Fan trifft Fan: Die Tücken dieser EM

Die einen sind wahre Fußball-Kenner, die anderen wollen vor allem feiern. Ab jetzt fiebern beide mit der National-Elf mit – geht das gut?
| Nadja Lebkuchen
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Er will das Spiel sehen, sie feiert einfach Schwarz-Rot-Gold: So unterschiedlich sind die Fans.
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Fans unter sich: Frauen im Deutschland-Look.
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Fanatiker unter sich: Polnische Ultras zünden Pyrotechnik, einer trägt eine Flagge mit den Farben der Reichskriegsflagge.
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Von wegen einig Vaterland: Diese EM kann Gräben aufreißen. Auf dem heimischen Sofa, beim Public Viewing, in der Arbeit. Denn ab jetzt sitzen sie gemeinsam vor dem Bildschirm – der eingefleischte Fußball-Kenner und der „Party-Fan“. Dem einen ist der Name Herbert Wimmer (Torschütze zum 2:0 beim EM-Finale 1972 gegen die Sowjetunion) ein Begriff. Der oder die andere kennt Sami Khedira nur, weil der mit Lena Gercke (Gewinnerin der ersten Staffel „Germany’s next Topmodel“) liiert ist.

Wer verstehen will, was diese Gruppen trennt und wie sie entstanden sind, ist bei Dr.Martin Thein an der richtigen Adresse. Der Leiter des Instituts für Fankultur und Autor des Buches „Ultras im Abseits“, das sich mit den fanatischsten aller Fans befasst, unterscheidet zwischen wahren Fußball-Anhängern und „Event-Fans“: „Letztere ordnen sich dem Zeitgeist unter, sie sind ’Spaßgesellschaft’-Fans“, erläutert der Psychologe. Die Fans, für der Sport auch zwischen den großen Turnieren stattfindet, sind anders.

„Der ,wahre’ Fußball-Fan liebt den wöchentlichen Ausflug in eine Welt aus einem vom Stadionwind durchdrungenen Biergeschmack, die freudetrunkene Kneipengemeinschaft um die Ecke und auch mal die überkommene Fäkalsprache“, sagt Thein. Das ist bei einer EM anders. Hier geht es fast überall um Party, Idylle und Fähnchenschwenken – und damit in Fan-Augen weniger um den Sport. Deswegen zieht sich der „normale“ Fan laut Thein auf den Vereinsfußball zurück – hier findet noch Identifikation statt.

„Die Fangemeinden der Vereine haben sich kultiviert, sie haben sich traditionell entwickelt.“ Den „neuen Typus“ des Nationalmannschaft-Fans mit Landesflagge auf dem Auto und im Gesicht gibt erst seit den Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Auch die Sozialstruktur ist anders, hat Thein herausgefunden: Der Klub-Fan reist seiner Mannschaft selbst zum unattraktivsten Auswärtsspiel nach. Bei der Nationalmannschaft beobachtet Thein „Urlaubsfans“, die ihre Ferien in Südafrika verbringen und nebenbei ein Spiel der Nationalmannschaft besuchen. Der Fußball werde nebenbei „so mitgenommen“. Theins kritisches Urteil: „Das Fan-Sein rund um die Nationalmannschaft ist ein Hype und es gibt eigentlich keine nachhaltige Bindekraft zum Fußball.“

Das birgt Konfliktpotenzial – wenn der „So-Nebenbei“-Fan etwa im Wirtshaus auf den „Mit-Haut-und Haaren“-Fan trifft. Thein appelliert an die Teilzeit-Fans: „Man sollte schon wissen, wovon man spricht, die Liebe zum Fußball sollte da sein. Etwas Rücksicht, manchmal auch Demut wäre angebracht.“ Denn bei einer Niederlage ist für den Event-Fan die Party vorbei, für den Fußball-Fan bricht eine kleine Welt zusammen. „Es ist absurd, wenn Event-Fans die ,wahren Fans’ trösten wollen. Sie können sich nicht in diesen trauernden Menschen hineinversetzen“, so Thein. Hoffen wir, dass es dazu erst gar nicht kommt.

 

 

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