"Für mich ist und bleibt er der beste Formel-1-Fahrer der Welt"

Vor fünf Jahren verunglückte Michael Schumacher beim Skifahren, kommende Woche wird er 50. In der AZ spricht Ex-Manager Willi Weber über die erste Begegnung mit ihm und Schumis größten Fehler.
| Interview: Johannes Schnabl
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Der Manager und sein Schützling: Willi Weber (l.) und Michael Schumacher.
Carmen Jaspersen/dpa Der Manager und sein Schützling: Willi Weber (l.) und Michael Schumacher.

München - Willi Weber im großen AZ-Interview: Der 76-jährige Unternehmer und ehemalige Rennstallbesitzer entdeckte Michael Schumacher 1988 und brachte ihn in die Formel 1. Bis 2010 war er dessen Manager.

AZ: Herr Weber, 1988 suchten Sie am Salzburgring in Österreich neue Talente für Ihren Formel-3-Rennstall. Schildern Sie uns doch bitte, wie es war, als Sie Michael Schumacher dort das erste Mal begegneten.
WILLI WEBER: Ganz ehrlich, als ich ihn das erste Mal ohne Helm sah, war der Eindruck jetzt nicht gerade umwerfend. Denn irgendwie hab ich da so einen jungen Prinz Eisenherz erwartet, nachdem was ich von ihm auf der Strecke gesehen habe – wie er sein Fahrzeug beherrschte und wie er mit Rennautos umgehen konnte. Da war die Erwartungshaltung natürlich eine ganz andere. (lacht) Plötzlich stand dann aber so ein kleiner verschüchterter Junge vor mir. Da musste ich schon noch mal nachfragen: „Du bist der Michael Schumacher?“ Irgendwie konnte ich es nicht glauben. Aber wir haben uns dann schnell gefunden.

Wie ging es weiter?
Ich habe ihm dann gleich angeboten, mit meinem Fahrzeug zu testen. Ich sagte: Jetzt fahren wir mal auf dem Nürburgring. Da war er dann hin und weg. Für den war es wie Ostern und Weihnachten zusammen. Er wusste gar nicht so recht, was los ist, so hat der sich gefreut.

Schumacher hat fahrerisch und menschlich überzeugt

Die Testfahrten mussten ja sehr überzeugend verlaufen sein. Wir wissen ja, wie es ausging...
Michael hat mich damals gleich in zwei Dingen voll überzeugt. Erstens war er nach ein paar Runden schon schneller als mein damaliger Stammpilot, der schon ein Jahr auf dem Auto saß. Das alleine war schon bemerkenswert.

Und zweitens?
Am zweiten Tag der Tests hörte ich dann über Funk, dass der Michael in der Schikane das Auto rausgeschmissen hat. Sagen wir so: Es war ziemlich zerstört. Dann kam er zu mir zurück, mit dem Helm unterm Arm, ging in meinen Bus rein und meinte so: „Jetzt dürften die Tests für mich erledigt sein. Es tut mir leid.“ Ich bat ihn erstmal, mir zu erzählen, was los war. Dann sagte er: „Herr Weber, ich hab etwas probiert und war dann in der Kurve einfach zu schnell. Es war mein Fehler.“ Er meinte wirklich, er wäre am Ende aller Träume. Aber ich sagte dann: „Du ziehst dich jetzt um, gehst zum Mechaniker und hilfst ihm, das Auto wieder flott zu bekommen, und morgen geht’s weiter.“ Das war dann fast ein bisschen viel für ihn, er konnte es gar nicht glauben. Aber jetzt sag ich Ihnen auch den Grund, warum ich das gemacht habe.

Nämlich?
In diesen fünf oder sechs Jahren, in denen ich das WTS-Team geleitet habe, war er der einzige Pilot, der die Wahrheit gesagt hat. Wie es wirklich war, warum er rausgeflogen ist: „Ich war zu schnell.“ Alle anderen haben getrickst. Da ist dann das Gaspedal hängengeblieben, die Bremse war nicht richtig eingestellt oder das Auto hat nach links gezogen, beim anderen nach rechts... Nur Ausreden. Was ich schon alles gehört habe. Und der Michael, der riskiert, dass er beim ersten Mal gleich alles kaputtmacht, stellt sich danach hin und sagt die Wahrheit.

