück des künstlerisch immer noch wertvollen Gebildes. Seine Auswechslung hat der Trainer mehr schlecht als recht erklärt, um sich wuchernde Spekulationen zu ersparen. „Er war müde. Ich wollte mehr Tempo auf dem Platz haben”, brummte del Bosque.

Der Mann mit dem Schnauzbart hat mitbekommen, dass es nie gelang, Dominanz in der regulären Spielzeit zu erzeugen. Und das für spanische Verhältnisse lächerliche Plus von 57 Prozent Ballbesitz und 11:10 Torschüsse wies die Statistik nur aus, weil die Verlängerung in spanische Hände gelangte.

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