Also hat er Sie am ersten Tag fahrtechnisch, am zweiten Tag menschlich überzeugt.
Absolut. Da habe ich dann gesagt: „Du fährst für mich weiter.“ Am dritten Tag kamen wir schon zu einem Ergebnis.

Sie gingen damals in Vorleistung, weil Schumacher kaum Kapital mitbrachte. Es kam zu diesem bekannten Deal, mit dem Sie sich zukünftig ein Fünftel seiner Einnahmen sicherten und zum „Mister 20 Prozent“ wurden.
Ja, leider war das viel zu wenig. Er hätte mir auch angeboten, es anders zu machen, dann hätte ich die 80 Prozent bekommen und er die 20. (lacht)

Bei allem Respekt, 20 Prozent von Schumis Einkünften in all den Jahren – das sollte reichen, oder?
Ich kann mich nicht beklagen. Aber ich muss auch eines dazu sagen: Die Jahre, die dann kamen, das war die schönste und erfolgreichste Zeit meines Lebens.

Weber: Die beste Lüge meines Lebens

Wie lief es dann mit Schumis Formel-1-Debüt bei Jordan ab? Als Stammfahrer Bertrand Gachot ausfiel, hätte ja eigentlich ein anderer Pilot in Spa einspringen sollen. Aber Ihre Mitgift war wohl größer.
Das stimmt, ich habe damals für die ersten Testfahrten sofort überwiesen. Als Gachot dann ins Gefängnis kam, weil er einen Taxifahrer mit Pfefferspray attackiert hatte, fragte mich Teamchef Eddie Jordan – wir kannten uns ja schon lange –, ob Michael die Strecke in Spa überhaupt kennt, denn der Kurs gilt ja als sehr anspruchsvoll. Ich hab dann gesagt: „Eddie, der wohnt da nur 100 Kilometer entfernt. Das ist quasi seine Hausstrecke!“ Aber das war natürlich gelogen, Michael war noch nie zuvor in Spa.

Die beste Lüge Ihres Lebens?
Ja gut, das war in dem Fall eben vonnöten, um etwas zu erreichen. Es heißt ja auch Notlüge. Hätte ich die Wahrheit gesagt, dann hätte Eddie sich sehr wahrscheinlich Sorgen um sein Auto gemacht. So hatte er es leicht. Und es hat sich ja alles ausgezahlt. Wir waren das erfolgreichste Gespann, das je in der Formel 1 unterwegs war.

Gibt es in dieser Zeit auch ein Ereignis, das herausragt?
Der Titel 1994 mit Benetton, weil er so unerwartet kam. Vorher hätte ja keiner gedacht, dass der Titel mit diesem Auto überhaupt möglich ist. Und der erste Titel ist ja auch der wichtigste. Damit hat er es geschafft. Er war deutscher Formel-1-Weltmeister. Das hat uns damals ja auch beschäftigt. Wir bauten die besten Autos der Welt, aber in der Formel 1 fuhren nur Franzosen, Engländer und Amis.

Damit ging der Schumi-Hype in Deutschland dann richtig los.
Gott sei Dank, was wir da alles an Merchandising gemacht haben.

Was hatte Schumacher damals, was Sebastian Vettel heute nicht mehr hat?
Das ist ganz schwierig zu erklären. Im Grunde unterscheiden sich die Fahrer nur im Charakter. Diese Charakterstärke, diese Leistung, den Willen und diesen Ehrgeiz, den hat man bei Schumi immer gemerkt, der kam rüber. Das konnten die Zuschauer sogar durch den Fernseher fühlen. So sprang der Funke über. Wir haben es dann geschafft, dass in Hockenheim, wo früher 60 000 Leute waren, plötzlich 120 000 kamen.

Die goldene Zeit der Formel 1.
Ein Hamilton schafft es ja auch noch, Titel und Rennen zu sammeln. Aber die Faszination ist nicht mehr die, die sie einmal war. Aber fragen Sie mich nicht warum.

Diese Boom-Zeit bedeutete aber auch viel Arbeit für Sie, das Interesse an Schumi war ja gigantisch, oder?
Sie wissen es ja selber am besten, was die Journalisten machen. Nach dem ersten Titel hatte ich zwischen 250 und 300 Anfragen für Einzel-Interviews. Hätte ich da nur die Hälfte genehmigt, dann hätte er immer noch keine Zeit zum Fahren und kein Privatleben mehr gehabt. Aber durch die Tatsache, dass ich das meiste absagen musste, bin ich natürlich selber ins Kreuzfeuer der Medien geraten. Am Schluss haben wir uns wieder zusammengerauft, aber in der Erfolgszeit war es sehr schwierig.

Hat sich Schumacher selbst durch den Erfolg verändert?
Überhaupt nicht. Ich sage nur eins: Ein Schotte war gegen den Schumacher ein Verschwender. Ich hab immer gesagt, die echten Schotten kommen aus Kerpen. Einmal, da hatte er schon ein paar Mark verdient, da fragte er mich, was ich mit meinem Geld mache. Ich hab ihm dann von Aktien erzählt, amerikanischer Markt, Dax und so weiter. Letztlich hab ich ihm ein paar Namen genannt. Und nach einem halben Jahr kam er dann zu mir und sagte, er hätte jetzt 500 Euro Miese gemacht. Die wollte er ernsthaft von mir wieder haben. (lacht)

Das Finanzielle ist wohl nicht seine Welt.
Nein, das war es nie. Unsere Devise war immer: Er soll fahren und ich mache den Rest. Der Erfolg hat uns recht gegeben.

Weber: Unser Verhältnis war nicht belastet

Bis 2010, bis zu seinem Comeback, dann ging Ihre Zusammenarbeit zu Ende. Hätten Sie Schumacher zu der Rückkehr mit Mercedes geraten?
Nein, überhaupt nicht. Deswegen hat es ja bei uns ein wenig gefunkt. Ich habe ihn beschworen: „Bitte mach das nicht, du kannst nur verlieren!“ Er war siebenfacher Weltmeister, der ganz oben thront, der muss nichts mehr beweisen. Aber er wollte unbedingt fahren. Naja, ich meinte, dann soll er fahren, aber ohne mich.

War Ihr Verhältnis zu Schumacher nachhaltig belastet?
Überhaupt nicht. Wir hatten ja noch einen Vertrag bis 2014. Aber ich wollte einfach nicht mehr, ich wollte nicht mehr um die Welt gondeln, keinen Jetlag mehr. Ich bin ein Mensch, der sieht, dass alles im Leben seine Zeit hat. Und das, was Michael und ich in fast 20 Jahren geschafft haben, das war unsere Formel-1-Zeit. Die kann man nicht wiederholen. Wir können die Vergangenheit nicht mehr lebendig machen. Aber wir haben uns als Freunde getrennt und danach noch hunderte Male telefoniert, waren Kaffeetrinken oder Abendessen. Unser Verhältnis war nicht belastet. Nur, wie er sich bei Mercedes kaputtgefahren hat, das hat mich belastet.

War das Comeback Schumis größter Fehler?
Aus meiner Sicht ja. Aber der schottische Gedanke, der war wohl vorrangig. (lacht) Es kann halt der beste Fahrer nichts reißen, wenn das Auto nicht passt. Ich kenne halt meinen Schumi, der will nicht nur mitfahren, der will vorneweg fahren.

So werden Sie ihn auch in Erinnerung behalten, auch nach seinem schweren Ski-Unfall.
Für mich ist und bleibt er der beste Formel-1-Fahrer der Welt.

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